Stand: 27.02.2019 14:33 Uhr

Musik und Künstliche Intelligenz

von Mischa Kreiskott

Schon als der Mensch die erste Knochenflöte gebaut hat, war Musik auch ein technisches Thema. Cembalo, Klavier, Synthesizer: Neue Technologien schaffen neue Klänge, inspirieren neue Kompositionen. Inzwischen greifen Computer auch in den kreativen Schaffensprozess selbst ein. Vor genau einem Jahr ist das erste von Künstlicher Intelligenz entwickelte Pop-Album entstanden: "Hello World" von Skygge. Versuche, klassische Werke mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) und Algorithmen zu komponieren, gibt es schon seit Jahrzehnten. Anfang Februar führte der chinesische Telefonkonzern Huawei eine vervollständigte Version von Schuberts "Unvollendeter" auf - komponiert von der Software eines Smartphones. 

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Künstliche Intelligenz und musikalisches Handwerk - eine vielversprechende Symbiose.

Mit dem ersten und zweiten Satz aus Schuberts 8. Sinfonie hatten die chinesischen Informatiker ihre Telefon-KI gefüttert. Laut Huawei hat die dann aus dieser Datenbasis, "nur die Melodien" für ein Scherzo und ein Finale errechnet. Die Instrumentation besorgte der Film- und Fernsehkomponist Lucas Cantor. Dieser wurde auch angeheuert, um "die guten Ansätze (der KI) als Basis zu verwenden und bei Bedarf die Lücken zu schließen."

Das Ergebnis ist ein etwas wirres Potpourri eines Franz Schubert, dem eine Zeitmaschine diverse Soundtracks zu Rosamunde-Pilcher-Filmen in die Hände spielte. Diese Präsentation einer KI-Komposition war eher witzig als bahnbrechend.

NDR Kultur Neo Moderator Mischa Kreiskott im Studio © NDR Foto: Robert Hauspurg/Mischa Kreiskott

Künstliche Intelligenz als Komponistin

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Spielerei oder sinnvolles Werkzeug? Selbstlernende Systeme komponieren Musik.

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Der Computer als Quelle der Inspiration

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Der rustikale Rechner Illiac "schrieb" als erster Computer ein Streichquartett.

Die Geschichte der computergenerierten Komposition reicht zurück bis in die 1950er-Jahre. "Illiac Suite" heißt das erste von einem Computer errechnete Musikstück. Entstanden ist es als Forschungsprojekt zweier Kompositionsprofessoren an der University of Illinois. Die beiden brachten einem frühen Rechenapparat bei, Tonhöhen und -dauern nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten miteinander zu kombinieren. Sie nutzen den Computer als Zufallsgenerator und Inspirationsquelle.

20 Jahre später, in den 70er-Jahren, befindet sich der amerikanische Komponist und Informatiker David Cope in einem Dilemma: Er hat einen großen Kompositionsauftrag angenommen, leidet aber unter einer Schreibblockade. Was kann er tun? Cope möchte eine Software mit seiner musikalischen Handschrift füttern, die in seinem Stil komponieren soll.

Cope findet in der Bibliothek zwei Bücher zum Thema, die ihm wenige Erkenntnisse zu seinem Problem offenbarten. Er geht schließlich anders vor und verknüpft jede Note, die er in das System eingibt, mit fünf Merkmalen. Er realisiert auf diese Weise, dass die Maschine Proportionen und Regeln besser erkennen kann als ein Mensch.

Eher Werkzeug als Wundermaschine

EMI, Experiments in Musical Intelligence, nennt Cope seine Software, die nach Jahren der Entwicklung tatsächlich recht verlässlich Stücke in seinem Stil, im Stile Mozarts oder Bachs ausspuckt. Tausende Choräle lässt Cope von EMI errechnen - in diversen Tests vor großem Publikum bestehen diese sogar den Vergleich mit den Originalen. In den Medien wurden Copes Entwicklungen oft als digitale Wundermaschinen beschrieben. Er selbst sieht sie ganz schlicht als Hilfsmittel:

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"Es ist ein Werkzeug. Die Musik, die herauskommt, ist eine Kombination aus meiner Interpretation und den Informationen aus der Datenbank", so der Musiker. "Auch, wenn wir manchmal nicht genau verstehen, was in ihr passiert, ist und bleibt meine Software ein Werkzeug."

Wirklich akzeptiert wurden Copes Arbeiten in der Musikwelt nie. Es gibt schon hunderte Bach-Choräle - wer möchte tausende weitere hören? Wenn Menschen in ein Konzert gehen, treten sie mit anderen Menschen in Kontakt, auch wenn diese vor fast 300 Jahren gelebt haben. Und doch: Mit der Rechenleistung von heute und den neuen Möglichkeiten, die selbstlernende Maschinen bieten, lässt sich Künstliche Intelligenz sinnvoll in der Musik einsetzen.

Ideal für Filmmusik und Auftragsarbeiten

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Als Gründungsmitglied des Music Pool Berlin berät Eric Eitel MusikerInnen zu Digitalthemen.

"Die KI kann wunderbar Funktionsmusik komponieren. da spricht man eben auch von diesen ganzen Synch-Anwendungen: Film, TV, Games", sagt Eric Eitel, Experte für die Zukunft der Produktion. Er berät Musikerinnen und Musiker zu Digitalthemen: "Wer will denn gern 5.000 Variationen eines Songs für eine interaktive Welt schreiben? Superlangweilig! Also ab an die Maschine, überhaupt kein Problem."

Flow Machines, Jukedeck oder Google Magenta heißen die Anwendungen, die Musik als Massenprodukt ausspucken. Wer schnell und billig viel Musik braucht, wird hier zuverlässig bedient.

"Was die Maschine nicht kann, ist eben diesen soziokulturellen Kontext erschaffen", findet Eitel und ergänzt: "So was wie die Zwölftonmusik kann ja vielleicht von einer KI erdacht werden, sie kann aber noch lange nicht den soziokulturellen Kontext des Menschen und die Kreativität dieses Menschen so steuern, dass irgendjemand das akzeptieren würde."

Noch liegt es allein am Menschen, welche Rolle er den Maschinen zuweist. Er hat sie entwickelt, er gibt ihnen die Ideen, die Inhalte, die sie weiterverarbeiten. Im Idealfall gehen digitales und organisches Denken eine Symbiose ein, spielen ihre Stärken dort aus, wo sie es am besten können.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 27.02.2019 | 16:20 Uhr