Der Screenshot aus der abendlichen Hauptnachrichtensendung des russischen Staatsfernsehen zeigt die Protestaktion von Marina Ovsyannikova. © picture alliance/dpa/Social Media

Protest im russischen Fernsehen: Welche Wirkung haben mutige Aktionen?

Stand: 16.03.2022 08:30 Uhr

Am Montag protestierte die Redakteurin Marina Ovsyannikova während einer Live-Sendung im russischen Staatsfernsehen gegen den Krieg in der Ukraine. Eine mutige Aktion - aber lohnt sich diese Art von Einzelprotest in Russland? Ein Gespräch mit dem Soziologen Mischa Gabowitsch.

Herr Gabowitsch, Sie sind in Moskau geboren, kennen das Staatsfernsehen sehr gut. Wie bewerten Sie die Protestaktion dieser Frau?

Mischa Gabowitsch: Das war unglaublich mutig und sehr unerwartet. Viele hatten gehofft, dass sich jemand in einer so prominenten Position auch traut zu protestieren, aber wenige haben damit gerechnet. Deshalb hatte das einen ganz starken emotionalen Effekt.

Wen meinen Sie mit "viele"?

Gabowitsch: Die vielen Menschen unter anderem in Russland, die schon seit dem ersten Tag des Kriegs unter großem persönlichen Risiko auf die Straße gehen, um zu protestieren, deren Protest aber in Russland und auch im Ausland nicht unbedingt wahrgenommen wird, weil sie nicht diese Medienreichweite haben.

Ist denn so eine Einzelaktion vergleichbar mit der Aktion der Aktivistinnen von "Pussy Riot", die 2012 auch international sehr viel Aufmerksamkeit mit ihrem "Punk-Gebet" gegen Putin bekommen haben? Braucht es jetzt diese mutigen Einzelaktionen von Aktivistinnen und Aktivisten, die gefährlich enden können?

Gabowitsch: Ja, da gibt es tatsächlich eine Parallele, denn damals war es auch so, dass seit Monaten Hunderttausende auf die Straße gegangen waren, und zwar nicht nur in Moskau, sondern im ganzen Land. Das wurde im Ausland zwar ein bisschen wahrgenommen, aber nicht so wirklich. Dann bedurfte es so einer Einzelaktion, die geschickt organisiert war, um die internationale Aufmerksamkeit darauf zu lenken, wodurch aber die großen Proteste im ganzen Land auch nicht unbedingt wahrgenommen wurden. Ich habe ein bisschen Angst, dass das jetzt auch so ist. Alle Welt redet jetzt - natürlich berechtigt - von Marina Ovsyannikova, von ihrem Mut und davon, dass wir nicht wissen, was mit ihr ist, wo sie ist, was mit ihr passieren wird. Man sollte aber nicht vergessen, dass seit dem ersten Tag des Kriegs viele Menschen in Russland auf die Straße gehen, verhaftet und zusammengeschlagen werden. Es gibt glaubhafte Berichte und auch Dokumentationen von Folter. Auch das ist sehr wichtig, und man muss ständig überlegen, wie man diese Menschen unterstützen kann.

Weitere Informationen
Bewohner holen Wasser vom Ufer des Flusses Dnipro im Süden der Ukraine. © Bernat Armangue/AP/dpa

Krieg in der Ukraine: Alle News und Infos

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine geht weiter: Mehr zu den Frontverläufen, diplomatischen Bemühungen und den Folgen des Überfalls. mehr

Wie gehen die Menschen in Russland mit dieser Art von Hilflosigkeit oder Ohnmacht um, zu wissen: Ich kann natürlich protestieren, aber ich riskiere mein Leben?

Gabowitsch: Ganz unterschiedlich. Zum einen gibt es sehr viele Menschen, auch in meinem persönlichen Umfeld, die das Land verlassen haben, zum Teil über Nacht, weil sie große Angst hatten und einem konkreten Risiko ausgesetzt waren. Einige sind mutig, bleiben da und protestieren. Sehr viele im Land sind verängstigt, apathisch. Und leider muss man sagen, dass sehr viele den Krieg entweder unterstützen oder zumindest nicht denken, dass sie persönlich irgendetwas dagegen tun können oder tun müssen.

Kennt die russische Bevölkerung überhaupt dieses Gefühl, ein Protest könnte tatsächlich erfolgreich sein und im Land wirklich etwas verändern?

