Elizabeth Strout © picture alliance / Photoshot

Siegfried-Lenz-Preisträgerin Elizabeth Strout im Interview

Stand: 30.09.2022 12:19 Uhr

Die amerikanische Schriftstellerin Elizabeth Strout hat im Hamburger Rathaus den mit 50.000 Euro dotierten Siegfried-Lenz-Preis 2022 erhalten. Die Preisjury würdigte sie als "herausragende Erzählerin, die es verstehe, mit wenigen Strichen das Panorama von Kleinstädten mit all ihren provinziellen Beschränkungen zu entfalten". Im Rolf-Liebermann-Studio des NDR hat sie ihr Werk vorgestellt.

Frau Strout, Sie sind seit Mittwoch in Hamburg, der zweitgrößten deutschen Stadt. Sie selbst sind in Kleinstädten in Maine und New Hampshire aufgewachsen. Welchen Eindruck macht Hamburg auf Sie?

Elizabeth Strout: Es ist ein ganz wunderbarer Ort.

Ihre Romane spielen oft in Kleinstädten. Sind Kleinstädte, sind vor allem Kleinstadtbewohner literarisch ergiebiger als Megacitys?

Strout: Ich denke, gerade für meine literarischen Absichten. Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen, darum kenne ich diese Strukturen sehr gut. Ich fand es schon immer faszinierend, mich in kleinbürgerliche Domizile hineinzuversetzen. Die Nachbarn, die glauben, sie kennen ihre Mitmenschen, und wieder andere Nachbarn, die dieselben Personen ganz anders sehen. Das macht es sehr spannend für mich als Autorin, mit diesen unterschiedlichen Perspektiven zu spielen.

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Die Autorin bei der Preisverleihung. © Screenshot
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Siegfried-Lenz-Preis 2022 geht an Autorin Elizabeth Strout

Die mit 50.000 Euro dotierte Auszeichnung wird alle zwei Jahre von der Siegfried-Lenz Stiftung vergeben. 1 Min

Sind es auch ganz andere Geschichten, die in der Kleinstadt spielen?

Strout: Ja, klar. Wo auch immer es Menschen gibt, verbergen sich auch viele Geschichten.

Sie sind schon mit einigen Preisen ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Pulitzer-Preis 2009 für den Roman "Mit Blick aufs Meer". Morgen bekommen Sie nun den Siegfried-Lenz-Preis. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung? Welche Verbindung haben Sie zum Namensgeber Siegfried Lenz?

Strout: Es ist mir eine große Ehre, den Siegfried-Lenz-Preis in Empfang zu nehmen. Er ist international renommiert, und ich freue mich riesig über diese Auszeichnung.

Ist Lenz in den USA überhaupt bekannt? Wird prinzipiell zeitgenössische deutsche Literatur in Amerika gelesen?

Strout: Ich kann nur für mich selbst sprechen, und natürlich habe ich von Siegfried Lenz gehört, aber ich hatte ihn bis jetzt nicht gelesen. Darum war die Auszeichnung mit dem Siegfried-Lenz-Preis eine ausgezeichnete Gelegenheit, sein wirklich herausragendes Werk zu lesen. "Deutschstunde", "Der Überläufer" und "Schweigeminute" habe ich gelesen.

Heute Abend bei unserer Veranstaltung im Rolf-Liebermann-Studio wird es vor allem um ihre Romane "Oh, William!" und "My Name Is Lucy Barton" gehen. Letzterer heißt in der deutschen Übersetzung von Sabine Roth übrigens "Die Unvollkommenheit der Liebe". Warum ist die Liebe denn unvollkommen?

Strout: Weil ich glaube, dass wir alle auf unvollkommene Weise lieben. Wir suchen nach der perfekten Liebe, und das ist alles, was wir tun können. Aber wir sind auch nur Menschen.

Sie werden heute Abend auch aus ihrem allerneuesten Roman vorlesen, der auf Deutsch noch gar nicht erschienen ist: "Lucy by the Sea". Sie erzählen darin wieder von Lucy Barton, die Sie schon durch einige Romane begleiten. Das ist einen Roman vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie, oder?

Strout: Ja, genau. Die Geschichte spielt sich vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie ab. Lucy und ihr Ex-Mann fahren gemeinsam aufs Land nach Maine. Dort verbringen sie den Lockdown zusammen in einem Haus. Ich habe mich gefragt: Was könnte dort passieren? Darüber habe ich geschrieben.

Sie haben einmal gesagt, der Grund, warum Sie schreiben, sei, dass Sie herausfinden wollen, wie es sich anfühlt, jemand anders zu sein. Gibt es diese Momente, in denen Ihnen das gelingt, in denen Sie plötzlich nicht mehr denken, fühlen und wahrnehmen wie Elisabeth Strauß, sondern auf einmal als Lucy Barton?

Strout: Ja, absolut. Ich versuche mich ständig darin hineinzuversetzen, wie sich das alles für Lucy Barton anfühlt. Wie nimmt sie die Geschehnisse wahr? Das ist ein ganz interessanter Vorgang. Wenn ich erstmal einen Charakter vor Augen habe und merke, mit ihm kann ich arbeiten, dann ist es eine reine Sache der Konzentration für mich. Wie ist es, einen solchen Hintergrund wie Lucy Barton zu haben? Wie ist sie aufgewachsen? Und was macht das mit ihr? Ich versuche wirklich, die Welt durch ihre Augen zu sehen.

Das Gespräch führte Eva Schramm.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 29.09.2022 | 16:15 Uhr

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Romane

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