Das Cover von Matthias Jüglers Buch "Die Verlassenen" © Penguin Verlag

Matthias Jüglers "Die Verlassenen": Reise in vergangene Zeiten

Stand: 26.03.2021 10:15 Uhr

Matthias Jügler setzt sich in seinem aktuellen Roman "Die Verlassenen" mit dem Unrechtsstaat DDR auseinander.

von Melanie Last

"Da gab es immer so ein großes Wort, was vor meinem inneren Auge aufgeleuchtet ist: schreiben, schreiben, schreiben." Matthias Jügler ist in der DDR geboren, 1984 in Halle. Viele Erinnerungen an seine frühe Kindheit hat er nicht mehr. Das Thema packt ihn dennoch, weil die DDR, wie er sagt, noch immer präsent ist. "Dieses System gibt es nicht mehr, das ist kollabiert, das liegt lange zurück. Aber die Biografien der Menschen gehen weiter", sagt der Autor. Und diese Biografien, von feinen Rissen durchzogen, gar brüchig, die interessieren den 36-jährigen Familienvater.

Wahre Geschichte war Auslöser für Jüglers "Die Verlassenen"

Dass Matthias Jügler Schriftsteller werden will, weiß er nach ein paar Semestern an der Greifswalder Uni: Skandinavistik und Kunstgeschichte hat er dort studiert. Damals hörte er von einer wahren Geschichte: von einem Künstler, der der Stasi zum Opfer fiel. Es wird zur Vorlage für seinen Roman "Die Verlassenen". "Dem brennen die Bilder einer Ausstellung ab. Dem brennt das Wochenendhaus in Mecklenburg ab, und nur durch Zufall war er nicht vor Ort. Dem kommt die Frau bei einem Verkehrsunfall ums Leben", erzählt Jügler.

Anfang der 90er-Jahre liest dieser Künstler seine Stasiakte und erfährt: All das war kein Zufall, sondern ein "Vorgang" der Staatssicherheit. "Da gab es einen IM, der hat dafür gesorgt, dass diese drei Sachen passiert sind mit dem Ziel, dass sich dieser Künstler umbringt. Und dann geht er 1994 - die DDR ist längst vorbei - nach Hause und erhängt sich", berichtet der Autor. Das habe ihn umgehauen. "Das war so stark, wie das in mir gewirkt hat. Seit diesem Moment wusste ich, dass ich darüber schreiben möchte."

Zehn Jahre Schaffensprozess am Roman

Matthias Jügler zog nach Leipzig, lernte literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut. Diese wahre Geschichte war immer in seinem Kopf. Zehn Jahre brauchte der Autor, um diesen dramatischen Stoff in seinem fiktionalen Roman zu verarbeiten.

Und so erzählt Matthias Jügler die Geschichte von Johannes, der auf seine ostdeutsche Kindheit blickt. Seine Mutter starb 1986, da war er fünf Jahre alt. Seitdem lebte er mit seinem Vater allein in Halle, bis der 1994 plötzlich verschwand. Da war Johannes zwölf. Ein Verlassener.

Er ging die Treppe nach unten, und ich hörte, wie die Haustür ins Schloss fiel. Im Wohnzimmer lief leise der Fernseher. Ich warte eine Minute oder vielleicht auch zwei, dabei blickte ich immerzu auf die Fußmatte vor meinen Füßen. "Mach's gut Junge", hatte der Vater noch gesagt. Danach sah Johannes ihn nie wieder. Matthias Jügler: Die Verlassenen

 

Staatssicherheit der DDR: Unsichtbare Hauptrolle in der Zeit und im Buch

Jahre später, Johannes ist Mitte 20, findet er heraus, was die Staatssicherheit der DDR seinem Vater, Thomas Wagner, angetan hat und warum seine Mutter wirklich starb. All das erfährt er aus Stasiakten.

Um den Vorgang "Freund" offensiv bearbeiten zu können, wird angeraten, negativ auf die Lebensumstände von Thomas Wagner einzuwirken. Matthias Jügler: Die Verlassenen

Matthias Jügler erfindet diese Stasiakte. Ein Kniff, zentral in dem Roman, um zu erzählen, was den Eltern von Johannes passiert ist. Dafür hat der Schriftsteller nächtelang originale Stasiakten in der Mediathek studiert.

"Diese vielen Schicksale von Menschen zu lesen, das war der pure und blanke Horror. Und zu wissen, dass das gar nicht so lange zurückliegt und dass diese vielen IM, die es noch gibt, noch herumlaufen, und auch deren Opfer und die Kinder der Opfer - das war wirklich erschütternd", findet Jügler.

Jüglers Roman spielt auf mehreren zeitlichen Ebenen

Im Roman "Die Verlassenen" findet Johannes nicht alle Antworten auf seine Fragen: Warum sein Vater ihn verlassen hat, wird er nie erfahren. "Aber trotzdem glaube ich, dass die Traurigkeit in dem Buch nur eine sanfte Trauer ist und immer auch etwas Befreiendes und Ermutigendes hat", meint der Autor.

"Die Verlassenen" ist ein packender Roman, der auf mehreren zeitlichen Ebenen spielt. Matthias Jügler erzählt dabei so schnörkellos und doch intensiv, dass einem manchmal der Atem wegbleibt. Er gibt einer ganzen Generation eine Stimme und findet Worte für das Ungeheuerliche in der DDR, worüber in vielen ostdeutschen Familien jahrzehntelang geschwiegen wurde.

Infos zum Buch

Matthias Jügler: "Die Verlassenen"

Penguin Verlag
176 Seiten
18,00 €
ISBN: 978-3-328-60161-6

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 25.03.2021 | 15:20 Uhr