Stand: 07.08.2020 13:11 Uhr

Philosoph Gabriel sieht "Coronialisierung der Lebenswelt"

Die vielbeschworene Krise wie etwa die Corona-Pandemie als Brennglas, Katalysator und Chance - sie legt Systemschwächen offen und verstärkt sie. Sie birgt aber gleichzeitig die Chance, Schlüsse daraus zu ziehen und einen gesellschaftlichen Wandel in Gang zu setzen. Der Philosoph Markus Gabriel beschreibt in seinem neuen Buch "Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten" nicht nur gesellschaftliche Missstände, sondern will uns ein Instrumentarium an die Hand geben, um diese auch lösen zu können.

Herr Gabriel, nachdem Sie sich in Ihrem letzten Buch den "Fiktionen" gewidmet haben, spielen in Ihrem neuen Buch "moralische Tatsachen" eine prägnante Rolle. Mögen Sie erklären, was Sie darunter verstehen?

Markus Gabriel © picture alliance / dpa Foto: Horst Galuschka
Markus Gabriel ist Inhaber des Lehrstuhls für Erkenntnistheorie, Philosophie der Neuzeit und Gegenwart an der Universität Bonn.

Markus Gabriel: Im Allgemeinen ist eine Tatsache etwas, was wahr ist. Zum Beispiel ist es wahr, dass Berlin derzeit die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland ist. Moralische Tatsachen sind Wahrheiten darüber, was Menschen, insofern sie Menschen sind, tun beziehungsweise unterlassen sollen. Der Gedanke ist also, dass es objektiv feststeht, was wir tun und unterlassen sollen, genauso wie es objektiv feststeht, welche Stadt die Hauptstadt der Bundesrepublik ist.

Die Ansicht darüber, was moralisch ist, unterscheidet sich sehr stark und unterliegt einem steten gesellschaftlichen Wandel. Sie schreiben, es gebe "moralische Leitplanken menschlichen Verhaltens", die universal, kulturübergreifend und objektiv seien. In Ihrem Buch haben Sie sich auf die Suche danach gemacht, richtig?

Gabriel: Genau. Die Verwechslung zwischen Werten - also dem, was wir tun sollen - und Wertvorstellungen ist im menschlichen Denken sehr weit verbreitet. Es ist richtig, dass verschiedene Menschengruppen, die man manchmal Kulturen nennt, verschiedene Wertvorstellungen haben. Bei den Hindus in Indien zum Beispiel ist die arrangierte Ehe ein völlig normaler Vorgang und man hält sie für teilweise sogar geboten. Wir halten das für abscheulich. Dort haben wir also verschiedene Wertvorstellungen. Das heißt aber noch nicht, dass nicht einer von uns Recht hat. Entweder ist es so, das die arrangierte Ehe moralisch verwerflich ist, oder es ist nicht so. Das Ziel meines Buches ist, uns ein Instrumentarium, einen moralischen Kompass an die Hand zu geben, wie wir lernen, im Alltag als Individuen oder als Entscheidungsträger institutioneller Art, zum Beispiel in unseren Berufen, festzustellen, was wir aus objektiven, moralischen, kulturübergreifenden Gründen tun sollen oder nicht. Und da schrecken wir leider weiterhin zurück aus falscher Vorstellung davon, was kulturelle Differenz ist.

VIDEO: Markus Gabriel: "Wir müssen nach vorne denken" (21 Min)

Homeschooling und Homeoffice haben in Zeiten von Corona an Bedeutung gewonnen. Viele sehen darin etwas Positives und hoffen, dass diese Entwicklung die Bedingungen für das Lernen und Arbeiten zu Hause verbessert. Sie sind durchaus digitalisierungskritisch und stehen dem weniger positiv gegenüber - kann man das so sagen?

