Heidrun Kämper © dpa / Daniel Lukac Foto: Daniel Lukac

"Wir dürfen nicht nachlassen, Sprachkritik zu üben"

Stand: 09.03.2021 16:56 Uhr

Bei der 57. Jahrestagung des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache geht es um die Wechselwirkung von Sprache und Gesellschaft. Ein Gespräch mit Sprachwissenschaftlerin Heidrun Kämper.

Heidrun Kämper © dpa / Daniel Lukac Foto: Daniel Lukac
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Frau Kämper, ich bin in der Ausschreibung zu den einzelnen Vorträgen über die Aussage gestolpert, dass der politische Diskurs im Wesentlichen durch das Bemühen bestimmt ist, Wertungen zu vermeiden und möglichst deskriptiv vorzugehen. Heute gilt das allerdings nicht mehr, oder?

Heidrun Kämper: Nein. Wenn wir auf sprachliche Veränderungen achten, dann müssen wir feststellen, dass sich in der Sprache der Öffentlichkeit, der Sprache von Social Media, der Sprache von Politik sehr viel verändert hat. Gerade im Moment macht sich das besonders bemerkbar. Die Sprache ist radikaler geworden, man scheut sich viel weniger, aggressiven Wortschatz zu verwenden, aber auch einen Wortschatz, der unseren bisherigen Wertekonsens missachtet.

Das haben Sie unter anderem festgestellt, als sie die politischen Debatten im Baden-Württembergischen Landtag analysiert haben. Wie hört sich der neue, aggressivere Wortschatz an?

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Kämper: Es sind natürlich auch einzelne Wörter, die da eine Rolle spielen. Aber was mich bei dieser Studie darüberhinaus interessiert hat, war das Kommunikationsverhalten, das Interaktionsverhalten der Akteure in einem Parlament. Und da geht es zum Beispiel darum, dass hier bestimmte Regeln missachtet werden. Oder dass man zum Beispiel sagt, dass einen ein Ordnungsruf nicht interessiert - während bis vor Kurzem noch ein Ordnungsruf ein Instrument des Präsidiums war, die Debatten zivilisiert ablaufen zu lassen. Oder schwerwiegende Anwürfe wie: "Das, was Sie hier machen, ist eine Missachtung der Demokratie." Auch das Thema Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit ist in einer Art und Weise im Parlament präsent, wie es in der letzten Legislaturperiode nicht der Fall war.

In einem NDR Kultur Radiobeitrag über einen neuen Podcast fällt der Satz: "Wir leben in einer Zeit, wo verbale Täter sich aller populistischen Maßnahmen bedienen, um sich vom Täter zum Opfer zu stilisieren." Wo sehen Sie Möglichkeiten, die deutsche Sprache dahingehend anzupassen, um gegen solche Missstände anzukämpfen?

Kämper: Ich halte viele Vorträge zu diesem Thema und werde das immer wieder gefragt. Als Linguistin antworte ich dann, dass wir nicht nachlassen dürfen, Sprachkritik zu üben, immer wieder darauf hinzuweisen, wogegen sprachlich verstoßen wird. Das sind auch demokratische Regeln, gegen die mit den Mitteln der Sprache verstoßen wird. Nicht auf alles Mögliche reagieren - aber da, wo der Konsens schwerwiegend missachtet ist.

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Sie sind Leiterin des Arbeitsbereichs "Sprachliche Umbrüche" am Institut für Deutsche Sprache der Universität Mannheim. Wo haben Sie im letzten Jahr die markantesten sprachlichen Umbrüche wahrgenommen?

Kämper: Das letzte Jahr war geprägt von Corona, und der Wortschatz ist natürlich geprägt von Corona-Ausdrücken. Über Radikalisierung haben wir schon gesprochen. Das Gender-Thema ist im Moment sehr stark: Es ist wieder aufgekommen in einer wesentlich konsequenteren Haltung in Bezug auf das Einfordern, Frauen sichtbar zu machen. Wir haben viele Phänomene in unserer jetzigen Zeit und wir werden sehen, was sich davon verfestigt und was bleibt.

Stimmt Sie diese virulente Sprache, die sich gerade in ganz vielen Bereichen verändert, neugierig oder beunruhigt sie Sie auch an gewissen Punkten?

Kämper: An gewissen Punkten schon. Wenn ich mir vorstelle, mit welcher Missachtung in demokratischen Kontexten sprachlich agiert wird, wenn ich sehe, dass Rassismus und Antisemitismus wieder Thema sind, in einer Vehemenz, von der wir dachten, dass sie überwunden ist - all diese Aspekte beunruhigen mich schon. Hier ist Sprachkritik ein ganz wichtiges Instrument.

Das Interview führte Andrea Schwyzer.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 09.03.2021 | 18:00 Uhr