Stand: 10.07.2018 18:10 Uhr

NSU in der Kunst: Die Arbeit von Forensic Architecture

von Barbara Wiegand

Der Prozess um die Verbrechen der Terrorzelle NSU hat mehr als 430 Verhandlungstage gedauert. 800 Sachverständige und Zeugen wurden geladen. Rund 30 Millionen Euro hat der Prozess gekostet - eines der größten, sicher auch der wichtigsten Gerichtsverfahren der deutschen Nachkriegszeit. Auch Eyal Weizman wird das Ende aufmerksam verfolgen. Mit seinem Institut Forensic Architecture in London untersucht er seit Jahren Militäraktionen, Unglücke, Verbrechen, bei denen ihm die Aufklärungsarbeit des Staates nicht transparent genug ist. So nahm er auch Untersuchung der NSU-Morde ins Visier und rekonstruierte beispielhaft eine der Taten.

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Blick auf das Internetcafé in Kassel, in dem der Betreiber Halit Yozgat ermordet wurde - aufgenommen am 10. April 2006.

Kassel, am 6. April 2006 - in einem Internetcafé in der wird der junge Türke Halit Yozgat erschossen - als neuntes von insgesamt zehn Opfern der Terrorzelle NSU. Einer der Gäste an diesem Tag ist auch Andreas Temme, Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes. Und zwar den polizeilichen Ermittlungen zufolge kurz nach 17 Uhr: zum Tatzeitpunkt. Er will aber nichts gesehen, gehört oder gerochen haben.

Architektur heißt Tatorte nachbauen

Ein Einsatz für Eyal Weizman und seine Gruppe Forensic Architecture. Beauftragt vom Aktionsbündnis "NSU-Komplex auflösen" hieß es einmal mehr für den 1970 in Israel geborenen Weizman, der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Architektur bedeutet für ihn nicht nur, Häuser zu bauen, sondern auch Tatorte nachzubauen:  

"Wir nehmen uns vor allem der Fälle an, die beispielhaft sind, die auch eine politische Bedeutung haben. Und in dem Projekt "77 Quadratmeter" schauen wir sozusagen auf einen Mikrokosmos - neuneinhalb Minuten lang. Wir stellen Fragen: Was haben die Beteiligten gehört, was haben sie gesehen, wer war wann wo? Und was sagt das, was wir herausfinden, darüber hinaus über gesellschaftspolitische Zusammenhänge aus? Deshalb haben wir das Internetcafé ausgewählt - weil es wie ein Schaubild ist, beispielhaft für die Verwicklungen im NSU-Komplex: Wir haben einen Verfassungsschutzagenten, die Nazi-Terroristen und einen Bürger mit Migrationshintergrund.

Tatort eins zu eins nachgebaut

So rekonstruierten Weizman und sein Team den Ort des Geschehens - und das Geschehen selbst. Mithilfe geleakter Tatort-Fotos entwarfen sie ein digitales Modell des mittlerweile geschlossenen Internetcafés und bauten es im Berliner "Haus der Kulturen der Welt" eins zu eins wieder auf.

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Eyal Weizman wurde 2007 mit dem James Stirling Memorial Lecture Prize ausgezeichnet.

"Die Arbeit von Forensic Architecture ist uns sehr wichtig, weil sie viel mit der Grundidee des Hauses der Kulturen der Welt zu tun hat", stellt Bernd Scherer, der Intendant des Hauses, fest und ergänzt: "Es geht ja darum Wissen, wissenschaftliches Wissen, und ästhetische Umgangsformen damit einzusetzen, um gesellschaftliche Problematiken zu behandeln, verhandelbar zu machen."  

Scherer erinnert sich noch an das seltsame Gefühl, nach Abschluss der Dreharbeiten von Forensic Architecture durch das Modell zu gehen - durch die künstlich und doch so minutiös nachgestalteten Räume, in denen Andreas Temme am PC 2 gesessen hat, eingeloggt in einem Flirt-Chat, weshalb er im Ermittlungsverfahren erst nichts gesagt und dann nichts gesehen haben will.

Alle Varianten durchgespielt

Alle möglichen Varianten im kurzen Tat-Zeitfenster wurden vom Londoner Team reinszeniert und offenbarten große Zweifel an der Aussage des Agenten. Offiziell wurde das Verfahren gegen den selbst in Verdacht geratenen Temme mittlerweile eingestellt. Dass die Ermittlungsergebnisse seines Teams beim Gerichtsverfahren keine Beachtung fanden, ficht Weizman nicht an:

"Ich glaube das Gericht ist ja Teil des staatlichen Systems, das die offiziellen Untersuchungen geleitet hat. Und der Staat stand ja unter Druck, die Dinge aufzuklären. Ja, Bedienstete des Staates standen ja im Verdacht, sogar in diesen Fall verstrickt zu sein. Wie soll da ein Staat objektiv aufdecken und urteilen? Also, ob das Gericht nun unsere Arbeit anerkennt, das ist nicht so wichtig. Viel wichtiger ist mir, dass die deutsche Gesellschaft, dass die Eltern des Opfers, das Gefühl bekommen, der Wahrheit näher gekommen zu sein durch unser Projekt. Wir dürfen das nicht allein dem Gericht überlassen. Gerechtigkeit muss von der Basis der Gesellschaft kommen."

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Missstände Anstoss für Arbeit

Jenseits staatlicher Machtstrukturen sieht sich Weizman als eine Art Aufklärungsaktivist. Aufgewachsen in Israel, arbeitet er zunächst für die Palästinensische Autonomie Behörde, erstellt unter anderen detailgenaue Karten des besetzten Westjordanlandes. Ganz sicher, so erzählt Weizman weiter, war das für ihn der Anstoß, 2011 Forensic Architecture zu gründen.

Ein syrisches Foltergefängnis, das Bombardement von Zivilisten im Gazastreifen, ein abgedriftetes Flüchtlingsboot auf dem Mittelmeer gehören zu den Fällen, die Forensic Architecture weltweit  recherchierten, rekonstruierten - mithilfe von Wissenschaftlern, aber auch Künstlern. Das brachte ihnen den Vorwurf ein, unseriös zu sein. Aber auch das Verdienst, neue Perspektiven zu eröffnen - und so mehr Licht ins Dunkel zu bringen: ins Schattenreich von Vertuschen und Verschweigen.

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