Ein Mann auf dem Sofa schaut im Fernsehen die "Tagesschau" zum Ukraine-Konflikt © picture alliance/dpa Foto: Lino Mirgeler

Medienkonsum in Kriegszeiten: "Man muss sich Auszeiten nehmen"

Stand: 19.04.2022 16:50 Uhr

Haben sich Berichterstattung und Medienkonsum seit Beginn des Ukraine-Krieges verändert? Ein Gespräch mit Christian Schicha, Professor für Medienethik in Erlangen.

Ein Mann auf dem Sofa schaut im Fernsehen die "Tagesschau" zum Ukraine-Konflikt © picture alliance/dpa Foto: Lino Mirgeler
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Christian Schicha: Im Grunde genommen ist die Berichterstattung - zumindest, was ich wahrnehme - relativ konstant. Es wird regelmäßig in Wort und Bild berichtet. Was sich entwickelt, ist, wer sich politisch äußert. Es finden auch Auseinandersetzungen auf politischer Ebene statt, etwa welche Hilfe in militärischer Hinsicht stattfinden sollte. Insofern ist das eine relativ konsequente Berichterstattung, die sich aus meiner Sicht in den letzten Wochen nicht maßgeblich verändert hat.

Wie ist das für Medienkonsumentinnen und -konsumenten, wenn man tagtäglich in so einem Tunnel von schlechten Nachrichten ist? Wie reagiert man darauf?

Schicha: Die Menschen reagieren höchst unterschiedlich. Manche versuchen das komplett zu verdrängen, sich nicht diesen Nachrichten zu stellen und auszuweiten. Der gegenteilige Effekt stellt sich bei Leuten wie mir ein, die versuchen, so viel wie möglich aufzugreifen. Ich denke, der gesunde Mittelweg ist irgendwo in der Mitte, weil die emotionale Belastung, die diese Horrorbilder und Horronachrichten bei uns hinterlassen können, so dramatisch sind, dass man sich Auszeiten nehmen muss, um das verarbeiten zu können.

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Diese Auszeiten auch ganz bewusst ausgewählt, nach dem Motto: Jetzt gönne ich mir das?

Schicha: Ja, ich denke, man reflektiert hoffentlich sein Leben insgesamt, aber auch seine Medienrezeption. Es ist aus meiner Sicht vollkommen legitim - zumindest habe ich die Strategie für mich gewählt -, dass man sich ab einer gewissen Uhrzeit nicht mehr damit auseinandersetzen möchte, um einen angenehmen Schlaf zu haben. Wenn man diese Endlosschleifen und diese Horrormeldungen permanent im Bewusstsein hat und sich Tag und Nacht damit beschäftigt, ist das für die eigene seelische Gesundheit nicht gut. Da muss man sich, glaube ich, auch keinen Vorwurf machen, wenn man sich diese Auszeiten nimmt.

Ich könnte mir vorstellen, dass es vielen Leuten so geht, dass sie das mit schlechtem Gewissen tun, aber dennoch das Bedürfnis haben, dass sie das brauchen.

Schicha: Genau. Ich finde das auch vollkommen legitim. Es gibt andere Themen, die nicht diese Relevanz und auch nicht diese Bedrohlichkeit haben, aber der Mensch muss ja auch ein Stück weit funktionieren und versuchen, in einer eigenen Stabilität zu bleiben. Insofern ist es gerechtfertigt, andere Dinge zu tun und sich durchaus auch positiven Dingen zuzuwenden, um wieder Kraft zu schöpfen, was sich dann auch konstruktiv auf Spendenbereitschaft oder Engagement auswirken kann.

Das ist ein Konflikt, der so reich bebildert ist, wie wir das noch nie erlebt haben. Das führt auch dazu, dass man immer mehr implimatisch das Grauen vor Augen geführt bekommt. Was hat das für eine Konsequenz?

