Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrates.

Sonderregeln für Corona-Geimpfte? Ethikrat gibt Empfehlungen

Stand: 04.02.2021 22:04 Uhr

Der Deutsche Ethikrat spricht sich dagegen aus, dass Menschen, die bereits eine Corona-Impfung erhalten haben, Sonderrechte bekommen. Ein Gespräch mit der Vorsitzenden Alena Buyx.

Alena Buyx © picture alliance/dpa Foto: Kay Nietfeld
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Könnte es für bereits geimpfte Menschen Sonderregeln geben, damit sie früher ins Kino oder ins Theater gehen könnten? Nein, sagt der Deutsche Ethikrat.

Frau Buyx, Sie lehnen besondere Regeln für Geimpfte ab. Wie begründen Sie Ihre Entscheidung?

Alena Buyx: Wir haben klar formuliert, dass mit Blick auf die staatlichen Freiheitsbeschränkungen individuelle Rücknahmen für geimpfte Personen zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht erfolgen sollten - und zwar schon deswegen, weil man nicht verlässlich abschätzen kann, ob die Menschen noch ansteckend sind. Wenn das Impfprogramm weiter fortschreitet und sich die Situation verbessert, dann würde man diese allgemeinen staatlichen Freiheitsbeschränkungen für alle schrittweise und vorsichtig aufheben können. Maske, Abstände und Dinge, die nicht so einschneidend sind, könnte man noch eine ganze Weile auch allen Geimpften zumuten.

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Es gibt aber auch den anderen Bereich - und das ist eigentlich das, woran die meisten Menschen denken, wenn sie über Begriffe wie Privilegien oder Sonderrechte nachdenken -, und das ist der Zugang zu Angeboten privater Anbieter. Die haben grundlegend eine Vertragsfreiheit. Da sagen wir: Wenn das aber Angebote sind, die für eine gleichberechtigte, basale Teilhabe am gesellschaftlichen Leben unerlässlich sind, dann darf man das nicht auf geimpfte Personen beschränken.

Die Pandemie dauert länger als geahnt, und die Menschen werden ungeduldig und müde. Der Ethikrat sieht keine Möglichkeiten, staatlich angeordnete Beschränkungen für bestimmte Gruppen zurückzunehmen. "Eine Möglichkeit der Weiterverbreitung des Virus kann noch nicht hinreichend sicher ausgeschlossen werden", so Ihre Begründung. Ab welchem Punkt verändert sich denn die Lage?

Buyx: Neueste Zahlen weisen leider darauf hin, dass die Ansteckung anderer durch eine Impfung nur um ungefähr die Hälfte reduziert wird. Die Hoffnung, dass man gar nicht mehr ansteckend ist, habe ich leider nicht mehr. Und bei diesen staatlichen Freiheitsbeschränkungen geht es nicht nur um den Eigenschutz, sondern auch um den Schutz von anderem. Und diese Beschränkungen aufzuheben, wenn man das Virus trotzdem noch übertragen kann, das wäre schwierig - das wird den meisten einleuchten, auch wenn wir alle wahnsinnig müde und belastet sind. Wir weisen aber auch darauf hin, dass man davon ausgehen kann, dass das Fortschreiten des Impfprogrammes dennoch dazu führt, dass es weniger schwere Erkrankungen und Todesfälle gibt und gleichzeitig auch eine Verringerung der Risiken für noch nicht geimpfte Menschen. Und das ist dann ein Grund, vorsichtig die Maßnahmen für alle zurückzunehmen.

Es gibt eine Gruppe in Ihrer Empfehlung, auf die Sie ein besonderes Augenmerk richten: Bewohnerinnen und Bewohner von Pflege-, Seniorenheimen und Hospiz-Einrichtungen. Wie rechtfertigen Sie das?

Buyx: Wir empfehlen, dass die ganz gravierenden Isolationsmaßnahmen in diesem spezifischen Bereich mit Augenmaß aufgehoben werden können, weil das eine Art geschlossenes System ist und die Menschen, die in diesen Bereichen leben, schwerer und anders belastet sind als der Rest der Bevölkerung.

Fürchten Sie nicht trotzdem, dass das von anderen als ungerecht empfunden werden kann?

Buyx: Ich kann sehr nachvollziehen, dass Menschen im Moment sehr vieles ungerecht empfinden. Es ist eine wirklich harte Zeit.

Was sagen Sie Menschen, die sich nicht impfen lassen können oder auch wollen? Ihnen würde die Teilhabe am kulturellen, am gesellschaftlichen Leben - sollte man diese Regeln einführen - verwehrt werden.

Buyx: Ich glaube, dass die meisten Anbieter sich das sehr gut überlegen werden, ob sie ihr Angebot nur für Geimpfte aufmachen. Was nicht passieren darf, ist, dass Angebote auf Geimpfte beschränkt werden, bei denen es um die basale gesellschaftliche Teilhabe geht: Zum Beispiel der eine Bus, der aus dem Dorf in die nächste Stadt fährt; oder der eine Lebensmittelladen in dem einen Ort. Deswegen glaube ich nicht, dass Menschen von der Kultur oder von Restaurants grundlegend ausgeschlossen sein werden.

Ich würde es außerdem sehr begrüßen, wenn wir mehr über Alternativen für diejenigen Menschen sprechen könnten, die sich nicht impfen lassen können, dass man ein duales Angebot möglich machen würde, zum Beispiel mithilfe von Schnelltests. Wenn man meint, dass man den Zugang auf Geimpfte beschränken möchte, dann wäre es hilfreich, wenn man gleichzeitig auch noch an so etwas denken würde.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

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NDR Kultur | Journal | 04.02.2021 | 18:00 Uhr