Stand: 22.04.2019 10:00 Uhr

Lesen lernen: Was machen die Iren besser?

von Katharina Mahrenholtz

"Müssen wir unsere Kinder mehr zum Lesen zwingen?" - das ist das Thema der NDR Kulturredaktionen in dieser Woche. Fast 20 Prozent der Kinder in Deutschland können laut der jüngsten Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) nach der Grundschule nicht richtig lesen. Was kann man tun, um das zu ändern? Dabei könnte ein Blick auf die Länder helfen, die sich in den IGLU-Studien verbessern könnten - wie etwa Irland, der europäische Shooting Star im Bereich Lesekompetenz. Was genau haben die Iren gemacht?

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In irischen Schulen steht Lesen im Fokus - in allen Fächern.

Das wollten die Iren nicht auf sich sitzen lassen: 2009 landeten sie auf Platz 19 der PISA Studie, noch hinter Deutschland. Statt in Schockstarre zu verfallen, handelten die Bildungspolitiker. 2011 starteten sie eine auf zehn Jahre angelegte nationale Strategie zur Förderung der Lese-, Schreib- und Rechenkompetenz - mit einem Etat von 17 Millionen Euro pro Jahr. Dieses Engagement wurde belohnt: In der letzten IGLU-Studie landete Irland auf Platz 4 - hinter Russland, Singapur, Hongkong - und ist damit Spitzenreiter innerhalb der EU.

Leseförderung in allen Fächern

Renate Valtin ist Professorin für Grundschulpädagogik und Vizevorsitzende der FELA, der Federation of European Literacy Associations, eine gemeinnützige Vereinigung, die sich stark für Leseförderung einsetzt. Bei der FELA-Tagung Anfang des Jahres in Hamburg stellte Máirín Wilson, Professorin am Institut für Bildung der Universität in Dublin, die irische Strategie vor - ein nationaler Plan, der alle Bereiche abdeckt. Viel Geld werde in die Aus- und Fortbildung der Lehrer investiert, erzählt Wilson, die Schulen können individuelle Hilfe beantragen und alle Ziele werden regelmäßig mit Tests überprüft. Eine wesentliche Neuerung war aber die Implementierung von Leseförderung in allen Fächern.

Lesen steht im Fokus

"Die Lehrer sollen jede Woche eine halbe Stunde extra 'Lesen' in ihrem Unterricht einbinden, und zwar in allen Fächern", erzählt Wilson. "Jeder Lehrer sollte die Begriffe und die Sprache seines Fachs mit einbeziehen. Und sie müssen dafür konkrete Pläne beim Direktor vorlegen." Wenn es beispielsweise in Physik um Fotografie geht, dann wird geklärt, was heißt "Foto", was heißt "grafie", wie wird das Wort geschrieben, aus welcher Sprache stammt es? Welche Wörter gibt es noch, in denen "Foto" oder "grafie" enthalten ist? Ganz entscheidend zum Erfolg beigetragen hat sicher auch, dass Irland es geschafft hat, ein landesweites Bewusstsein für den Wert der Lesekultur zu schaffen, was sich vor allem in den Schulen zeigt, sagt Máirín Wilson: "In den Schulen passiert viel mehr zum Thema Lesen. Das können Poster oder Zeichnungen sein, Diskussionen, Theater - es kann alles sein. Es gibt einfach diesen Fokus."

Ist das auch in Deutschland möglich?

Die Zuhörerinnen der FELA-Tagung sind sich einig. Genau so etwas brauchen wir in Deutschland auch. Allerdings sieht die deutsche Professorin und Vizevorsitzende der FELA, Renate Valtin, da wenig Chancen: "Wir können ja gar keinen nationalen Plan zustande bringen, weil alle Länder in Deutschland Bildungsautonomie haben - der Bund darf sich nicht einmischen in die Bildungspolitik."

Schwerpunkt

Müssen wir Kinder zum Lesen zwingen?

Fast 20 Prozent der Kinder in Deutschland können nicht richtig lesen. Woran liegt das? Was kann man dagegen tun? Mit diesen Fragen beschäftigen sich die NDR Kulturredaktionen in dieser Woche. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Kultur | 25.04.2019 | 06:55 Uhr

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