Simone Blaschka © Deutsches Auswandererhaus Foto: Stefan Volk

Neue Dauerausstellung im Deutschen Auswandererhaus Bremerhaven

Stand: 24.06.2021 16:05 Uhr

Am Sonntag wird das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven wiedereröffnet. Es ist um einen weiteren Anbau erweitert und neu aufgestellt worden. Ein Gespräch mit der Direktorin Simone Blaschka.

Simone Blaschka © Deutsches Auswandererhaus Foto: Stefan Volk
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Frau Blaschka, das ist bereits die zweite Erweiterung seit der Eröffnung 2005. Was hat sich an diesem Thema - 300 Jahre Aus- und Einwanderungsgeschichte - in den vergangenen Jahren so geändert, dass man wieder erweitern musste?

Simone Blaschka: Die Geschichte hat sich nicht geändert, aber der Blick auf die Geschichte hat sich geändert. Ich glaube, in den letzten 20 Jahren hat sich in Deutschland zum Thema Migration und zu der Frage, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist, sehr viel getan. Man sprach Anfang der 2000er-Jahre ganz zart von einem Zuwanderungsland, aber inzwischen ist es ganz klar, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Was wir in den letzten fünf Jahren geplant und in den letzten 18 Monaten gebaut haben, das greift diese Einwanderungsgeschichten nach Deutschland auf. Aber vor allen Dingen haben wir mit 409 Objekten, die wir zeigen, mit über 200 Hörtexten und Videointerviews viele Perspektiven auf das Thema eingefangen.

Sie sind aber doch das Auswandererhaus und nicht das Einwandererhaus. Kann man das eins zu eins setzen?

Blaschka: Wir haben 2005 als Auswanderer-Museum angefangen und haben damals gedacht: Die Auswanderungsgeschichte ist wie eine Folie, die man als Besucher auch für die Einwanderungsgeschichte lesen kann. Aber die Geschichten sind doch sehr unterschiedlich, vor allen Dingen was in den letzten 20 Jahren passiert ist. Deswegen sagen wir immer: Jede Auswanderin und jeder Auswanderer ist auch eine Einwanderin und ein Einwanderer. Die Menschen, die nach Übersee gegangen sind, wurden zu Einwanderern, und die, die hierher kommen, waren irgendwann mal Auswanderer, Geflüchtete oder Vertriebene.

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Welche Objekte geben uns sinnbildlich einen Eindruck von dem, was sie da zeigen wollen?

Blaschka: Wir haben zum Beispiel eine neue Vitrine, in der drei Kinderwagen stehen. Die Vitrine ist mit "Generationen" überschrieben, und dort ist ein Kinderwagen von 1945, in dem ein Kind mit seiner Mutter vor der Sowjetischen Armee Richtung Westen geflohen ist. Dann haben wir einen Kinderwagen, mit dem 1981 ein kleiner Junge mit seiner Mutter die Ausreise aus der DDR unternommen hat. Und schließlich zwei weitere Buggys, in denen Kinder von einem Akademikerpaar aus Malaysia nach Deutschland gekommen sind. An dieser einen Vitrine wollen wir zeigen, was es für Kinder heißt, wenn sie Eltern mit einer Fluchterfahrung haben - in manchen Fällen traumatisierte Eltern. Was heißt das für ein Kind, wenn es eine Mutter hat, die für ihre Ideale sehr viel geopfert hat und aus einem Unrechtsstaat ausgewandert ist? Was heißt das, wenn Eltern ihre eigene Karriere hinten anstellen und für ihre Kinder in ein anderes Land gehen? Das ist zum Beispiel ein Blick auf das Thema Migration, den wir hier werfen.

Sie haben auch noch ein "Garagenmuseum" dazu eröffnet. Was ist das?

Blaschka: Das gehört zu dem neuen Architekturkonzept des Hauses. Wir haben zwei sehr prägnante Gebäude durch diesen Museumsanbau: das alte Gebäude mit den Schwingen, die für Aufbruch stehen und auch etwas Bittersüßes haben. Und das neue Gebäude hat eine wunderschöne Architektur: Es ist weiß mit kachelartigem Muster und Gesichtern von Eingewanderten. Dieses Gebäude öffnet sich an vielen Stellen in Richtung der Stadt und der Besucher. Das "Garagenmuseum" ist ein Element davon: Das ist etwas größer als eine normale Garage mit einem Rolltor. Dort haben wir ein sehr niedrigschwelliges Angebot mit Sonderausstellungen. Abends lassen wir unser Rolltor wieder runter. Das ist ein kostenfreier Blick in das Museum für Passanten und für alle, die sich dafür interessieren.

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Sie gründen auch eine Akademie. Wird das Ganze zusätzlich auf wissenschaftliche Beine gestellt?

Ja, unsere Academy of Comparative Migration Studies (ACOMIS) ist ein Bildungs- und ein Forschungsinstitut. Wir haben vor allen Dingen in den letzten Jahren das Bedürfnis der Besucher*innen wahrgenommen, dass man miteinander in Dialog kommen will, weil das Thema Migration so kompliziert, so komplex und so emotional sein kann. An der Akademie gibt es Angebote für Studenten, für Schülerinnen, dort gemeinsam mit uns Ausstellungen zu konzipieren. Wir haben wunderbare neue Multifunktionsräume, die man als Schulklasse oder als Studentengruppe nutzen kann. Andererseits haben wir vor, uns bestimmte Themen in Kooperation mit Universitäten näher anzuschauen, genauer zu erforschen, um sie dann an unsere Besucher*innen weiterzugeben..

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 24.06.2021 | 18:00 Uhr