Stand: 22.10.2017 13:57 Uhr

"Der ferne Klang": Ein sinnliches Feuerwerk

von Daniel Kaiser

Mit lautem Jubel und langem Applaus hat das Lübecker Premieren-Publikum die Inszenierung der Oper "Der ferne Klang" von Franz Schreker gefeiert: Regisseur Jochen Biganzoli lässt das selten aufgeführte Werk von 1912 spektakulär im ganzen Haus spielen.

Als Zuschauer mittendrin im Geschehen

Plötzlich gehen mitten im Stück die Türen des Theatersaals auf. Dort warten schwarzbebrillte Frack-Männer. Denn als auf der Bühne aus dem Mädchen Grete gerade die Prostituierte Greta wird, lädt eine Frauenstimme dazu ein, sich erst einmal im Foyer zu verlustieren. Die Flure sind jetzt dunkelblau ausgeleuchtet. Überall schreiten seelenlos lächelnde Sonnenbrillengestalten in Frack oder Abendkleid grotesk an einem vorbei, haken sich unter, singen frivole Schlager. Man ist in dieser inszenierten Opernpause mittendrin im Geschehen und wird als Zuschauer selbst zur Bordell-Gesellschaft. Es ist der surreale Coup des Abends - und doch nur einer von vielen atemberaubenden Akzenten dieser gelungenen Inszenierung.

Vom Vater verschachert

Schrekers Oper von 1912 verbindet gekonnt Traditionen aus Oper, Operette und Tanz, Schlager und deutschem Lied.

Im Kern ist Schrekers großer Wurf von 1912 eine Künstleroper: Der Komponist Fritz (Zoltán Nyári) verlässt seine Grete (Cornelia Ptassek) für seine Suche nach dem perfekten Klang, den er nur in der Ferne glaubt finden zu können. Die zurückgelassene Grete wird von ihrem Vater wegen dessen Spielschulden an den Wirt seiner Stammkneipe verschachert und landet letztlich in der Prostitution. Wie brutal die Kneipengesellschaft mit Grete umspringt, wie der Vater seine Tochter verkauft und dabei immer noch was von Ehre faselt, ist beklemmend und aktuell inszeniert.

Neue Gretchenfrage

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Wie brutal sich Männer Frauen verfügbar machen, ist ein Kernthema des Abends.

Regisseur Jochen Biganzoli stellt Gretes Schicksal und ihre Hoffnungen in den Mittelpunkt vieler starker Bilder. Anfangs lebt sie mit ihrer Familie in einem prekären durchsichtigen Wohncontainer, dessen letzte Winkel noch mit Videokameras überwacht werden. Die Bilder von drinnen sind auf Leinwänden zu sehen. Und auch später als erfolgreiche Kurtisane im Bordell schwebt Grete wie ein Zootier oder Zirkustrick für alle sichtbar in einem Plastikkäfig über dem Geschehen (Bühne: Wolf Gutjahr). Die gläserne Grete! Wie brutal sich Männer Frauen verfügbar machen, ist ein Kernthema des Abends. Es ist die neue Gretchenfrage: "Wie hältst Du es mit dem Sexismus?"

Oper der Stunde

Grete als funkelnder Pailletten-Kern in einem sich wiegenden Frackmännerknäuel - das ist eines der mächtigen Bilder, die an diesem Abend hängenbleiben (Kostüme: Katharina Weissenborn). Gerade jetzt, da der Hashtag #metoo die Timelines flutet und die Affäre "Weinstein" in Hollywood eine neue Sexismus-Debatte befeuert, wird dieser "Ferne Klang" völlig unverhofft zur Oper der Stunde. Biganzoli, der schon mit seiner Lübecker Version von Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" für Aufsehen gesorgt hatte, gelingt auch mit Schrekers Oper ein großer Wurf.

Taktstock geht flöten

Oper, Tanzmusik und Schlager verbinden sich zu einem bunten Musik-Gemälde. Schreker legt Lieder, verschiedene Stile und Tonarten in einer opulenten Collage aus Spätromantik, Impressionistischem und atonalen Prophezeiungen übereinander und lässt auch Harfen, Celesta und Kastagnetten erklingen. Die Philharmoniker unter der Leitung von Andreas Wolf spielen wie im Rausch. Tatsächlich geht Wolfs Dirigentenstab verloren. Er wird in der Pause vergeblich im Orchestergraben und in den ersten Reihen gesucht. Es ist wie eine Metapher für das leidenschaftliche Spiel des Orchesters und der beiden Musikgruppen, denn neben den Philharmonikern erklingt auch Musik einer "Zigeunerkapelle" und einer "venezianischen Banda".

Konzertantes Finale

Porträt

Star-Regisseur Biganzoli in Lübeck zu Gast

Jochen Biganzoli gilt als einer der spannendsten, viel gelobten Opernregisseure Deutschlands. Er ist nun zum zweiten Mal im Theater Lübeck und inszeniert "Der ferne Klang". mehr

Schrekers schillernde Musik spiegelt sich in den verschiedenen Deutungsmustern und Theaterformen. Der Abend ist ein Ritt durch unterschiedliche Inszenierungsstile. Im Finale schmachten sich der sterbende Komponist und die Straßendirne eben nicht schwülstig in den Armen liegend an, sondern die letzten Minuten gerinnen zu einer konzertanten Aufführung mit Grete und Fritz in Abendgarderobe. Beide Glückssucher verschwimmen musikalisch zu einer einzigen Sehnsucht. Cornelia Ptassek singt und spielt sowohl Grete als auch Greta fantastisch. Zu Tränen rührt ihre Vision vom kleinen Glück in der traumhaft grün ausgeleuchteten Bühne (Licht: Falk Hampel).

Sinnliches Feuerwerk

Dieser "Ferne Klang" ist ein dreistündiges, sinnliches Feuerwerk. Da wird von den Rängen gesungen, durch die Reihen getänzelt, und auch aus den Foyers klingen immer wieder Chorfragmente. Überall ist Musik. Pailletten glitzern. Lametta-Vorhänge flirren. Es ist ein praller, lustvoller, kurzweiliger, aufregend funkelnder Opernabend. Ein Must-See. Es gibt einfach in jeder Sekunde etwas zu gucken. Am Ende verbeugen sich gefühlt fast so viele Menschen auf der Bühne, wie ihnen im Publikum zujubeln. Der Einsatz hat sich gelohnt. Das Lübecker Theater hat wieder gezeigt, dass es zu den wichtigen, mutigen, kreativen Bühnen zählt, mit denen man rechnen muss. Manches größere Haus darf da gern ein bisschen vor Neid erblassen.

"Der ferne Klang": Ein sinnliches Feuerwerk

Die Oper "Der ferne Klang" hat am Lübecker Theater eine umjubelte Premiere gefeiert. Ein dreistündiges sinnliches Feuerwerk, das man sich anschauen sollte, meint Daniel Kaiser.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Theater Lübeck
Beckergrube 16
23552   Lübeck
Preis:
18 bis 56 Euro
Kartenverkauf:
Theaterkasse (0451) 399600 und online über die Seite des Veranstalters
Hinweis:
Der ferne Klang
Oper von Franz Schreker
Dichtung vom Komponisten

Musikalische: Leitung  Andreas Wolf  
Inszenierung: Jochen Biganzoli 

mit: Steffen Kubach, Andrea Stadel, Cornelia Ptassek, Zoltán Nyári und weiteren; zwei Chören und dem Philharmonischen Orchester der Hansestadt Lübeck
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 22.10.2017 | 16:20 Uhr

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