Jelineks Corona-Stück: Ein fordernder Abend am Schauspielhaus

Stand: 06.06.2021 14:24 Uhr

Am Sonnabend wurde am Hamburger Schauspielhaus das neue Stück der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek uraufgeführt: "Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!" handelt von der Corona-Pandemie.

von Katja Weise

Zu sehen ist erst einmal nichts in der Inszenierung von Karin Beier, Intendantin des Hamburger Schauspielhauses. 20 Minuten lang sind nur Stimmen zu hören, aus allen Winkeln des Schauspielhauses scheinen sie zu kommen.

Elfriede Jelineks Stück über die Pandemie: Was ist wahr? Was stimmt?

Es ist ein großartiger Auftakt: Über ein Jahr Corona im Zeitraffer, unzählige Meldungen, Tausende von Bildern und Nachrichten im Netz, keiner kennt sich mehr aus, jeder weiß was. Aber: Was stimmt? Was ist wahr? Wieder ist der Text von Elfriede Jelinek virtuos, assoziativ. Die Haken, die ihre Gedanken schlagen, sind ebenso willkürlich wie logisch und fordern hohe Konzentration. Vor allem dann, als das Schauspiel beginnt. Auf einer Bühne, die an eine Skihütte erinnert, mit Holztresen, Tischen und eingelassenen Balkonen. Das Ensemble trägt passend dazu Skianzüge. Eine Erinnerung an Ischgl.

"Der Job wurde eingespart, nachdem der Hüter der Bar selbst alle angesteckt hat, das hätte er nicht machen sollen, der Mann. Er hätte zugeben sollen, dass er krank ist. Ach, das hat er getan? Und was hat diese kranke Rezeptionistin getan? Nichts?" Szene aus "Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!"

Nichts, es wurde maßlos gefeiert, Corona verbreitete sich rasant. Doch Jelinek bleibt hier nicht stehen, schlägt den Bogen weiter, in die Antike, zu Odysseus und der Zauberin Circe, die Odysseus Männer nach einem opulenten Mahl in Schweine verwandelte. Kommt wieder zurück in die Gegenwart: Zu den Schlachtbetrieben, die während der Pandemie zu Hotspots wurden.

Karin Beier legt Schwerpunkt auf die gespaltene Gesellschaft

Lars Rudolph, Eva Mattes, Jan-Peter Kampwirth und Maximilian Scheidt bei der Aufführung "Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!" am Hamburger Schauspielhaus. © Matthias Horn, 2021
Das Ensemble mit Gast Eva Mattes (Mitte, stehend) spielt mit viel Begeisterung.

Revue, Lehrstück, Hörspiel - wie alle Jelinek-erfahrenen Regisseurinnen und Regisseure meißelt sich Karin Beier ihr Stück aus dem furiosen Text von Elfriede Jelinek, schafft Szenen und Figuren, arbeitet viel mit Dokumentaraufnahmen: Drosten, Merkel, Schlachtbetriebe, Skilifte. Dass es ihr so gelingt, einen Abend über Corona auf die Bühne zu bringen, an dessen Ende kein Überdruss steht, ist bemerkenswert. Das liegt auch an dem Schwerpunkt, den sie setzt, der deutlich in die Zukunft weist: Jelinek und Beier geht es um die gespaltene Gesellschaft. Immer wieder kommen die zu Wort, die sich nicht gesehen fühlen und die, die nicht sehen, die an die Krankheit nicht glauben wollen.

"Das kann ja alles nicht sein, also diese Särge sind gefälscht. Das ist alles ein Gerücht. Ja, dieses Virus ist ein Gerücht." Zitat aus "Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!"

Es ist ein fordernder Abend, dessen Komplexität sich nach und nach erschließt, der trotzdem fast noch dichter gebaut sein könnte. Das Ensemble, dabei als Gast Eva Mattes, spielte mit viel Körpereinsatz und Begeisterung, und auch das Publikum war sichtlich froh, endlich wieder da sein zu können.

Weitere Informationen
Außenaufnahme vom deutschen Schauspielhaus in Hamburg © dpa picture alliance Foto: Markus Scholz

Kulturpartner: Deutsches SchauSpielHaus Hamburg

Das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg gehört zu den führenden Theatern in Deutschland. extern

Jelineks Corona-Stück: Ein fordernder Abend am Schauspielhaus

Das Hamburger Schauspielhaus hat am Samstagabend Elfriede Jelineks Stück "Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!" uraufgeführt.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Deutsches Schauspielhaus Hamburg
Kirchenallee 39
20099 Hamburg
Telefon:
(040) 248 713
Kartenverkauf:
online unter www.schauspielhaus.de
Hinweis:
von Elfriede Jelinek, Regie: Karin Beier.
Dauer: Drei Stunden, eine Pause
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 06.06.2021 | 14:20 Uhr