Ein Mädchen lernt im Homeschooling für die Schule. Dahinter sitzt ihr Vater, der sie dabei unterstützt. © picture alliance/dpa Foto: Guido Kirchner

Psyche von Schülern: "Wir sehen eine deutliche Verschlechterung"

Stand: 20.04.2021 16:17 Uhr

Wie haben Schülerinnen und Schüler die Corona-bedingten Schulschließungen verbracht? Im vergangenen Jahr fiel die Bilanz des ifo Instituts nicht positiv aus - in diesem Jahr hat sich die Situation nur geringfügig verbessert. Ein Gespräch mit Katharina Werner vom ifo Institut für Bildungsökonomik.

Ein Mädchen lernt im Homeschooling für die Schule. Dahinter sitzt ihr Vater, der sie dabei unterstützt. © picture alliance/dpa Foto: Guido Kirchner
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Frau Werner, haben die Schulen innerhalb des Jahres nichts dazugelernt?

Katharina Werner: So kann man das nicht sagen. Wir sehen, dass der Unterricht deutlich ausgebaut worden ist. So ist zum Beispiel der Anteil der Kinder, die inzwischen täglich gemeinsam Videounterricht mit der ganzen Klasse haben, deutlich gestiegen. Aber er ist von einem sehr niedrigen Niveau angestiegen: von sechs auf 26 Prozent. Das ist deutlich mehr, aber wir sehen in unseren Daten auch, dass 39 Prozent der Schülerinnen und Schüler höchstens einmal pro Woche Online-Unterricht mit der ganzen Klasse haben.

Im Moment verbringen Schülerinnen und Schüler 4,3 Stunden am Tag mit schulischen Tätigkeiten. Das ist eine Dreiviertelstunde mehr als im Vergleichszeitraum des vergangenen Jahres, aber das sind immer noch drei Stunden weniger als im normalen Schulbetrieb. Woran liegt das?

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Werner: Hier gibt es sicherlich verschiedene Gründe. Zum einen werden von den Schulen viel weniger Inhalte bereitgestellt. Wenn man sich einen normalen Schultag vorstellt, gehört sehr viel mehr dazu, nicht nur der Mathe- und Deutschunterricht. Das, was die Schulen online anbieten können, sind oft nur Bruchteile dessen, was in einem normalen Präsenzunterricht möglich und normal wäre. Es gibt also eine Reduktion der Zeit, in der sich die Schüler mit schulischen Aktivitäten befassen, und gleichzeitig wird die andere Zeit in großen Teilen nicht für Dinge wie Bewegung an der frischen Luft oder für etwas Kreatives wie das Musizieren verwendet, sondern vor allem für passive Tätigkeiten. Wir sehen, dass die Zeit, die die Schüler mit Fernsehen, Computerspielen oder sozialen Medien verbringen, deutlich nach oben geht.

Das sind 4,6 Stunden pro Tag, also mehr als für den täglichen Unterricht. Können Sie schon absehen, was das mit den Kindern und Jugendlichen perspektivisch macht?

Werner: Das ist ganz schwer vorherzusehen. Wir wollten diesmal auch abbilden, inwieweit diese Inhalte auch einen schulischen Bezug haben. Von diesen durchschnittlich insgesamt 1,3 Stunden Fernsehen entfallen nach Einschätzung der Eltern nur 0,2 Stunden für Lernsendungen und 1,1 für Sendungen ohne schulischen Mehrwert. Ganz ähnlich sieht es bei den Computer- und Handyspielen aus. Hier ist also nicht davon auszugehen, dass in dieser Zeit schulische Kompetenzen besonders effektiv erlernt werden. Wenn man zusammen nimmt, was an Online-Unterricht und an diesen passiven Tätigkeiten an Bildschirmzeit zusammenkommt, dann kann man sehr gespannt sein, ob sich hier langfristig Effekte einstellen, die vermutlich nicht positiv ausfallen.

Sie haben erwähnt, dass möglicherweise auch die Angebote vonseiten der Schulen rückläufig gewesen sind. Woran scheitert es? Warum kann Schule nicht mehr anbieten?

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Werner: Im letzten Frühjahr, als die Entscheidung der Schulschließungen sehr überraschend kam, haben wir gesehen, dass viele Schulen auf sehr kleiner Ebene Distanzunterricht organisiert haben oder organisieren mussten. Hier hat sich hat in der letzten Zeit erstaunlich wenig getan, es wird immer noch ganz viel auf Schulleiterebene oder sogar auf Lehrkraftebene entschieden. Über 90 Prozent der Eltern sagen, dass das Kind bereitgestellte Aufgaben bearbeiten sollte. Insofern findet durchaus eine Kommunikation zwischen Schule und Schülern statt. Aber diese ist vermutlich weder von der Qualität noch von der Häufigkeit und Intensität so, wie wir uns alle gewünscht hätten.

Wir haben auch in Vor-Corona-Zeiten immer schon mit Bitterkeit feststellen müssen, dass Bildungschancen sehr stark von der sozialen Herkunft abhängig sind. Hat sich das durch diese Situation noch einmal verstärkt?

Werner: Tatsächlich steht das zu befürchten. Wir haben die Eltern zum Beispiel gefragt, wie ihrer Einschätzung nach die Effektivität des Zuhause-Lernens funktioniert. Hier sehen wir deutliche Unterschiede zwischen Kindern, die vor den Schulschließungen von den Noten her eher schlechter dastanden, und denen, die bessere Noten hatten. 63 Prozent der Eltern von Kindern mit eher schlechteren Noten sagen, dass sie zu Hause weniger lernen als in der Schule, während es bei denen, die bessere Noten hatten, nur 51 Prozent sind. Ähnlich sieht es auch aus, wenn wir uns anschauen, ob die Eltern der Kinder einen Akademiker-Hintergrund haben oder nicht. Das deutet daraufhin, dass wir über diese Unterschiede in den Lernzeiten hinaus auch Unterschiede erwarten müssen, wie gut diese Lernzeit zu Hause von Kindern mit verschiedenen Leistungsniveaus und mit verschiedenen Bildungshintergründen genutzt werden kann. Darüberhinaus sind wir auch, dass Fördermaßnahmen von Kindern mit Akademiker-Eltern deutlich häufiger in Anspruch genommen werden.

Wie steht es um die psychischen Belastungen für die Schülerinnen und Schüler?

Werner: Wir haben einige Fragen aus dem letzten Jahr wiederholt und sehen eine deutliche Verschlechterung. Im letzten Jahr hat uns ungefähr ein Drittel der Befragten gesagt, dass die Schulschließungen eine große psychische Belastung für sie und für ihr Kind sind. Dies ist deutlich gestiegen: In diesem Jahr sieht fast die Hälfte der Befragten das als große psychische Belastung. Wenn es zum Beispiel um fehlende Treffen mit Gleichaltrigen geht, dann sind hier fast 90 Prozent der Meinung, dass dies eine große Belastung für ihr Kind darstellt. Wir sehen auch weitere Effekte: Zum Beispiel befürchtet über die Hälfte der Eltern, dass die Schulschließungen den sozialen Fähigkeiten des Kindes geschadet haben, und ein Drittel hat das Gefühl, dass das Kind durch Bewegungsmangel an Körpergewicht zugenommen hat.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 20.04.2021 | 18:00 Uhr