Gabriel: Das kann man tatsächlich so sagen. In Anlehnung an einen Gedanken von Jürgen Habermas, der in einem Klassiker von der "Kolonisierung der Lebenswelt" gesprochen hat, spreche ich in meinem Buch von einer "Coronialisierung der Lebenswelt". Durch die Digitalisierung wird die Privatsphäre schrittweise zugunsten einer dauernden Arbeitstätigkeit ersetzt. Dazu gehört das Eindringen des Smartphones, die dauernde Erreichbarkeit, die Unmöglichkeit, Urlaub zu machen und die Zerstörung unseres Privathaushaltes durch das Eindringen von Unternehmen. Das ist ein sehr verdächtiger Vorgang, der nicht zufällig mit der schrittweisen Unterminierung der liberalen Demokratie durch soziale Netzwerke zusammenhängt - insbesondere US-amerikanischen, neuerdings aber auch chinesischen und russischen Ursprungs, ohne die wir vermutlich nicht diese verschwörungstheoretischen Versammlungen in der Corona-Pandemie erlebt hätten.

Buchcover: Markus Gabriel - "Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten: Universale Werte für das 21. Jahrhundert" © Ullstein Verlag
"Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten: Universale Werte für das 21. Jahrhundert" ist im Ullstein Verlag erschienen und kostet 22,00 Euro.

Das größte Problem ist, dass wir zu Hause im Homeoffice und Homeschooling im Wesentlichen Daten für US-amerikanische Unternehmen produzieren und vollständig überwachbar sind. Das ist auch ein Sicherheitsproblem. Alles, was wir für "Zoom", "Teams" und so weiter in den letzten Monaten zu Hause hergestellt haben, ist überwachbar und führt zur Mehrwertproduktion auf US-amerikanischen Konten. Ich verstehe nicht, warum wir Europäer so gerne für amerikanische Unternehmen arbeiten, ohne dafür auch nur den Mindestlohn zu erhalten. Das ist doch selbstverschuldetes digitales Proletariat. Das ist nicht allgemein digitalisierungskritisch, sondern ein Aufruf zu Formaten einer wünschenswerten Digitalisierung.

Eine weitere Entwicklung durch Corona ist, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, insbesondere aus dem Bereich der Medizin, in diesen Tagen einen sehr starken Einfluss auf die Politik bekommen. Wie ist an dieser Stelle um die Philosophie bestellt? Welche Rolle kommt ihr in der Krise zu? Sollte sie mehr Gehör finden?

Gabriel: Die Philosophie als die allgemeinste Wissenschaft, die sich im Fall der Ethik mit der Frage beschäftigt, was wir tun und unterlassen sollen, ist in einer Krise selbstverständlich eine der wichtigsten Stimmen. Wenn wir das nicht verstehen, dann unterbieten wir das Standard-Niveau des 18. Jahrhunderts, also der Aufklärung. Wir hätten keinen demokratischen Rechtsstaat, keine Gewaltenteilung und keine Französische Revolution gehabt, hätten nicht Denker wie Rousseau oder Montesquieu diesen Gedanken der Gewaltenteilung in ihren philosophischen Traktaten formuliert. Und so ähnlich ist es jetzt: In einem Zustand einer massiven Zeitenwende, der die ganze Menschheit betrifft, brauchen wir selbstverständlich Philosophen als Vordenkerinnen und Vordenker einer neuen, besseren gesellschaftlichen Ordnung.

Virologen sind da nicht sehr dienlich - das sind ja keine geborenen Intellektuellen, wie wir in diesem Medienspektakel der virologischen Streitinszenierung gesehen haben. Da gab es auch massive Defizite. Im Übrigen hätte man die Immunologen fragen müssen und nicht die Virologen, denn Covid-19 ist vor allen Dingen ein Immunsystem-Problem - das Virus ist Gott sei Dank gut sequenziert. Ich habe überhaupt nichts gegen naturwissenschaftliche Expertise und ganz und gar nichts gegen wissenschaftliche Beratung von Regierungen - das ist ein Zeichen funktionierender Demokratie. Ein Fehler ist allerdings, nicht zu verstehen, dass die Geistes- und Sozialwissenschaften offensichtlich mindestens genauso wichtig sind für die Selbstberatung einer demokratischen Öffentlichkeit wie die eigentlich randständige Disziplin der Virologie.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 07.08.2020 | 19:00 Uhr