Stand: 22.04.2019 10:00 Uhr

Was passiert beim Lesenlernen im Gehirn?

von Katharina Mahrenholtz

"Müssen wir unsere Kinder mehr zum Lesen zwingen?" - das ist das Thema unseres Schwerpunktes in dieser Woche. Fast 20 Prozent der Kinder in Deutschland können nach der Grundschule nicht lesen - ein Ergebnis der letzten Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung - kurz IGLU. Was kann man tun, um die Lesekompetenz wieder zu stärken? Dazu ist es interessant, zu wissen, was im Gehirn eigentlich passiert, wenn man liest.

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Etwa in der zweiten Klasse beginnen Kinder, Wörter als Ganzes zu erfassen. Nur durch viel Übung kann das Gehirn flüssig lesen lernen.

In der ersten Klasse ist Lesen lernen zunächst eine Technik. Man lernt, jedem geschriebenen Buchstaben einen Laut zuzuordnen. A wie Apfel, B wie Banane und so weiter. "Man kann davon ausgehen, dass man, wenn man 26 Buchstaben verinnerlicht hat plus einige Diphthonge, lesen kann", erklärt die Psycholinguistin Pauline Schröter. "Dann fängt man an, sich Wörter zu er-lesen. In der Wissenschaft sagt man dazu gerne "dekodieren". Das heißt, man fängt links an und hört sich quasi selbst beim Dekodieren des Wortes zu, indem man Zeichen für Zeichen mit dem dazugehörigen Laut verbindet, bis die Laute hinterher zusammen einen Sinn ergeben." Erst nach und nach baut sich das Gehirn ein mentales Lexikon. Etwa in der zweiten Klasse beginnen Kinder, Wörter als Ganzes zu erfassen.    

Unser mentales Lexikon

"Irgendwann erreicht man einen Punkt, an dem man diese Buchstabenkombination schon so häufig gelesen hat, dass man diesen Prozess des einzelnen Buchstabenverbindens gar nicht mehr braucht", erklärt Schröter. "Man fängt an mit den ersten drei Buchstaben und dann sagt das mentale Lexikon: "Ah, kenn ich! SPO, das muss Sport sein!" oder noch später im Prozess, dass dann alle Buchstaben auf einmal erfasst werden. Das heißt, man liest nicht mehr seriell, sondern simultan." Hinter der Orthografie, also dem Bild der Buchstaben, ist im mentalen Lexikon die Bedeutung und die Aussprache des Wortes gespeichert. "Das wird alles gleichzeitig abgerufen und geht eben sehr viel schneller, als wenn man sich das Buchstabe für Buchstabe erlesen muss - ganz besonders, wenn es sich um lange Wörter handelt."     

Übung macht den Meister                                   

Um vom seriellen zum simultanen Lesen zu kommen, hilft nur eins: lesen, lesen, lesen. Pauline Schröter vergleicht diese Entwicklung mit einem Schieferstein, in den man früher etwas eingeritzt hat: "Je öfter man das Wort geschrieben sieht, desto öfter kratzt man über dieselben Rillen. Die werden immer tiefer - und irgendwann muss man gar nicht mehr genau hingucken, denn die Rille ist so tief, dass man auch schon aus weiter Entfernung sehen kann, was da steht. Das heißt, dieser Eintrag wird immer tiefer und umso schneller kann er abgerufen werden."

300 Wörter pro Minute

Ein geübter Leser schafft im Durchschnitt etwa 300 Wörter pro Minute. Je nachdem wie lang das Wort ist, landet das Auge ein- bis zweimal irgendwo im Wort und erschließt sich dann den Rest. "Und dann gibt es Wahrscheinlichkeiten, welches Wort folgt und welches Wort davorstand. Das heißt, ein richtig geübter Leser, der muss überhaupt nicht jedes Wort lesen. So was wie Präpositionen oder Artikel - da ist völlig klar, hier ist dieses Nomen als Objekt, da muss der Artikel so und so sein und wenn das Verb so und so ist, dann muss darauf auch die Präposition XY folgen. Das heißt, es wäre kein Informationsgewinn, da noch mal mit dem Auge drauf zu landen, sondern man macht den Sprung direkt größer", sagt die Psycholinguistin.

Nur Schule reicht nicht zum Lesen lernen

Um komplexe Texte möglichst schnell erfassen zu können, sollte man rechtzeitig für viele tiefe Einträge im Gehirn sorgen - also nicht nur viel lesen, sondern auch Texte, in denen immer wieder neue Wörter vorkommen. "Und das schafft man eigentlich nicht während ein oder zwei Deutschstunden am Tag in der Schule", sagt Schröter. "Da muss zu Hause gelesen werden, da müssen Eltern am Anfang dabei sein und vorlesen." Je mehr Kinder - wie es wissenschaftlich so schön heißt "Schriftsprache ausgesetzt sind", desto besser sind ihre Voraussetzungen, gut lesen zu lernen. Dazu gehören auch Vorbilder - also Erwachsene, die selbst Bücher und Zeitungen lesen anstatt aufs Handy zu starren.

Schwerpunkt

Müssen wir Kinder zum Lesen zwingen?

Fast 20 Prozent der Kinder in Deutschland können nicht richtig lesen. Woran liegt das? Was kann man dagegen tun? Mit diesen Fragen beschäftigen sich die NDR Kulturredaktionen in dieser Woche. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 24.04.2019 | 06:55 Uhr

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