Stand: 31.01.2019 16:11 Uhr

Erinnerungskultur in Gefahr?

Zum 74. Jahrestag der Befreiung des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz gedachte der Bundestag in einer Sonderveranstaltung der Opfer des Nationalsozialismus. Die Gedenkrede hielt der Historiker und Holocaust-Überlebende Saul Friedländer. Ein Gespräch mit der Historikerin Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin.

Frau Wetzel, Saul Friedländer lobte in seiner Rede das deutsche Engagement gegen Antisemitismus und Rassismus. Kurz zuvor hatte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble aber darauf hingewiesen, wie beschämend es sei, dass deutsche Juden heutzutage wieder darüber nachdenken müssten, das Land zu verlassen. Wie kann das sein?

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"Es fehlt an der Vermittlung von Grundlagenwissen", sagt Juliane Wetzel.

Juliane Wetzel: Er hat angesprochen, dass die jüdische Bevölkerung hier in den letzten Jahren mehr Ängste entwickelt hat ob der Problematik des Antisemitismus, der scheinbar gestiegen ist. So denken viele. Tatsächlich sprechen die Zahlen eine andere Sprache. Aber die Betroffenen selber haben ein anderes Gefühl, insbesondere deshalb, weil heutzutage über das Internet Hassmails, Hasspostings ohne Ende verbreitet werden. Diese Ängste sind ernst zu nehmen, und dagegen muss man etwas tun und auch aktiv in der Bildung auf diese Thematik mehr eingehen.

Eine CNN-Studie hat offenbart, dass ungefähr 40 Prozent der Kinder und Jugendlichen ein sehr rudimentäres Wissen über den Holocaust haben. Müssen wir uns da etwas selbstkritisch an die eigene Nase fassen und sagen: Da funktioniert Erinnerungskultur nicht?

Kommentar
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Wetzel: Ich bin etwas skeptisch bei dieser Studie, weil ich die Fragen nicht genau kenne. Tatsächlich gibt es aber schon das Problem, dass wir für jede Generation neu überlegen müssen, wie wir den nationalsozialistischen Völkermord an den Juden, aber auch an den Sinti und Roma, den Behinderten, den Homosexuellen, thematisieren müssen. Wir absolvieren einmal im Jahr eine Gedenkstunde im Deutschen Bundestag, zeigen um diesen Gedenktag herum diverse Filme und glauben, damit sei das Wissen vermittelt. Es fehlt an der Vermittlung von Grundlagenwissen, und das müssen wir neu überdenken, wenn wir an die nächsten Generationen denken. Im Ausland wird Deutschland als der "Weltmeister der Vergangenheitspolitik" gesehen. Wir haben sicherlich viel erreicht, aber wir ruhen uns auf diesen Dingen aus, ohne neu zu denken. Wobei es etliche Organisationen gibt, die sich gerade in der außerschulischen Bildung um dieses Thema bemühen. Aber in den Universitäten wird zu wenig angeboten, was Nationalsozialismus und Holocaust für die Lehrerausbildung betrifft.

Sie haben eine interessante Unterscheidung zwischen Erinnerungskultur und Erinnerungspolitik gemacht. Letzteres war wohl das, was wir im Bundestag erlebt haben. Was bringt denn dann so etwas?

Wetzel: Ich glaube, durch die Redner bringt es sehr viel. Diesmal war es Saul Friedländer, vor zwei Jahren war es ein junger Mann mit Down-Syndrom, der deutlich gemacht hat, dass Behinderte auch Opfer der Nationalsozialisten waren, sogar noch vor der Verfolgung und dem Massenmord an den Juden. An den Behinderten wurde nämlich getestet, wie man das am besten durchführen kann. Es ist wichtig, dass der Bundestag so etwas macht, um deutlich zu machen: Das ist im deutschen Namen passiert, und das wollen wir nicht wieder. Aber das alleine reicht nicht, und ich glaube, dass man sich häufig darauf beschränkt, anstatt viel stärker zu überlegen, wie man dieses Wissen vermittelt.

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Wird das Erinnern immer schwieriger? Einerseits sterben die Holocaust-Überlebenden, andererseits ist mehr Widerstand zu verspüren. Als Charlotte Knobloch kürzlich bei der Gedenkstunde im Bayerischen Landtag den Rechtsradikalismus beim Namen genannt hat, hat die AfD-Fraktion geschlossen den Saal verlassen.

Wetzel: Ich glaube nicht, dass es immer schwieriger wird, sondern es ist die Herausforderung, gerade an diejenigen, die Bildung machen, die Pädagogen, neu zu überdenken, wie man das macht. Aber wir erleben auf der anderen Seite auch viele junge Leute, die sich in Projekten um Überlebende kümmern, aber auch um die Erinnerung an die Überlebenden, wenn sie nicht mehr da sein werden. Sie geben Interviews, verlegen Stolpersteine usw. Man kann nicht sagen, dass es weniger geworden ist - es ist anders geworden, und es wird sicherlich noch anders werden. Dass wir eine Partei im Bundestag und in allen Landtagen haben, die hochproblematisch rechtspopulistisch ist, die vom "Vogelschiss" der Geschichte spricht wie Herr Gauland - das ist eine Herausforderung an alle anderen demokratischen Parteien im Bundestag, sich dem viel stärker entgegenzustellen und viel deutlicher zu machen, wes Geistes Kind diese Partei ist.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 31.01.2019 | 19:00 Uhr

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