Claudia Kemfert im Portrait. © picture alliance Foto: Kay Nietfeld

"Klimaschutz wird zu einem neuen Wirtschaftswunder führen"

Stand: 28.10.2021 17:31 Uhr

Am Sonntag beginnt in Glasgow die 26. UN-Klimakonferenz. Rund 200 Staaten werden zwei Wochen lang darüber verhandeln, wie die Klimakrise eingedämmt werden kann. Ein Gespräch mit der Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Kemfert.

Claudia Kemfert im Portrait. © picture alliance Foto: Kay Nietfeld
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Frau Kemfert, Sie sagen, der Klimaschutz werde zu einem neuen Wirtschaftswunder führen. Wie meinen Sie das?

Claudia Kemfert: Klug gemachter Klimaschutz wird zu einem neuen Wirtschaftswunder führen, weil wir in wichtige Zukunftsmärkte investieren. Das sind beispielsweise die erneuerbaren Energien, die Investitionen in Energieeffizienz, auch die energetische Gebäudesanierung. Dafür sind neue Technologien notwendig. Die Industrie muss umstellen, mehr in "grünen" Wasserstoff investieren, aber auch völlig neue Produkte entwickeln als Ersatzstoffe zum Öl und so weiter. Da gibt es gigantische Möglichkeiten. Auch die Automobilindustrie ist noch zu nennen: Die nachhaltige Mobilität gehört ganz sicher dazu. Hier geht es um einen Umbau der Volkswirtschaften hin zu mehr Nachhaltigkeit, zu mehr Klimaschutz und zu weniger Emissionen, die durch die Verbrennung fossiler Energien entstehen. Deswegen gibt es dort riesige volkswirtschaftliche Chancen, wenn wir in diese Bereiche hineininvestieren. Wir entwickeln neue Technologien, Wertschöpfung und damit auch neue Arbeitsplätze und machen die Wirtschaft insgesamt zukunftsfähig.

Neue Modelle für Mobilität und Energieversorgung - das könnte ein wichtiger Baustein in der Klimakrise sein. Wie wird das in Glasgow konkret verhandelt werden können?

Kemfert: Da wird man wieder mal viele dicke Bretter bohren müssen. Sie sehen ja im Vorfeld der Konferenz, dass die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichend sind, um die Ziele der Pariser Klimabeschlüsse zu erreichen, was auch daran erkennbar ist, dass die Emissionen deutlich ansteigen, sie aber eigentlich schon auf einem Pfad der Senkung sein müssten. Man erkennt auch, dass zwar viele Staaten das Paris-Abkommen unterzeichnet haben, aber im eigenen Land keine ausreichenden Maßnahmenpakete verabschiedet haben. Wir müssen auf Länderebene herunterbrechen: Wie viel Emissionen dürfen überhaupt noch ausgestoßen werden und welche Maßnahmen sind dann notwendig? Es gibt einige wichtige Schritte in die richtige Richtung, aber wieder einmal auch sehr unterschiedliche Interessen. Da muss man nachsteuern, was Ambitionen und Umsetzung angeht, und sich auf einige wichtige Punkte einigen, nämlich dass wir schneller werden müssen.

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Deutschland ist gerade in der Regierungsfindung. Aller Voraussicht nach wird es auf eine Ampel-Koalition hinauslaufen, die Grünen wären also mit im Boot. Was kann Deutschland zum jetzigen Zeitpunkt ausrichten? Kommt, da die Regierung noch nicht gebildet ist, die Konferenz in gewisser Weise zum falschen Zeitpunkt?

Kemfert: Ja, etwas falscher Zeitpunkt. Aber dennoch wird Deutschland eine Position vertreten, dass wir ernst machen wollen mit ambitionierterem Klimaschutz. Deutschland wird jetzt entscheiden, ob wir auch den Kohleausstiegsfahrplan vielleicht sogar noch schneller gestalten. Das kann für viele Länder ein wichtiges Beispiel sein. Aber Deutschland muss auch darauf drängen, dass wir mehr erneuerbare Energien ausbauen und einen Klima-Club gründen mit denjenigen, die mitgehen wollen, um gemeinsam Technologien zu entwickeln und Investitionshilfen für alle Staaten in der Welt bereitzustellen, insbesondere für Entwicklungsländer. Es gibt also viele konkrete Punkte, wo Deutschland auch im Rahmen Europas eine wichtige Stimme hat, auch wenn jetzt eine neue Regierung kommt. Von den grundsätzlichen Fahrplänen weicht man ja nicht ab.

Sie haben sich in Ihren Büchern mit der Nutzung von Energie auseinandergesetzt und auch ein Klimabuch für junge Leute geschrieben: "Mondays for Future". Was treibt junge Menschen so vehement an, sich für das Klima einzusetzen?

Kemfert: Das Buch ist nicht nur für junge Leute, sondern für alle Menschen, weil es leicht verständlich aufgeschrieben ist. Was bedeutet es, Klimaschutz zu machen? Was sind die Zusammenhänge? Es werden sehr viele Fragen beantwortet, die ich immer bekomme. Aber insgesamt ist es richtig, dass die Jugend der Treiber ist, weil es um ihre Zukunft geht. Der Klimawandel schreitet unaufhörlich voran, wir sehen, dass das Klima kippt, es gibt extreme Wetterereignisse auf der Welt mit Überflutungen, Dürren, Waldbränden und extremer Hitze. Diese Effekte werden ja maximal zunehmen, wir werden eine komplette Veränderung erleben, die die Jugend brutal trifft. Deswegen ist es wichtig, dass das verstanden wird. Das Gute bei der Jugend ist, dass sie im Unterricht sehr gut aufgepasst haben und zurecht einen Wandel einfordern. Denn seit 40 Jahren ist das wissenschaftlich belegt und die Jugend verweist auf diese wissenschaftlichen Erkenntnisse. Der Nobelpreis für Physik wurde einem der anerkanntesten Klimaforscher, Klaus Hasselmann, verliehen. Und der sagt auch schon seit über 40 Jahren, dass wir mehr tun müssen. Insofern hat die Jugend da vollständig Recht. Und sie hat da auch Bewegung reingebracht. Die Zivilgesellschaft insgesamt hat hier eine Aufgabe.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen

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NDR Kultur | Journal | 28.10.2021 | 18:00 Uhr