Schicha: Auch da kann ich mich nicht zu einer klaren Aussage festlegen, weil auch hier Menschen unterschiedlich reagieren. Diejenigen, die eine Abwehrhaltung haben, gibt es genauso wie diejenigen, die das quasi als Sog aufnehmen. Es gibt Menschen, die eine starke Empathie, Mitleid, teilweise aber auch Wut haben - es ist also wahnsinnig schwierig, das auf einen Nenner zu bringen. Das verändert sich auch im Laufe der Zeit, denn ein zentraler Punkt im Rahmen der Berichterstattung besteht darin, dass Themen irgendwann an Relevanz verlieren. Dieser Krieg, der wahrscheinlich noch viele Wochen dauern wird, wird auch nicht an Schrecklichkeit abnehmen, aber es ist zu befürchten, dass irgendwann die Aufmerksamkeit abnimmt, weil diese immer gleichen Bilder und Schreckensmeldungen dazu führen, dass man eine gewisse Reaktanz, also Abwehrhaltung entwickelt und sich damit gar nicht mehr beschäftigen möchte.

Wie sollten Medien mit so einer Reaktanz umgehen?

Schicha: Indem man es auch problematisiert. Ich finde all die Berichte sinnvoll, wo Journalistinnen und Journalisten sich selber Gedanken machen und auch offen sagen, wie sie mit Situationen umgehen. Also nicht die klassische Schalte, wo der Korrespondent oder die Korrespondentin berichtet, was gerade los ist, sondern ich finde es immer sehr hilfreich, wenn diese Berichterstatter vor Ort selber mal sagen, wie sie das wahrnehmen. Also nicht nur, was gerade passiert, sondern auch, was das letztendlich mit ihnen macht. So eine Ausnahmesituation zu reflektieren und das auch öffentlich zu machen, das finde ich persönlich ausgesprochen hilfreich.

Sie haben gesagt, dass Sie auch in ihrem persönlichen Medienkonsum sehr genau auswählen. Hat das auch damit zu tun, welche Medien Sie konsumieren?

Schicha: Ja, natürlich. Ich versuche mich primär mit Qualitätsmedien zu befassen und konzentriere mich primär auf die Fernseh- und Radioberichterstattung der öffentlich-rechtlichen Medien, weil ich da das größte Vertrauen habe und weiß, dass es da Mechanismen gibt, die zum Beispiel dafür sorgen, dass nicht permanent Bilder gezeigt werden, bei denen die Opfergesichter zu erkennen sind. Ich weiß, dass das entsprechend reflektiert wird und dass sich da Gedanken gemacht wird, wie berichtet wird.

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Wenn man diese Menschen in Leid sieht, was passiert dann in uns?

Schicha: Die normale Reaktion ist Empathie, Mitleid und vielleicht auch das Bedürfnis helfen zu wollen, zu spenden. Die Spendenbereitschaft ist sehr groß, die Geflüchteten werden stark unterstützt. Das sind durchaus positive Signale. Aber es gibt auch Wut, Abscheu, Ekel und Hass. Am Wochenende hat es eine ganze Reihe von Attacken auf Russinnen und Russen in Deutschland gegeben, und das sind Entwicklungen, die höchst problematisch sind.

Wie beobachten Sie gerade die Skandalisierbarkeit von anderen Prozessen in der Politik oder in der Wirtschaft? Man könnte eigentlich denken, dass sich jetzt alles nur um diesen Krieg dreht - aber ich habe nicht das Gefühl.

Schicha: Ja, auch das ist natürlich ein Problem, wenn man so einen Fokus hat. Wir hatten jetzt zwei Jahre lang fast ausschließlich Corona im Rahmen der Berichterstattung, und jetzt konzentrieren wir uns primär auf den Krieg. Das ist natürlich wichtig und sinnvoll und darüber muss in Wort und Bild berichtet werden, aber das Leben hat eine ganze Reihe von weiteren Facetten, die auch eine wichtige Rolle spielen. Natürlich ist der Ukraine-Krieg eine Katastrophe, aber über die Situation in Syrien, in Afghanistan oder in Afrika, wo es immer wieder Kriege gibt, muss auch berichtet werden. Die Bedrohlichkeit und die gefühlte Nähe sind da nicht so groß, aber es sollte eine umfassende und eine qualitativ gehaltvolle Berichterstattung mit einem möglichst breiten Fokus geben.

Das Interview führte Mischa Kreiskott.

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NDR Kultur | Journal | 19.04.2022 | 16:00 Uhr

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