Stand: 27.08.2017 11:00 Uhr

Shakespeare im Ohnsorg: Romeo und Julia op Platt

von Daniel Kaiser

Das Ohnsorg-Theater in Hamburg ist erfolgreich mit Shakespeares "Romeo und Julia“ in die neue Saison gestartet. Das Premieren-Publikum hat die plattdeutsche Version des Dramas mit langem Applaus gefeiert. Regisseur Murat Yeginer hat die Handlung in die Zirkuswelt verlegt. Eine Premieren-Kritik von Daniel Kaiser.

"Dien Mund nimmt all mien Sünnen weg von mi.“ Was für eine berührende Liebesszene: Romeo bringt seiner Julia Plattdeutsch bei. Wort für Wort. Im Ohnsorg sind die Montagues nämlich plattdeutsch sprechende Clowns, die Capulets Trapez-Artisten, aus deren Mund meistens Hochdeutsch erklingt. Seit Ewigkeiten sind die beiden Zirkus-Familien verfeindet. Warum, weiß niemand. Im Ohnsorg wird nun in einem intelligenten Regie-Einfall die Sprache zum Träger des Konflikts: Die Zirkus-Manege wird zu einem Bild für die Welt, in der sich Menschen, Sprachen und Konflikte begegnen.

Mit Tempo und Witz dem Abgrund entgegen

Dem Regisseur Murat Yeginer gelingt ein poetischer, mitreißender Abend. Er zeigt Shakespeare im besten Sinne als pralles Volkstheater. Mit Tempo und Witz (auch manche Zote ist dabei) rauschen die Figuren ausgelassen der Tragödie entgegen. Familien-Machos begegnen sich wie zum Duell mit Gitarre, Mundharmonika und "Spiel mir das Lied vom Tod“-Melodie. Ein Bauchredner (Fabian Monasterios) streitet mit seiner Puppe und deren Eigenleben. Die Amme aber ist der Hammer. Rabea Lübbe hat mit starker Mimik und ganzem Körpereinsatz ein enormes komisches Talent: Ob sie weint, einen Spagat hinlegt oder durch die Manege Einrad fährt, sie hat immer ein Gespür für Timing und Dynamik. Ein bisschen erinnert sie in ihrer schrillen Unbedarftheit an Effie Trinket, die Betreuerin aus der Verfilmung von "Die Tribute von Panem“.

Clownsnasen und grelle Rauten

Beate Zoff hat mit dem Bühnenbild und den Kostümen ein starkes sinnliches Erlebnis geschaffen: eine Zirkusarena, die sich dreht. Auf dem Frack des Direktors (Robert Eder) glitzern Rautenmuster, Romeo trägt eine viel zu große Gaga-Clownshose aus Kuhstoff, Tybalt (Vasilios Zavrakis) vom Capulet-Clan die enganliegende Torero-Kleidung eines Messerwerfers. In einer Garderobe hängt ein Plakat der "Flying Capulets“. Das ist alles sehr liebevoll bis ins kleinste Detail.

Die Sprachen fließen ineinander

Cornelia Ehlers, Cornelia Stein und Murat Yeginer haben dieses Stück Weltliteratur gemeinsam geformt und übersetzt. Behutsam lassen sie die Sprachen ineinanderfließen und an den richtigen Stellen Shakespeares Text nach der Übersetzung August Wilhelm Schlegels funkeln. (Julia: "Es war die Nachtigall und nicht die Lerche. Ihr Ruf drang an dein Ohr, erschreckte dich.“ Romeo: "Dat weer de Leerk un nich de Nachtigall. De Nacht maakt nu de Lichter ut.“)

Ohnsorg-Theater zeigt "Romeo un Julia"

Ein Abend zum Lachen und Weinen

Marco Reimers spielt den Clown Romeo als weichen Verliebten, der mit weit aufgerissenen Augen nach Julia und einem glücklichen Ende Ausschau hält - am Ende dem Wahnsinn nahe. Yvonne Yung Hee Bormann verkörpert eine aufmüpfige und entschlossene Julia mit Witz und Tiefe. Die beiden sind ein schönes, unschuldiges Paar. Der Beichtvater Lorenzo (Tino Führer) ist ein Pierrot, der sich kurz vor der Trauung Romeo und Julias in seiner Kräutergarten-Garderobe eine schwarze Träne ins weiß geschminkte Gesicht malt. Tim Ehlert gibt den Mercutio als herrlich prolligen Macho-Clown mit einer langen, sehr nahegehenden Sterbeszene. Als Mercutio stirbt und Romeo auf Tybalt schießt und sich alles ändert, trägt das Ensemble diese Wende glaubhaft. Es ist ein Abend zum Lachen und zum Weinen.

Ein neuer Sound am Ohnsorg

Dieses Stück ist es ist ein starkes Statement zum Beginn der ersten Saison des neuen Ohnsorg-Intendanten Michael Lang, der den Regisseur Murat Yeginer aus seiner früheren Wirkungsstätte, der Komödie Winterhuder Fährhaus, mitgebracht hat. Man spürt: Da ist ein neuer Sound am Ohnsorg. Dieses heimatverbundene Theater, denkt en passant Heimat und Identität neu und zeigt uns als Menschen, die mit Masken unterwegs sind - wie eine Zirkustruppe. Während Romeo und Julia ihre Liebesnacht verbringen, dreht sich die Manege. Unter den Sitzbänken kauern alle Figuren blass und starr dicht beieinander. Freunde und Feinde sitzen da als Schicksalsgemeinschaft zusammengedrängt mit ihren eigenen verbotenen Träumen und Lieben. Sie singen und flüstern wie schlafwandelnd eine dekonstruierte Version des Liebeslied-Klassikers "Fly me to the moon!“ Ein Schlüsselmoment. Der Abend zeigt, was Heimat sein kann, was Liebe vermag und wie schön Shakespeare auf Platt klingt.

Karl-Heinz Kreienbaum, Willem Fricke und Ursula Hinrichs. © © NDR/Ohnsorg-Archiv, honorarfrei

Hamburg damals: Ohnsorg Theater im TV

Hamburg Journal -

Seit 1902 erfreut das Ohnsorg Theater die Hamburger. Bundesweit bekannt wurde es aber erst in den 1950er-Jahren, als das erste Stück live im Fernsehen übertragen wurde.

Shakespeare im Ohnsorg: Romeo und Julia op Platt

Premiere im Hamburger Ohnsorg-Theater: Mit einer plattdeutschen Version von "Romeo und Julia" ist dem Ensemble ein mitreißender Abend gelungen. Das Stück spielt in einer Zirkuswelt.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Ohnsorg-Theater
Heidi-Kabel-Platz 1
20099  Hamburg
Telefon:
(040) 350 803 21
E-Mail:
service@eventris.eu
Preis:
Zwischen 13 und 29 Euro
Kartenverkauf:
Kasse: (040) 35 08 03 21
Hinweis:
Romeo un Julia
Schauspiel von William Shakespeare
Nach der Übersetzung von August Wilhelm Schlegel
Fassung und Plattdeutsch von Cornelia Ehlers, Cornelia Stein und Murat Yeginer

Inszenierung Murat Yeginer

mit: Horst Arenthold, Yvonne Yung Hee Bormann, Robert Eder, Tim Ehlert, Tino Führer undweiteren

Dauer: 2 Stunden und 15 Minuten
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 28.08.2016 | 19:20 Uhr

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