Gabowitsch: Das ist die große Frage. Die allermeisten fühlen sich völlig machtlos, gerade weil in den letzten Jahren die Repressionen gegen Protestierende noch einmal enorm angestiegen sind. Menschen wurden massenhaft verhaftet, zusammengeschlagen, Organisationen wurden - gerade in den letzten Monaten - zerschlagen und zu terroristischen Vereinigungen erklärt. Viele, die nicht zum ersten Mal protestieren, haben die Erfahrung gemacht, dass sie als einzelne wenig ausrichten können. Die große Hoffnung derjenigen, die doch protestieren, ist, dass dann andere folgen. Viele machen das aus so einem Gefühl heraus, dass sie das jetzt müssen, denn die Menschen in der Ukraine leiden noch hunderte Mal mehr. Für viele ist das ein wichtiger ethischer Impuls: Ich kann jetzt einfach nicht stillhalten, ganz egal, was mit mir passiert, während Menschen im benachbarten Land ermordet werden.

Gleichzeitig haben viele das Gefühl, überhaupt nichts ausrichten zu können: Wenn ich alleine oder mit meinen Freunden auf die Straße gehe oder etwas schreibe, dann führt das zu nichts. Deshalb können sie nur hoffen, dass sich entweder andere anschließen oder dass es so eine Art Aufstand der Eliten gibt, die dann von irgendeiner Form von Massendemonstration unterstützt werden kann. Aber im Moment sieht es noch nicht danach aus. Viele hatten in den ersten Tagen des Kriegs gehofft, dass jetzt sehr schnell eine massive Protestwelle entsteht, aber diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt.

Sie haben gesagt, es sei nicht sichtbar, wie viele Menschen ihr Leben riskieren, auf die Straße gehen und versuchen, gegen diesen Krieg etwas auszurichten. Haben wir womöglich ein falsches Bild von Russinnen und Russen? Glauben wir, dass sie das einfach alles sang- und klanglos hinnehmen?

Gabowitsch: Da muss man ein bisschen differenzieren. Das ist auch für mich persönlich sehr schwer, darüber zu sprechen, weil ich weiß, dass auch meine Freunde und Kollegen in der Ukraine bombardiert werden und in ständiger Lebensgefahr sind. Und jetzt davon zu sprechen, welchem Risiko Menschen in Russland ausgesetzt sind, ist schwer, denn viele in der Ukraine wollen das nicht hören. Sie sagen, man müsse mal das Risiko in der Ukraine mit dem Risiko in Russland vergleichen - das seien zwei Paar Schuhe. Aus der russischen Binnensicht ist es schon so, dass es sehr gefährlich ist. Man kann auch nicht westeuropäische Zustände auf Russland übertragen und fragen: Warum geht ihr denn nicht auf einen Protest-Spaziergang? Das ist natürlich ein ganz großes persönliches Risiko für jeden einzelnen, der das macht.

Welche Form des Protests ist in Russland möglich, um vielleicht etwas auszurichten?

Gabowitsch: Das ist schwer. Ich bin nicht in einer Position, wo ich Ratschläge aus Deutschland erteilen kann. Aber strukturell oder analytisch gesprochen bedarf es noch viele solcher Einzelaktionen, die Menschen zeigen, die mutig genug sind, um ihre eigene Sicherheit und ihre Familie aufs Spiel zu setzen und das dann vielleicht andere dazu animiert. Andererseits gibt es vielleicht die Hoffnung, dass die Sanktionen oder der allgemeine Zustand, in den der Krieg Russland gestürzt hat, dazu führen, dass sich Menschen von dem Regime abwenden und es für einzelne Teile der Elite günstiger ist, diesen Protest für ihre Zwecke zu kanalisieren und sich vielleicht doch gegen Putin aufzulehnen. Aber das ist im Moment leider alles Spekulation. Es ist unglaublich schwer, irgendetwas vorherzusagen, und erst recht, irgendwelche Ratschläge zu erteilen.

Das Interview führte Andrea Schwyzer.

Weitere Informationen
Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Vernunft im Krieg

Der Krieg verändert alles. In diesem Bewusstsein leben wir seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine. Wie weit darf diese Entgrenzung gehen? Ulrich Kühn denkt nach. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 15.03.2022 | 18:00 Uhr

Mehr Kultur

Szene aus dem Film "Der kleine Nick erzählt vom Glück". ©  Onyx Films - Bidibul Productions - Rectangle Productions - Chapter 2

Neuer Film vom "Kleinen Nick" kommt ins Kino

Die Zeichentrick-Optik ist zwar ungewohnt, doch in dem wunderbaren Film erfährt man auch viel Biographisches über die Nick-Schöpfer Sempé und Goscinny. mehr