Stand: 25.01.2019 18:30 Uhr

Fridays for Future: Schwänzen fürs Klima

In Berlin demonstrierten heute tausende junger Menschen aus ganz Deutschland zugunsten des Klimaschutzes - und ließen den Unterricht sausen. Eine Art Streik ohne Recht, und nicht zum ersten Mal. Denn diese Bewegung, initiiert von der jungen Schwedin Greta Thunberg, breitet sich nun auch in Deutschland aus: Freitags nicht in die Schule, sondern für die Umwelt demonstrieren. Der Sozialpsychologe Harald Welzer beschäftigt sich seit langem mit Ursachen und Folgen des Klimawandels.

Herr Welzer, sind das die Jugendlichen, die Sie sich immer gewünscht haben?

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Harald Welzer studierte Soziologie, Politische Wissenschaft und Literatur an der Universität Hannover.

Harald Welzer: Ich weiß nicht, ob ich mir die immer gewünscht habe, aber ich finde es ganz bemerkenswert, dass so etwas Naheliegendes, dass man gegen die fast nicht existente Klimaschutzpolitik demonstriert, ausgerechnet von den Jugendlichen kommt. Ihre Eltern, deren Generation als Helikoptereltern, also besonders besorgt, bekannt ist, kommen nicht auf die Idee - ältere Generationen auch nicht. Nein, es sind jetzt die 13- bis 19-Jährigen, die das machen, und die machen das auch, wenn man die Plakate sieht, sehr originell. Sie schwänzen auch zum Teil die Schule und setzen sich gegenüber den Lehrern durch - und das finde ich sehr toll.

Manche Kommentatoren sagen, dass ausgerechnet freitags während der Schulzeit demonstriert wird, deutet eher auf Spektakel hin. Es ginge doch auch sonnabends, außerhalb der Schulzeit. Stimmt, oder?

Welzer: Ja, aber das ist ja genau der Witz: Sie müssen ja schon eine bestimmte Aufmerksamkeit erregen. Es wäre etwas dusselig, das in den Schulferien oder am Wochenende zu machen. Auch der Ort ist gut gewählt, mit dem Berliner Wirtschaftsministerium, vor dem sie demonstrieren. Das zeigt, dass sie sich einiges dabei denken. Man weiß nicht, was noch passiert. Es kann sein, dass diese Demonstrationen eine Dynamik bekommen und mehr Zulauf kriegen. Insofern müssen sie etwas machen, was auch ein bisschen den Betrieb stört.

Diese Bewegung hat ihre ikonische Figur, die inzwischen 16 Jahre alte Schwedin Greta Thunberg, die vor Monaten schon damit begonnen hat, freitags zu demonstrieren, statt zur Schule zu gehen. Eine Influencerin anderen Typs, die sich vermutlich davor hüten muss, nicht in den Mühlen der Aufmerksamkeit zermahlen zu werden. Braucht es eine solche Galionsfigur, hat das vielleicht gefehlt?

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Welzer: Das hat anscheinend gefehlt. Vielleicht ist es nicht mal die Figur alleine, sondern die Beharrlichkeit. Greta Thunberg macht das ja ikonisch, sich dort jeden Freitag hinzustellen. Das hat so viel Aufmerksamkeit erzeugt, dass sie nach Katowice gefahren ist und dort eine Rede gehalten hat - und dann kriegt das genau diese Dynamik. Natürlich braucht eine Bewegung immer ikonische Figuren, und es braucht eine sehr einfache Idee. Und die Idee ist bestechend, dass sie sagen: Liebe Politiker, das ist unsere Zukunft, um die ihr euch nicht kümmert. Wenn man die Rede von Greta Thunberg nachliest, geht es um das Verantwortungsversagen der Elterngeneration überhaupt. Da ist also auch ein politisches Moment drin, was vielleicht noch eine gewisse Schärfe entwickeln kann.

Es hat in den vergangenen Jahren immer wieder Protestbewegungen gegeben, die aber kamen und auch wieder gingen. Kann diese Bewegung Greta Thunbergs Zug mitnehmen? Haben Sie eine Idee, wie so etwas auf Dauer gestellt werden könnte?

Welzer: Das weiß man nicht. Es kann sein, dass es wieder verschwindet - es kann aber auch sein, dass wir den Anfang einer Jugendbewegung erleben. Ich würde tatsächlich wagen, zu sagen: Wir haben es mit einer neuen politischen Generation zu tun - nicht nur wegen "Fridays for Future". Auf der Unteilbar-Demo in Berlin im vergangenen Jahr waren von den 240.000 Demonstranten die Hälfte sehr jung. Auf den Seebrücke-Demos gegen die Kriminalisierung der Seenotrettung sind sie alle jung - da sind kaum Ältere dabei. Auch bei den diversen anderen Demos, die es im vergangenen Jahr gegeben hat, für Demokratie, für offene Gesellschaft usw., sehen wir sehr viele junge Leute. Das haben wir ganz lange nicht gehabt, und insofern glaube ich, ist da jetzt ein deutliches Gefühl entstanden. Es finden moralisch nicht vertretbare Sachen statt, es findet ein Angriff auf die Demokratie statt und es geht uns klimawandelmäßig an den Kragen, wenn es keine Klimaschutzpolitik gibt. Das sind sehr konkrete Dinge, und die jungen Menschen beginnen jetzt dafür einzutreten, dass sich das verändert. Das ist nicht zu vernachlässigen, da kann etwas Größeres daraus entstehen.

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Die Frage ist, wie Politik darauf reagiert. Kurz vor Demo-Beginn hat eine Schülerdelegation dem Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier ihre Forderung nach dem schnellstmöglichen Kohleausstieg überbracht, und eine Sprecherin hat hinterher ganz enttäuscht gesagt: "Wir haben nicht das Gefühl, dass er verstanden hat, worum es eigentlich geht." Auf der anderen Seite hat Greta Thunberg heute in Davos beim Weltwirtschaftsforum gesprochen und für viel berührte Reaktionen gesorgt. Wird der Protest womöglich am Ende durch Umarmung erstickt? Sind das erste Anzeichen dafür, dass man das ernst nimmt?

Welzer: Keine Ahnung, das kann man ganz schwer sehen. Umarmung ist eine bewährte Strategie, Davos ist in gewisser Weise eine Absurdität: Ich habe gehört, dass von 3.000 Teilnehmern 1.500 mit Privatflugzeugen angereist sind. Das sind natürlich genau die Leute, die hoch besorgt um die Zukunft und um den Klimawandel sind. Da kann man Greta Thunberg einladen und sie umarmen.

Die Frage des Protestes, der eine breitere Basis bekommt - das ist schon ganz eindrucksvoll. Aus der Bewegungsforschung weiß man, dass die Umarmung nicht funktioniert, wenn die Protestanten den Betrieb stören. Wenn sie beispielsweise nicht brav auf dem Invalidenplatz, sondern an der Invalidenstraße demonstrieren würden und der Verkehr vorm Berliner Hauptbahnhof käme zum Erliegen - dann würde das weniger umarmbar sein. Solche Dynamiken entstehen dann, was wiederum mehr Zulauf erzeugt. Das ist jetzt ein Anfang, aber den sollte man wirklich beachten. Ich finde das höchst bemerkenswert, was da passiert.

Das Interview führte Ulrich Kühn

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NDR Kultur | Journal | 25.01.2019 | 19:00 Uhr

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