Stand: 23.10.2019 16:25 Uhr  - NDR Kultur

Provenienzforschung: "Brauchen radikale Umkehr"

Im kommenden Jahr wird das Humboldt Forum in Berlin eröffnet, das viele Hervorbringungen aus der Historie der Menschen auf diesem Globus präsentieren soll. Vieles von dem, was dort zu sehen sein wird, wurde in Kolonialzeiten hergebracht und gehört eigentlich an den Ursprungsort - wobei das richtige Vorgehen dabei umstritten ist. Einer, der am vehementesten für die Aufklärung der Provenienz kämpft, ist Jürgen Zimmerer, Professor im Arbeitsbereich Globalgeschichte der Uni Hamburg. Er hat dort eine prominent besetzte Vorlesungsreihe initiiert.

Herr Zimmerer, Sie machen den Anfang mit dem Vortrag "Humboldt, und was nun? Humboldt Forum, koloniale Amnesie und aktuelle Identitätsdebatten". Was meinen Sie mit "koloniale Amnesie"?

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"Die Politik hat es in den letzten Jahren versäumt, klare Regeln aufzustellen", kritisiert Jürgen Zimmerer.

Jürgen Zimmerer: Ich meine damit, dass der Umstand, dass Deutschland zwischen 1884 und 1919 eine Kolonialmacht war, vorher und nachher von Kolonialismus profitierte und Deutsche auch daran mitwirkten, in der deutschen Öffentlichkeit weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Diese "koloniale Amnesie" ist meines Erachtens für eine Reihe von Fehlentscheidungen und Fehlern verantwortlich, die das Humboldt Forum begleiten.

Macht man es sich da zu leicht, wenn man sagt, dass die Kolonialgeschichte fast aller anderen europäischen Länder viel gravierender war als das bisschen Kolonialgeschichte, das Deutschland zu verzeichnen hat?

Zimmerer: Ja, das ist im Grunde sogar eine "koloniale Apologie" zu sagen, dass die anderen viel schlimmer waren. Im Grunde gibt es keine großen Unterschiede. Das deutsche Kolonialherrschen war in keinster Weise menschenfreundlicher als das anderer Nationen. Im Gegenteil: Durch die Kürze und durch die Wucht, in der zum Beispiel in Namibia geherrscht wurde, bis zum ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts, sind die Folgen besonders gravierend, weil es kaum Adaptionsmöglichkeiten gab und Deutschland sehr systematisch ausbeutete.

In Ihrer Vortragsreihe ist Hartmut Dorgerloh, der Generalintendant des Humboldt Forums, der einzige, der für das steht, was Sie kritisieren. Ist er von vornherein in so einer Art Verteidigungsposition?

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Zimmerer: Ich weiß nicht, ob er der einzige ist. Eigentlich wollten wir die Eröffnung des Humboldt Forums begleiten. Als wir die Vorlesung konzipierten, wussten wir noch nicht, dass die Eröffnung verschoben wird. Wir wollen die Intellektuellen, die Figuren, die diese Debatte geprägt haben, zu Wort kommen lassen: Das sind Felwine Sarr und Bénédicte Savoy, die diesen Bericht für Macron geschrieben haben. Wir wollen nicht nur über andere richten, sondern Herrn Dorgerloh zu Wort kommen lassen. Ob er das verteidigt oder ob er einsieht, dass er Fehler gemacht hat, das weiß ich jetzt noch nicht.

Was werfen Sie denn den Machern des Humboldt Forums vor?

Zimmerer: Ich würde nicht nur den Machern des Humboldt Forums etwas vorwerfen, sondern eigentlich der Politik. Die Politik hat es in den letzten Jahren versäumt, klare Regeln aufzustellen, um das koloniale Erbe kritisch aufzuarbeiten. Da ist an erster Stelle der Genozid an den Herero und Nama zu nennen und an zweiter Stelle die Frage kolonialer Provenienz und Restitution. Es fehlen ganz klare Signale. Und das Humboldt Forum ist in gewisser Weise Opfer dieses Versäumnises der Politik geworden, weil sich diese ganzen unerfüllten Diskussionen auf das Humboldt Forum konzentrierten.

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Zimmerer: Wir müssen diese "koloniale Amnesie" überschreiben durch einen großen symbolischen Akt des Bundespräsidenten oder der Bundeskanzlerin. Wir müssten das Humboldt Forum umbenennen in "Benin Forum". Wir müssten die Benin-Bronzen, die wohl berühmtesten Raubobjekte der Kolonialgeschichte, restituieren. Wir müssten die Eigentümerschaft zurückgeben, einige Leihgaben aus Nigeria ausstellen und symbolisieren: Ja, wir erkennen diese Raubgeschichte an. Wir nennen das jetzt "Benin Forum", oder einen Teil davon, um zu sagen, dass wir eine neue Weltsicht wollen. Im Moment steht das Humboldt Forum nach wie vor in der Tradition der Völkerkundemuseen und dieses eurozentrischen Blicks, und wir brauchen eine radikale Umkehr.

In Frankreich wird ein etwas anderer Weg eingeschlagen. Der Bericht von Sarr und Savoy verpflichtet alle Museen in Frankreich dazu, zu schauen, was man an kolonialem Erbe in der Sammlung hat und wie damit umzugehen ist. Was schlagen Savoy und Sarr vor? Rückgabe ist ja nicht immer das Ideale, oder?

Zimmerer: Die Rückgabe muss möglich sein. Man muss sich dazu bekennen, dass das möglich ist und dann einfach mit den Herkunftsgesellschaften offen diskutieren. Wir fordern einen offenen Umgang, eine breite Diskussion. Wir haben letzte Woche gemeinsam in der "Zeit" einen Appell an die Museen veröffentlicht, in dem wir sagen: Öffnet die Inventare; lasst uns endlich sehen, was ihr habt, auch an Dokumenten, damit die ganze Welt die Geschichte dieser Objekte erforschen kann. Wir brauchen diese Öffnung, und wir brauchen eine breite Diskussion über den Kolonialismus als Phänomen und auch über das Verhältnis von Afrika und Europa. Stattdessen haben wir in Deutschland eine Politik, die Provenienzforschung auf reine innereuropäische Händlernetzwerke reduzieren will. Wir mussten gerade einen Antrag an das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg zurücknehmen, weil es nicht förderwürdig sei, zu forschen, was mit "Human remains", mit menschlichen Überresten in der Uniklinik Hamburg geschehen ist. Wir dürfen nur die Händler untersuchen - das wird gefördert: Wer hat es gekauft, wer hat es verkauft? Aber nicht in welcher Rolle. Und diese enge Provenienzforschung ist nur eine Pflichtübung, um sich der Diskussion zu verweigern. Man simuliert Aufklärung, man simuliert Aufarbeitung - und das muss ein Ende haben. Wir brauchen eine breite, offene Diskussion.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 23.10.2019 | 19:00 Uhr

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