Stand: 14.05.2020 16:23 Uhr  - NDR Kultur

Jürgen Kaube über Mbembe: "Einfach lächerlich"

von Jürgen Kaube

Der Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" Jürgen Kaube kritisiert die Aussagen des kamerunischen Philosophen und Historikers Achille Mbembe.

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"Wer Israels Regierung zum Inbegriff des Verwerflichen unserer Zeit erklärt, muss mit Rückfragen rechnen", findet Jürgen Kaube.

Worum ging es in dieser Debatte? Achille Mbembes Behauptung, er habe nichts mit BDS zu schaffen, ist unwahr. Er hat an einem Buch mitgewirkt, dessen Einnahmen einer Gründungsorganisation von BDS zuflossen. Ende 2018 drohte er dem Organisationskomitee einer wissenschaftlichen Konferenz, an ihr nicht teilzunehmen, wenn es nicht zu einer Einigung mit BDS komme. Einigung worüber? Dass israelische Forscher nicht teilnehmen sollten. Erst als es so kam, sah sich Mbembe frei, seinerseits dort aufzutreten. Es ging um Forscher, denen nichts vorzuwerfen war außer - durch Mbembe - ihre israelische Staatsbürgerschaft. Umgekehrt sind in Mbembes Buch "Politik der Feindschaft" immer dann, wenn es um den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern geht, BDS-Unterstützer seine Gewährsleute. Es ist, Entschuldigung, einfach lächerlich, wenn er so tut, als sei es üble Nachrede, ihn mit BDS in Verbindung zu bringen.

Was den Vergleich zwischen Israel und dem einstigen Apartheid-Regime in Südafrika angeht, so war der Vorwurf unzutreffend. Mbembe hat beide nicht gleichgesetzt. Er schreibt vielmehr, das israelische Besatzungsregime sei schlimmer als das rassistische Südafrika von einst. Ob Mbembe dabei mit "Besatzung" schon die Staatsgründung Israels meint oder die Besetzung der Gebiete im Westjordanland und des Gaza-Streifen von 1967 oder die jüngere Siedlungspolitik, lässt er im Unklaren. Dafür schreibt er dem jüdischen Staat Ausrottungsfantasien und die Absicht zu, das palästinensische Leben "wie Müll" entsorgen zu wollen.

Was will Mbembe mit seinen Vergleichen sagen?

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Zu Mbembes Thesen gehört auch, dass er das Apartheidregime mit der Vernichtung der europäischen Juden verglichen hat. Es sei ebenfalls die Manifestation eines kolonialen "Trennungswahnes", nur in einer ganz anderen Größenordnung und einem anderen Kontext. Insofern hat er nicht gleichgesetzt, sondern nur verglichen. Was aber soll man mit diesen Vergleichen anfangen? Was will Mbembe damit sagen? Dass die Juden von Opfern zu Tätern wurden, die irgendwie doch denen ähnlich sind, die sie einst zu Opfern machten? Zuletzt hat er für zusätzliche Verwirrung gesorgt, indem er mitteilte, er habe Südafrika niemals mit Israel vergleichen wollen. Das ist zwar nachweislich falsch, aber auch nicht falscher als seine Behauptung, er sei das Opfer eines Lynchmobs, man wolle ihn und alle, die so sind wie er, mundtot machen, es finde eine Hexenjagd statt und so weiter.

Nein, es wurde nur nachgefragt, was denn für krude Urteile in seinen Schriften stehen. Achille Mbembe hat die "Besetzung Palästinas" zum "größten moralischen Skandal" unserer Zeit erklärt und zur globalen Isolation Israels aufgerufen. Es herrscht Meinungsfreiheit, er darf so etwas sagen. So wie sich ein Antisemitismusbeauftragter darüber erstaunen darf. Und ein Abgeordneter bitten darf, eine Festival-Einladung an jemanden, der so redet, zu überdenken. Mehr hat der FDP-Mann in Düsseldorf nämlich gar nicht getan. Dafür wirft ihm Mbembe jetzt vor, ein Rassist zu sein.

Der Historiker Thomas Weber entdeckt Widersprüche

Jürgen Kaube © picture alliance / dpa

Jürgen Kaube über Mbembe: "Einfach lächerlich"

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Der Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" Jürgen Kaube kritisiert Achille Mbembes Aussagen: "Mbembes Behauptung, er habe nichts mit BDS zu schaffen, ist unwahr."

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Wer Israels Regierung zum Inbegriff des Verwerflichen unserer Zeit erklärt, muss mit Rückfragen rechnen. Wer insinuiert, im Westjordanland werde den Palästinensern etwas angetan, das Israel auf einer Gewaltskala irgendwo zwischen Südafrika und dem Holocaust eine Stelle sichert, muss sich sogar Fragen nach seinem historischen Verstand gefallen lassen. Zumal, wenn er, wie Mbembe als Muster aller unseligen Gewalt die angebliche Vergeltungslogik der alten jüdischen Rechtsordnung bezeichnet. In einem Text hat Mbembe einst formuliert, ein antikolonialer Intellektueller wie Frantz Fanon litte anders als ein jüdischer wie Walter Benjamin, wenn es um Gewalt gehe, "nicht unter der Bürde der hebräischen Bibel oder dem rabbinischem oder mosaischen Gesetz".

Die Bürde der hebräischen Bibel. Der Historiker Thomas Weber hat auf einen Reisebericht aus Jerusalem aufmerksam gemacht, den Mbembe vor fast 30 Jahren unter dem Titel "Israel, die Juden und wir" publiziert hat. In ihm zeigt sich, wie früh ihm der Holocaust als ein Ereignis in der Geschichte des Kolonialismus erschien. Weswegen für Mbembe die Politik Israels ein einziger Verrat an der Verfolgungserfahrung der Juden ist. Vor dem Hintergrund seiner Aufteilung der Weltgeschichte in Täter und Opfer, so Thomas Weber, ähnele die israelische Besatzungspolitik für Mbembe den Schandtaten afrikanischer Despoten in der nachkolonialen Ära. Über Israel, von dem es bei Mbembe 2015 heißt, es gehe den Weg einer schrittweisen Auslöschung der Palästinenser, heißt es schon 1992, es nehme "den Platz der Mörder ein". Auch hier vergaß Mbembe übrigens nicht zu erwähnen, dass der Gott der Juden ein Rachegott sei.

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NDR Kultur | Journal | 14.05.2020 | 19:05 Uhr