Stand: 17.08.2020 11:32 Uhr

"Opening Night": Würdige Premiere im Thalia Gaußstraße

von Peter Helling

Corona hat das öffentliche Kulturleben seit fast genau fünf Monaten lahmgelegt. Nur langsam fährt es wieder hoch: So wie am Sonntag im Hamburger Thalia Theater in der Gaußstraße. "Opening Night" heißt das Stück nach dem Filmdrama von John Cassavetes. Geplant war die Premiere eigentlich noch Ende der vergangenen Spielzeit, nun wird "Opening Night" seinem Titel gerecht. Mit der "Eröffnungsnacht" hat das Hamburger Thalia Theater seine neue Saison unter Corona-Bedingungen eröffnet - und zwar open air.

Szene aus dem Stück "Opening Night" auf der Bühne des Thalia Theaters Gaußstraße © Thalia Theater Foto: Krafft Angerer
Mit dem Stück "Opening Night" von John Cassavetes hat das Thalia Theater in der Gaußstraße die neue Saison eröffnet - unter Corona-Bedingungen.

Schauspielerin Oda Thormeyer tritt vor den Eingang des Thalia in der Gaußstraße. Sie trägt ein zitronengelbes Kleid, hat einen Blumenstrauß in der Hand. Ihre Figur Myrtle Gordon hatte gerade eine Premiere und steht jetzt allein hinter dem Vorhang. Offensichtlich ist das Publikum offstage, also hinter der Bühne.

Thormeyer steht das Unglück ins Gesicht geschrieben. Ihre großen Augen suchen verzweifelt nach etwas, doch sie finden nichts. Ihr Regisseur spart nicht mit Kritik: "Du bist die beste Schauspielerin, aber du bist nicht mehr komisch."

120 Stühle mit Abstand im Vorhof des Thalia Gaußstraße

Das Publikum sieht einer Theaterprobe zu, der Produzent des Stückes, die Autorin, ein Mitspieler, sie alle arbeiten an einem neuen Stück: Nur Myrtle spielt nicht mit. Sie wehrt sich gegen die Mittelmäßigkeit ihrer Rolle. Der Abend kommt eher langsam in Fahrt. Die Abstands- und Hygieneregeln werden dagegen einwandfrei eingehalten. 120 Stühle stehen mit Abstand im Vorhof des Theaters. Der Abendhimmel sorgt für genügend virenfreie Luft. Vor den Eingängen des Hauses sieht man zunächst Theater über das Theater; eine überdrehte Comedy voller Bühnenklischees.

Kopfhörer für die Zuschauer

Die Zuschauer tragen während der Aufführung des Stücks Kopfhörer. Die Stimmen des Ensembles und Live-Musik aus dem Foyer des Theaters vermischen sich zwar zum perfekten Hörspiel, während man den Schauspielern zusieht: Dennoch kommen Hör- und Seh-Ebene nicht zusammen, alles wirkt seltsam fern. "Mal hat mir das Stück ganz gut gefallen", sagt eine Zuschauerin. "Mal konnte ich nicht ganz mitgehen, da fand ich es absurd."

Regisseurin Charlotte Sprenger gelingen starke Momente

Szene aus dem Stück "Opening Night" auf der Bühne des Thalia Theaters Gaußstraße © Thalia Theater Foto: Krafft Angerer
Oda Thormeyer gibt in "Opening Night" den Schauspielstar Myrtle Gordon.

Langsam wird klar: Schauspielstar Myrtle Gordon ist eine Scheiternde - wie wir alle. Das hochnervös, fast überdreht wirkende Ensemble lässt den Abend ins Surreale, Poetische driften. Regisseurin Charlotte Sprenger gelingen starke Momente, etwa wenn über den Kopfhörer Regen-Geräusche laufen, wenn die Schauspieler mit Regenschirmen über die Bühne gehen - und der richtige Himmel ein regenloser Schimmer ist: Dann entsteht Magie, das Theaterspielen wird hier, fast kitschig, zum Abbild des Lebens. "Das Stück hat ganz viele Ebenen", sagt eine Zuschauerin. "Es ist im Grunde sehr doppelbödig, weil durch Corona so viele Schauspieler arbeitslos geworden sind. Keine Branche hat es härter getroffen. Ich fand das Stück klasse!"

Eine würdige Eröffnungsnacht

Der Abend ist fragil, trumpft nicht auf. Das Ensemble zeigt die Verletzlichkeit des Theaters, zeigt Wunden, Ängste. Ein sichtlich gerührter Intendant Joachim Lux lädt am Ende ein zum Nachpremieren-Sekt und sagt: "Wir sind wahnsinnig glücklich, dass wir heute überhaupt wieder spielen dürfen." Die laue Nacht hat mitgespielt - und dieser poetische Abend war eine würdige Eröffnungsnacht.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 17.08.2020 | 19:00 Uhr