Katja Lembke © picture alliance/dpa Foto: Christophe Gateau

Provenienzforschung: "Sind die Schätze rechtmäßig bei uns?"

Stand: 25.04.2022 07:36 Uhr

Benin-Bronzen, Masken, menschliche Überreste: Woher kommen die Objekte in unseren Museen? Katja Lembke, Direktorin des niedersächsischen Landesmuseums Hannover, hat den Prozess der vergangenen Jahre intensiv begleitet.

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Frau Lembke, wo kommt das eigentlich her, was zum Beispiel im Landesmuseum zu sehen ist? Was wissen wir über die Geschichte der Dinge, die dort ausgestellt werden? Gehen Sie manchmal durchs Haus und überlegen, wo dieses oder jenes Objekt eigentlich herkommt?

Katja Lembke: Wir müssen sehr unterscheiden, in welcher Abteilung wir uns im Landesmuseum befinden. Wir haben als Mehrspartenhaus unterschiedliche Bereiche: Naturkunde, Ethnologie, Archäologie und Kunst. Insofern hängt es immer sehr davon ab, wo man gerade ist. Was im Moment sehr stark diskutiert wird, ist die Frage, woher die ethnografischen Objekte kommen, die aus dem außereuropäischen Kontext stammen. Aber schon seit Jahren bewegt uns auch das NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgut in den Kunstwelten. Insofern hängt es immer ein bisschen davon ab.

Ich bin übrigens Archäologin. Wenn ich durch die Archäologie-Ausstellung gehe, denke ich auch bei dem einen oder dem anderen Stück nach, wie es tatsächlich in die Sammlung gekommen ist. Denn selbst antike Monumente sind häufig vor 100 oder 150 Jahren in deutsche Museen gelangt - aber auf welchem Wege, das erschließt sich uns teilweise erst jetzt.

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Vor einigen Jahren kam der Film "Die Frau in Gold" mit Helen Mirren in die Kinos. Eine Geschichte, die zeigt, dass es diese Familien gab, dass Unrecht passiert ist und dass man da juristisch einen langen Atem haben muss. Gibt es solche Fälle auch in Niedersachsen?

Lembke: Natürlich ist es so, dass wir in unseren Schätzen immer wieder schauen müssen, ob die Dinge rechtmäßig bei uns sind. Aber man muss auch dazu sagen, dass die Fokussierung am Anfang immer den Bereich zwischen 1933 und 1945 betraf, und inzwischen hat sich das für uns ausgedehnt.

Denn wenn man zum Beispiel 1980 etwas erworben hat, das aber in den 30er- oder 40er-Jahren einer jüdischen Familie weggenommen wurde, dann muss das natürlich auch überprüft werden. Das Feld wird also eigentlich immer größer. Und jetzt kommt auch dieser große Bereich der ethnografischen Sammlungen dazu, den wir in den Blick nehmen. Wir haben viel zu tun, das ist gar keine Frage.

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In vielen Museen ist mit den Dingen, bei denen die Herkunft unklar war, eine eigene Ausstellung entstanden. Man staunte dann, wie viel das eigentlich ist. Nun hat ein normaler Museumsbesucher keine Ahnung, wie viel im Depot liegt - insofern haben wir keine Relation dazu. Aber das ist auch schon mal ein anderer Umgang damit, oder?

Lembke: Man muss immer unterscheiden, ob wir wissen, woher es kommt. In der Regel können wir Objekte kulturell und zeitlich zuordnen. Aber die Frage ist: Wer hat es gesammelt? Und wie wurde es gesammelt? Wir haben 2017 eine große Ausstellung unter dem Titel "Heikles Erbe" gemacht - da waren wir Vorreiter in Deutschland. Wir haben eine ganze Reihe von Objekten dahingehend analysiert, wer sie gesammelt hat. Wir sind also mehr von den Sammlerinnen und Sammlern ausgegangen, als von den Objekten selber. Es ist nämlich hochinteressant, dass derselbe Sammler, der uns später die Objekte übergeben hat, an einem Tag etwas zu einem fairen Preis gekauft hat, am nächsten Tag etwas geschenkt bekommen hat und am dritten Tag er auf Beutezug gegangen ist und etwas geplündert hat. Wie will man das heute noch auseinanderhalten?

Wurde etwa ein Thron eines kamerunischen Königs geschenkt oder wurde der entwendet? Das ist ganz häufig nicht mehr eindeutig zu klären. Und wenn man etwas geschenkt bekommen hat, dann wäre das sogar ein Problem. Es wäre ein No-Go für diese Länder und für diese Kulturen, wenn man das dann einfach zurückgeben würde. Insofern ist es wirklich wichtig, gemeinsam an solchen Projekten zu arbeiten, gemeinsam Forschung zu betreiben und dann auch eine hoffentlich für alle Seiten nachhaltige Lösung zu finden.

Das Gespräch führte Ocke Bandixen.

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NDR Kultur | NDR Kultur à la carte | 25.08.2021 | 13:00 Uhr

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