Stand: 30.09.2018 17:29 Uhr

"Hexenjagd" am Thalia Theater

von Katja Weise

Geschrieben hat Arthur Miller "Hexenjagd" in den 50er-Jahren, unter dem Eindruck der Kommunistenverfolgungen in den USA. Seitdem hat das Stück über das Entstehen einer allgemeinen Verfolgungshysterie auf der Basis von Lügen einen festen Platz auf den Spielplänen der Theater - weltweit. Am Sonnabend war Premiere am Hamburger Thalia Theater, in einer Inszenierung von Stefan Pucher.

Was für eine Vorlage: Da fallen Sätze wie "Ich handle nicht mit Lügen", "Zum Teufel mit der Öffentlichkeit", die förmlich danach schreien Bezüge herzustellen zu aktuellen Ereignissen. Doch nichts davon bei Stefan Pucher. Vielleicht lag es zu nahe? Der Regisseur, bekannt für seine mit Popmusik und Video durchzogenen Arbeiten, für seine teilweise berauschenden "Trips", inszeniert "Hexenjagd" erstaunlich konventionell. Arthur Miller fast pur.

Eine Bühne wie ein Scheiterhaufen

Am Anfang dröhnt und wummert es, auf einer riesigen Leinwand sind Bilder zu sehen von Mädchen in langen Kleidern, die mit Häubchen durch einen Wald schreiten, dort Geister zu beschwören scheinen, Blut trinken. Reverend Parris ist außer sich. Er hat die Mädchen im Wald überrascht, unter ihnen auch seine Tochter Betty, die nun wie erstarrt liegt - auf einer Bühne, die Barbara Ehnes gebaut hat wie einen Scheiterhaufen: Spitz nach oben führt das aus Strohballen, Treppenstufen und Holzbrettern zusammensetzte Riesenpodest, auf dem sich auch ganz herrlich predigen und richten lässt. Doch Parris hat - zumindest in diesem Moment - all seine Selbstherrlichkeit verloren. Er zittert und bebt vor Angst.

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Viele Mädchen mit langen Kleidern und mit Häubchen tummeln sich am Anfang des Stückes auf der Bühne.

Abigail, seine Nichte, hat die Mädchen angeführt, sie ist verliebt in den Farmer John Proctor. Er war verrückt nach ihr, hat sich jedoch entschieden, bei seiner Frau zu bleiben. Abigail, zutiefst verletzt, trachtet nun nach Möglichkeiten, Johns Frau, Elizabeth Proctor, aus dem Weg zu räumen. Die Hysterie des Onkels, der widernatürliche Ursachen für die Vorkommnisse im Wald wittert, von Teufel und Hexerei spricht, kommt ihr da gerade recht. Unter Druck gesetzt, erklärt sie schließlich: "Ich will das Licht Gottes. Ich kehre zu Jesus zurück. Ich sah Frau Osburn mit dem Teufel, ich sah Bridget Bishop mit dem Teufel."

Aufgescheuchte, schreiende Schauspieler

Meisterhaft zeigt Arthur Miller wie durch Angst, Druck und Gegendruck Lügen produziert und geschickt genutzt werden, um eigene Interessen durchzusetzen. Wie Massenhysterie entsteht, auf die eine Verhaftungswelle folgt, die eigentlich jedweder Grundlage entbehrt. Doch scheint Stefan Pucher dem Text nicht wirklich zu vertrauen. Er lässt die Schauspieler schreien und rotieren - wie auf Dauerspeed. Der später über Leben und Tod der Angeklagten entscheidende stellvertretende Gouverneur, der vor Gericht dauernd geistliche Lieder singen lässt, wirkt wie Rumpelstilzchen.

Nur wenige intensive Momente

Pucher kleistert mit Geschrei zu, was erschüttern sollte. Ihm gelingt kein wirklicher Zugriff. Intensive Augenblicke, in denen das Grauen sich angesichts dieser ungeheuerlichen Vorkommnisse entfalten könnte, lässt er kaum zu. Für Ruhe sorgen allein der großartige Jörg Pohl als John Proctor, ein cooler James Dean-Verschnitt, rotzig, ehrlich, verletzlich und Kristof Van Boven als zur Hilfe gerufener Reverend John Hale. Wie er die Wandlung zeigt, von einem "Handlungsreisenden in Sachen Teufelsaustreibung" zu einem den Wahn begrenzen wollenden Kirchenmann, ist beeindruckend. Ihretwegen lohnt der Besuch der Aufführung dann doch.

"Hexenjagd" am Thalia Theater

"Hexenjagd" hat Arthur Miller in den 50er-Jahren in den USA geschrieben. Stefan Pucher hat das Werk für das Hamburger Thalia Theater inszeniert. Die Premiere war am Sonnabend.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Thalia Theater
Alstertor
20095  Hamburg
Preis:
Zwischen 7,50 und 74,00 Euro
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 30.09.2018 | 14:20 Uhr

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