Eine Hand hält eine Violine in Spielhaltung. © picture alliance/VisualEyze Foto: Felbert+Eickenberg

Corona: Kleine Konzertveranstalter kämpfen ums Überleben

Stand: 27.10.2020 11:48 Uhr

Einige klassische Konzerte finden wieder statt, mit Hygienekonzepten und stark verringerter Besucherzahl. Sollte es jedoch zu weiteren Corona-Auflagen kommen, wird es für viele Betreiber eng.

von Marcus Stäbler

Unter Pandemie-Umständen vernünftig zu wirtschaften, ist extrem schwer. Erst recht, wenn die Besucherzahlen womöglich noch weiter gedeckelt werden. Das könnte bald in Schleswig-Holstein passieren. Vor einer Woche hat die Landesregierung eine neue Corona-Regel eingeführt: Bei mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche werden Veranstaltungen in geschlossenen Räumen auf höchstens hundert Personen begrenzt. Wie gehen große und kleine Klassik-Veranstalter mit der aktuellen Situation um?

Existenznot bei weiterer Publikums-Verkleinerung

Das Kieler Schloss hinter herbstlichen Bäumen. © NDR Foto: Lisa Pandelaki
Der gemeinnützige Verein der Musikfreunde Kiel veranstaltet auch Konzerte im Kieler Schloss.

"Die Nachricht, dass nur noch hundert Leute zugelassen werden, bricht uns das Genick", sagt Selke Harten-Strehk, seit 2006 Vorsitzende beim Verein der Musikfreunde Kiel, einem der ältesten und größten ehrenamtlich geführten Kulturvereine in ganz Norddeutschland. "Es ist vollkommen egal, ob im Kieler Schloss 100 oder 250 Leute sitzen. Für uns ist das aber alles andere als egal. 250 ist unsere absolute Schmerzgrenze, wenn man den Künstlerinnen und Künstlern noch verantwortungsbewusste Honorare zahlen möchte.

Mit der drohenden weiteren Verkleinerung des Publikums käme der Verein in Existenznot. Dabei gehe von kulturellen Veranstaltungen überhaupt keine Gefahr aus, betont Harten-Strehk. Es gebe keinen einzigen Ansteckungsfall in Oper und Konzert. Das Publikum sei extrem diszipliniert. Der Verein sorge für adäquate hygienische Bedingungen.

Elbphilharmonie-Intendant beklagt Willkür

Auch Elbpilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter ist nach zwei Monaten Spielbetrieb mit Dutzenden Konzerten unter Corona-Schutzmaßnahmen überzeugt: Nebeneinander zu sitzen, nicht viel zu reden, sich nicht zu bewegen und in Ruhe etwas anzuhören, bei guter Klimaanlage und Abstand zu den nächsten, das sei safe. Bei bisher null bekannten Infektionen in klassischen Konzerten in Deutschland wirkten viele Beschränkungen derzeit ziemlich willkürlich. Wie leichtfertig manche Politiker in anderen Bundesländern pauschale Obergrenzen verkünden, ärgert auch Lieben-Seutter. "Das Ganze läuft unter dem Motto: Ach, ist ja nur Freizeit, ist nicht so wichtig." Dass dahinter aber eine ganze Industrie stehe, nicht nur Künstler und Veranstalter, sondern die ganzen Dienstleister und Techniker und Caterer und wer weiß was alles, das werde "weggewischt".

Konzerterlebnis in der Elbphilharmonie trotz schwieriger Umstände

Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter im Porträt. © Michael Zapf Foto: Michael Zapf
Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter blickt vorsichtig optimistisch in die Zukunft.

In Hamburg ist die Situation anders. Dort dürfen in Elbphilharmonie und Laeiszhalle - Stand 27. Oktober - weiter Konzerte mit etwa einem Drittel der vollen Besucherzahl stattfinden. Im Vergleich zu einem privaten Kulturverein haben öffentlich geförderte Veranstalter natürlich ein viel größeres finanzielles Polster. Aber das nutzen sie auch, um trotz der schwierigen Umstände vielen Menschen ein Konzerterlebnis zu ermöglichen. Und Christoph Lieben-Seutter hat den Eindruck, dass so ein Besuch derzeit noch mehr zähle oder noch wertvoller geworden sei, gerade weil es so rar ist. Natürlich würde sich der Intendant eine andere Auslastung und mehr Planungssicherheit wünschen. Die regional und international unterschiedlichen Reisebestimmungen machen etwa den Tourneebetrieb extrem schwer zu organisieren, weil sich nahezu täglich etwas ändert.

Lieben-Seutter ist zuversichtlich

Anders als Selke Harten-Strehk vom Verein der Musikfreunde Kiel blickt der Elbphilharmonie-Intendant vorsichtig optimistisch in die Zukunft: "Niemand kann ausschließen, dass es phasenweise zu einem kompletten Lockdown kommt, natürlich. Aber momentan sind wir zuversichtlich, dass es so, wie es jetzt läuft, auch weiterlaufen kann."

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Eine Frau mit rotem Kleid hält die Hände ans Gesicht und schreit in ein Mikrofon. © picture alliance/xim.gs/Philipp Szyza Foto: Philipp Szyza

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 27.10.2020 | 06:30 Uhr