Stand: 29.07.2020 17:27 Uhr  - NDR Kultur

Party trotz Corona: Spaltet sich unsere Gesellschaft?

Am Dienstag äußerte das Robert Koch-Institut angesichts steigender Corona-Infektionszahlen in Deutschland "große Sorgen" und betonte: "Wir sind mitten in einer sich rasant entwickelnden Pandemie." Später verkündete der Hamburger Senat, dass am kommenden Wochenende auf den Partymeilen in Hamburg ein Alkoholverbot ausgesprochen werde, weil das Treiben dort zuletzt komplett aus dem Ruder gelaufen sei. Ein Gespräch mit dem Zukunftsforscher Tristan Horx über Vernunft und Angst, über das Recht zu feiern und das Recht auf körperliche Unversehrtheit.

Herr Horx, bis Dienstag machte das Wort von der "neuen Normalität" die Runde. Ist das Schnee von gestern?

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Tristan Horx ist Forscher am Zukunftsinstitut mit Sitzen in Frankfurt und Wien.

Tristan Horx: Nein, natürlich nicht. Die wirklich spannende Dynamik, die sich hier gezeigt hat, ist, dass wir mit dieser neuen Normalität - zumindest in großen Teilen Europas - die Pandemie in den Griff gekriegt haben. Es sind gewisse Lockerungen eingetreten, und jetzt muss man schauen, ob man zurück in diese neue Normalität, die aber so oder so die ganze Zeit bestanden hat, zurückkehren muss. Das ist eine ganz normale Dynamik, dass wir schauen, wie viel Freiheit möglich ist. Insofern bin ich da ein bisschen beruhigter als das Robert Koch-Institut.

Derzeit prallen der Anspruch auf Urlaub, Vergnügen und Party auf die Angst vor weiterer Ausbreitung der Pandemie und einem erneuten Lockdown. Spaltet sich unsere anfangs sehr solidarische Gesellschaft jetzt doch?

Horx: Sie spaltet sich nicht, aber es werden ein paar äußere Verfransungen klar. Es gibt jetzt diejenigen, die darauf brennen, dass sie ein Recht auf Party haben. Das ist vielleicht sehr kurz gegriffen. Gleichzeitig sollte man aber auch nicht in völliger Angst ertrinken. Das Problem ist, dass wir diese beiden Seiten sehen und vergessen, dass der Großteil der Gesellschaft durchaus gewillt ist, wieder Verhaltensänderungen einzuführen, wenn es nötig wäre.

Sie haben vor einiger Zeit den Band "Generation global" mit herausgegeben. Darin geht es um Menschen wie Sie, Millenials, die auf der Welt eigentlich keine Grenzen erlebt haben. Nun tun sich da plötzlich neue Begrenzungen auf. Wie geht Ihre Generation damit um?

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Horx: Erstmal ist es ein bisschen Demut, weil wir das, was wir als selbstverständlich vernommen haben, danach mehr zu schätzen lernen und dieses Verhalten ein bisschen entschleunigen. Gleichzeitig haben diese venetzten Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf der ganzen Welt unterschiedliche Erlebnisse mit diesem Virus. Während man in großen Teilen Europas durchaus von einer Erfolgsstory sprechen kann, machen die Leute in Amerika eine völlig andere Erfahrung mit dem Virus. Man kann sie nicht besuchen und sie einen auch nicht, und das trübt ein bisschen. Aber - und das darf man auch nicht vergessen - wir sind statistisch gesehen am wenigsten von Corona betroffen. Gleichzeitig haben wir uns größtenteils sehr solidarisch gezeigt.

Insofern hat sich gezeigt, dass diese Generation zusammenhalten kann, sehr ähnliche Werte hat, aber gleichzeitig darunter leidet, wodurch sie sich definiert hat: nämlich das Globalisiert- und Vernetzt-Sein.

Wird das eine nachhaltige Wirkung für diese Generation haben?

Horx: Ich glaube schon. Eigentlich hat die Coronakrise dazu geführt, dass die Nachhaltigkeitsbewegung mehrheitstauglich geworden ist. Wir sehen in sehr vielen Unternehmen, dass sich das durchsetzt. Insofern war das nicht unbedingt die Krise, die wir wollten, aber die, die wir brauchten, dass sich endlich ein paar Werte durchsetzen, die auch für die spätere Zukunft noch wichtig sind.

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Im Norden gehen bald die ersten Sommerferien wieder zu Ende, und Kitas und Schulen werden ihren Betrieb wieder aufnehmen. Wie risikofreudig dürfen wir sein? Denn die Kinder sind unsere Zukunft - da dürfen wir eigentlich gar nichts riskieren, oder?

Horx: Man muss einerseits trennen, wie problematisch das für die Kinder individuell wäre, aber auch den Vergleich auf die Gesamtgesellschaft ziehen. Das Problem ist ja nicht so sehr, dass sich die Kinder anstecken, sondern dass sie das mit nach Hause, zu den Eltern und Großeltern bringen. Man darf auch nicht vergessen, dass diese Kinder sehr digitalaffin sind, und wenn man gut geschulte Lehrer hat, dann geht das Ganze zeitweise auch digital. Ich bin nicht jemand, der sich dafür einsetzt, dass am Ende der gesamte Unterricht digitalisiert werden sollte, denn vor allem in der Schule und in der Ausbildung lernen wir sehr Wichtiges über soziale Beziehungen. Was aber auf keinen Fall passieren darf, ist, dass die Erfolgsstory, die wir in Europa mit dem Coronavirus hingekriegt haben, mit überfrühten Versuchen, daraus auszubrechen, zunichte gemacht wird. Diese Erfolgsstory wird uns noch jahrelang begleiten.

Droht dem Sozialen ein gewisser Kollaps?

Horx: Nein, denn wir hatten davor viel zu viele soziale Kontakte. Es gibt eine gewisse Menge an Leuten, mit denen man ein soziales Netzwerk pflegen kann, und die Zahl liegt zwischen 150 und 250 - und nicht bei 5.000 Facebook-Freunden. Insofern ist in dieser Krise auch eine gewisse Rückbesinnung auf meinen engeren Kreis passiert, auf die, die mir wichtig sind und mir mentale und seelische Stärke geben. Das war schon nötig, weil wir durch digitale und soziale Medien eine Tendenz dazu hatten, unsere Beziehungen sehr breit zu fächern, aber dafür nicht sehr innig zu haben. Insofern ist es vielleicht gar keine so schlechte Kurskorrektur, dass wir uns darauf zurückbesinnen.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe.

Tristan Horx © picture alliance/APA/picturedesk.com Foto: Hubert Mican

Party trotz Corona: Spaltet sich unsere Gesellschaft?

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Derzeit prallen der Anspruch auf Urlaub, Vergnügen und Party auf die Angst vor weiterer Ausbreitung der Corona-Pandemie. Ein Gespräch mit dem Zukunftsforscher Tristan Horx.

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NDR Kultur | Journal | 29.07.2020 | 19:00 Uhr

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