Bendix Dethleffsen, Josefine Israel, Sasha Rau, Lars Rudolph, Samuel Weiss, Martin Zeller im Stück "Die Sorglosschlafenden, die Frischaufgeblühten" © Matthias Horn

Marthalers "Die Sorglosschlafenden": Ein leiser Abend in Hamburg

Stand: 30.05.2021 09:51 Uhr

Im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses hat am Samstagabend eine Theaterlegende Premiere gefeiert: "Die Sorglosschlafenden, die Frischaufgeblühten" von Christoph Marthaler.

von Peter Helling

Am Ende gibt es donnernden Applaus, wegen Corona sind kaum mehr als 30 Zuschauer und Zuschauerinnen im Malersaal des Schauspielhauses, die hier so großen Rabatz machen. Der Kontrast könnte kaum größer sein: Das Publikum tost, und davor: Stille. Ein leiser Abend, wie eine gerissene Saite.

Zaghafte Inszenierung von Christoph Marthaler

Christoph Marthalers Inszenierung ist zaghaft, schleicht sich geradezu in die Wirklichkeit hinein. Vier Schauspieler und Schauspielerinnen, zwei Musiker in geschmacksverirrten Kostümen der 70er-Jahre: einem Cord-Kleid, einer üppigen Rüschenbluse, Polyesterhosen und Papageienhemd, ein blauer Pullunder. Wie ein spießiges Vorstadtorchester greifen sie zögernd, fast ängstlich zu ihren Instrumentenkästen, in denen sich Hörner verbergen müssen. Aber darin ist nichts, also bücken sie sich tief hinein, von innen dringen ihre verstärkten Stimmen. Und man hört Zeilen von Friedrich Hölderlin, ihm ist der Abend gewidmet: "Warum bist du so kurz? Liebst du, wie vormals, denn nun nicht mehr den Gesang?"

"Die Sorglosschafenden": Chaos aus Textschnipseln und Musik

Das choreografierte Chaos aus Textschnipseln und Musik verbindet sich erst mal gar nicht. Überhaupt zerbricht hier ständig alles. Tische, Pulte, Stühle, nichts scheint wirklich zu halten. Im Hintergrund der Bühne hängt eine riesige Sepiaschale für Wellensittiche, rechts zwei große Spender für Wasser und Vogel-Körner, wir sind also in einer Art Vogelkäfig, vielleicht sogar im Kopf des Dichters, der am Ende ja wahnsinnig geworden ist. Stimmen und Körper scheinen sich voneinander zu trennen. Und damit trifft der Abend den Corona-Nerv: "Social Distancing" war bei Hölderlin: die Tragik seines Lebens.

Magische Momente mit Bachs wunderbarer Musik

Dazwischen immer wieder Bachs wunderbare Musik. Es sind kleine magische Momente, die diesen Abend zum Schweben bringen, auch wenn man vieles wiedererkennt, was Christoph Marthalers Inszenierungen so auszeichnet. Ständige Wiederholungen, Stolpereien, und verpatze Anfänge. Und vielleicht ist das das ideale Symbol nach sieben Monaten Theater-Lockdown: ein völlig verpatzter Anfang. Man kaut ein bisschen wie auf trockenem Brot, kaut so lange, bis aber etwas übrig bleibt, eine Essenz, etwas von wirklicher: Kunst.

Ein leiser Abend im Schauspielhaus

Ja, vielleicht ist es genau richtig, dass das Schauspiel sich wieder mit einem leisen Abend zurückmeldet, der von der Zerbrechlichkeit der Kunst erzählt. Und das ist mehr als geglückt.

Marthalers "Die Sorglosschlafenden": Ein leiser Abend in Hamburg

Das Schauspiel meldet sich in Hamburg mit einem leisen Abend zurück, der von der Zerbrechlichkeit der Kunst erzählt.

Datum:
Ende:
Ort:
Deutsches Schauspielhaus
Kirchenallee 39
20099Hamburg
Telefon:
(040) 248 713
E-Mail:
kontakt@schauspielhaus.de
Kartenverkauf:
Karten gibt es online beim Schauspielhaus, www.schauspielhaus.de
Hinweis:
Weitere Vorstellungen am 30. Mai, 16 und 20 Uhr, 6. Juni, 16 und 10 Uhr, 7. Juni, 19. 30 Uhr und 12. Juni, 19. 30 Uhr.

Stück von Christoph Marthaler mit Texten von Friedrich Hölderlin
Musik: Carl Friedrich Abel, Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven, Sergei Rachmaninow, Franz Schubert, Robert Schumann, Carl Maria von Weber
Alle gesprochenen Texte: Friedrich Hölderlin
In meinen Kalender eintragen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Kulturjournal | 30.05.2021 | 19:00 Uhr