Stand: 04.06.2018 17:38 Uhr

Karin Steinberger über den Fall Jens Söring

1985 soll Jens Söring die Eltern seiner ehemaligen Freundin Elizabeth Haysom ermordet haben. Als die Eltern tot gefunden werden, verlassen die jungen Leute das Land, werden in Europa gefasst, in den USA verurteilt. Sie, wegen Anstiftung zum Mord, zu 90 Jahren Haft; er zu zweimal lebenslänglich. Er sagt, er habe ein falsches Geständnis abgegeben, um sie zu retten. Bis heute beteuert Söring seine Unschuld.

Die SZ-Reporterin Karin Steinberger verfolgt diesen Fall seit vielen Jahren. 2016 hat sie zusammen mit dem Filmautor Marcus Vetter einen Film gedreht: "Das Versprechen - Erste Liebe lebenslänglich". Nun ist ein großes NDR Kultur Radio- und Podcast-Projekt gestartet.

Frau Steinberger, über 30 Jahre liegt der Fall zurück. Was interessiert Sie heute noch an der Geschichte?

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Karin Steinberger steht im regelmäßigen Kontakt mit Jens Söring.

Karin Steinberger: Was mich von Anfang an an dieser Geschichte so unglaublich fasziniert hat, ist die Frage, wie man das aushält. Über 32 Jahre sitzt Jens Söring im Gefängnis, ich schreibe über den Fall seit zwölf Jahren. Wenn es so ist, wie Söring sagt, dass er es nicht getan hat, sondern nur gestanden hat, um sie vor dem elektrischen Stuhl zu retten, hat mich die Frage immer fasziniert: Wie überlebt man das?

Sie haben Jens Söring im Gefängnis in Virginia besucht und haben Interviews mit ihm gemacht. Was ist er für ein Mensch? Welchen Eindruck hatten Sie von ihm?

Steinberger: Was auffallend ist, dass er nicht altert, dass er auf eine seltsame Art und Weise nicht älter wird. Vielleicht ist es so, dass wenn man kein Leben hat in dem Sinne, dass es an einem vorbeigeht. Was mich immer fasziniert hat, ist, dass er nicht aufhört zu kämpfen. Es ist eigentlich klar: Er hat zweimal lebenslänglich in Amerika - übrigens zweimal lebenslänglich nur deswegen, weil er in Europa gefasst wurde und die Engländer ihn nur nach Amerika ausgeliefert haben, nachdem klar war, dass keine Todesstrafe droht. Zweimal lebenslänglich sei aber eine langsame Art der Todesstrafe, sagt Söring, weil er im Gefängnis sterben wird, wenn nicht die neuen Erkenntnisse zu etwas führen und das System stur an dem festhält, was es einmal geurteilt hat.

Seit 32 Jahren sitzt Söring im Gefängnis. Inzwischen hat er 13 Anträge auf Bewährung gestellt. Alle wurden abgelehnt. Woran liegt das?

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Steinberger: Im Gefängnis nehmen sie diese Anträge ohnehin nicht mehr ernst, es ist nicht wirklich ein Interesse da, neue Dinge zu hören. Fast bei jedem Bewährungsausschuss, vor dem "parole board", sprachen unglaubliche Leute für ihn und haben jedes Mal sehr interessante, wichtige neue Fakten vorgetragen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Steinberger: Zum Beispiel kam diese neue DNA-Geschichte dazu, die in den letzten zwei "parole boards" eine Rolle gespielt hat: Es ist jetzt von Wissenschaftlern belegt, dass zwei der Blutspuren am Tatort von zwei anderen Männern stammen. Es waren also zwei andere Männer am Tatort, Söring wurde aber als Einzeltäter verurteilt. Natürlich weiß ich nicht, was in dieser Nacht passiert ist, aber eines ist ganz sicher: Es kann nicht so gewesen sein, wie er verurteilt wurde.

Haben Sie versucht, auch an Elizabeth Haysom heranzukommen? Wissen Sie, wie Söring heute zu ihr steht?

Steinberger: Ich habe sehr oft versucht, an Haysom heranzukommen, ich hatte mit ihr auch Briefkontakt. Während unserer Dreharbeiten hat sie über eine Kontaktperson zugesagt, sie wolle ein Interview mit mir, sagte dann das Gespräch aber wieder ab. Sie hat sehr selten Interviews gegeben und immer nur Amerikanern. Jedes Mal, wenn bei Söring wieder etwas anstand - es sollte zum Beispiel 2010 eine Haftüberstellung geben und es sah so aus, dass er nach Deutschland kommt - hat sie sich so geäußert, dass sie ihn wieder weiter hineingeritten hat.

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Jens Söring ist deutscher Staatsbürger und hat hier prominente Unterstützer. Warum schafft man es nicht, Söring nach Deutschland zurückzuholen?

Steinberger: Deutsche Unterstützer bringen einem in Amerika nicht unbedingt etwas. Beim letzten "parole board" hat zum Beispiel Christian Wulff vorgesprochen, der Jens schon seit langer Zeit unterstützt. Aber - und das ist das Erstaunliche - er hat unglaublich viele amerikanische Unterstützer, und zwar viele, die aus dem Apparat selber kommen. Einer der ehemaligen Ermittler, der damals bei dem Mordfall recherchiert hat, ist mittlerweile der festen Überzeugung, dass hier der falsche Mann im Gefängnis sitzt. Das sind alles sehr mutige Menschen, die nichts davon haben, dass sie ihn unterstützen. Außer Schwierigkeiten.

2016 wurde Ihr Dokumentarfilm, den Sie zusammen mit Marcus Vetter gemacht haben, auf dem Münchner Filmfest gezeigt. Jetzt haben Sie wieder eine Produktion gemacht, fürs Radio. Der Fall lässt Sie nicht los.

Steinberger: Das ist schwierig, natürlich lässt er einen nicht los. Ich stehe ja in Kontakt mit Jens und habe hier bergeweise Briefe von ihm, manchmal haben wir uns täglich Briefe geschrieben. Man kriegt mit, wie ein Mensch in große Löcher fällt, dann wieder wie er euphorisch ist. Als ich ihn vor einem Jahr das letzte Mal besuchte, war er ganz sicher, dass er freikommt, und zwar durch das "parole board". Er hatte das erste Mal in all den Jahren eine Tasche für draußen gepackt und plante, ein neues Leben anzufangen. Und dann wurde wieder nichts draus.

Das Interview führte Claudia Christophersen

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 04.06.2018 | 19:00 Uhr

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