Der Wissenschaftler und Autor Stefan Weidner © picture alliance / dpa | Friso Gentsch

Machtkampf in Afghanistan: Die Taliban und der IS

Stand: 27.08.2021 17:51 Uhr

Attentäter, die offenbar zu einer Splittergruppe des IS gehören, haben am Donnerstag Terroranschläge in Kabul verübt. Wer ist diese Gruppe, und wie steht sie zu den Taliban? Fragen an den Islamwissenschaftler Stefan Weidner.

Schwer bewaffnete Taliban-Kämpfer patrouillieren nach ihrer Machtübernahme mit wehender Fahne des Islamischen Emirats Afghanistan durch Kabul. © picture alliance/dpa/AP Foto: Rahmat Gul
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Herr Weidner, die Taliban haben die Anschläge verurteilt und wollen die Attentäter zur Rechenschaft ziehen. Wie werden sie das machen? Kennen die Taliban die Attentäter, von denen es heißt, sie seien eine Untergruppe des IS?

Stefan Weidner: Ich glaube, die Taliban kennen die Attentäter - vielleicht nicht persönlich, aber sie kennen auf jeden Fall den IS, also den Islamischen Staat im Khorasan - das ist der traditionelle Name für die Gegend zwischen Afghanistan, Iran, Pakistan und Usbekistan. Auf diese auf diese Region beruft sich diese Gruppe, bevor die europäischen Kolonialmächte die Grenzen des heutigen Afghanistans gezogen haben. Al Qaida hat Erfahrungen mit dieser Gruppe, denn schon seit etwa fünf bis sechs Jahren ist diese Gruppe in Afghanistan aktiv und versucht, die Taliban an Extremismus und Brutalität noch zu übertreffen. Das ist ihnen oft gelungen. Auch in den letzten Jahren gab es sehr viele Attentate in Kabul, die die Taliban nicht für sich beansprucht haben. Man geht davon aus, dass diese Attentate von dem IS in Khorasan vorgenommen wurden.

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Schwer bewaffnete Taliban-Kämpfer patrouillieren nach ihrer Machtübernahme durch Kabul © picture alliance/dpa/AP Foto: Rahmat Gul

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Beide, Taliban und IS, sind Fundamentalisten. Was genau hat der IS gegen die Taliban?

Weidner: Die Taliban sind eine Gruppe, die sehr stark in Afghanistan selbst verwurzelt ist, in der paschtunischen Bevölkerungsgruppe, und die sich dann auch unter anderen Bevölkerungsgruppen verbreitet hat, wenn auch nicht unter allen. Sie sind afghanisch-nationalistisch stammen letztlich aus der Stammestradition. Der IS ist im Grunde nichts anderes als der irakische Abzweiger von Al Qaida, und er hat sich dann selbstständig gemacht. Dieser IS hat einen universalistischen Anspruch. Er hat eigentlich keine lokale Verwurzelung, sondern er versucht, für den Islam insgesamt zu sprechen. Das äußert sich darin, dass er sich Islamischer Staat nennt und damit nicht mehr in einer bestimmten geografischen Lage verortet ist. Es äußert sich auch darin, dass er das Kalifat ausgerufen hat mit dem Herrn Baghdadi, der 2015/2016 der Kalif war. Und der Kalif hat den Anspruch, für alle Muslime insgesamt zu sprechen, während die Taliban sich nur "Emirat" nennen, was per Definition eine kleinere Verwaltungseinheit ist und nicht diesen umfassenden Anspruch hat, für alle Muslime zu sprechen.

Es ist ja im Grunde in Afghanistan ein Regierungs- ein Machtvakuum entstanden. Nutzt der IS dieses Chaos?

Weidner: Der IS versucht, dieses Chaos zu nutzen und die Taliban zu blamieren, die jetzt Sicherheit versprochen haben. Die Taliban sagen: Wir übernehmen jetzt das Land und damit ist der Bürgerkrieg zu Ende. Und was immer wir auch an harten Gesetzen bringen - wir bringen zumindest Frieden, Stabilität und Ordnung. Das ist das große Versprechen der Taliban, und dagegen kämpft der IS als eine Konkurrenzorganisation. Das ist insofern fast schon eine Ironie der Geschichte, weil dieser IS im Grunde ein Abzweiger von Al Qaida ist, und Al Qaida vor 20 Jahren, als die Anschläge vom 11. September geschahen, im Schutz der Taliban war. Die Taliban haben Al Qaida das Gastrecht gewehrt, und Osama Bin Laden war mit den Taliban befreundet. Und jetzt werden sie von denen, denen sie früher einmal Schutz gegeben haben, angegriffen. Das ist eine sehr gefährliche Situation, wobei ich glaube, dass es den Taliban gelingen wird, den IS aus Afghanistan zu vertreiben beziehungsweise in Schach zu halten. Natürlich kann es immer zu Bombenangriffen kommen, aber der IS ist nicht sehr verwurzelt in Afghanistan, ganz im Unterschied zu den Taliban. Der IS wird außerdem noch von den Amerikanern bekämpft werden, und wir sehen eigentlich schon erste Anzeichen von einer Koalition zwischen Amerikanern und den Taliban gegen diesen IS, der für die Amerikaner viel gefährlicher ist. Diese ganze weltpolitische Situation kehrt sich also auf einmal radikal um, und die Taliban werden womöglich demnächst mit den Amerikanern in einem Bündnis sein gegen einen gemeinsamen Feind.

Wie wird sich diese Entwicklung, die sich in Afghanistan immer stärker abzeichnet, auf die Bevölkerung in Afghanistan auswirken?

Weidner: Das hängt sehr davon ab, ob es den Taliban gelingt, die Kontrolle zu behalten. Wenn das gelingt, dann werden die Auswirkungen - so unangenehm die Taliban als solche sind - im Vergleich zu der Zeit davor positiv sein. Es wird Stabilität und ein Mindestmaß an Rechtssicherheit geben. Ich könnte mir vorstellen, dass es für die Taliban schwierig sein wird, auch angesichts der Existenz der neuen Medien, die Kontrolle über die Herzen und über die Hirne der Menschen zu gewinnen. Aber das ist auch gut so. Wenn es ihnen gelingt, eine äußere Stabilität herzustellen und gleichzeitig den Afghanen einen gewissen Freiraum zu bewahren, zumindest im Privaten oder mit ihren Freunden im Internet, dann ist die Entwicklung vielleicht gar nicht so schlecht, wie wir das zurzeit alle befürchten.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen.

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