Stand: 18.02.2019 13:45 Uhr

Hannover Ballett: Marco Goecke formt sein Ensemble

von Agnes Bührig

Die kommende Spielzeit an der Staatsoper Hannover wirft ihre Schatten voraus. Zusammen mit der neuen Intendantin Laura Berman nimmt auch der neue Ballettchef Marco Goecke seine Arbeit auf. Bis zum vergangenen Jahr war er Haus-Choreograf des Stuttgarter Balletts und mit seinen Choreografien - etwa für hochkarätige Ensembles wie das Nederlands Dans Theater - international erfolgreich. Jetzt formt er sein festes Ensemble in Hannover. Am Sonntag stellten sich neue Tänzerinnen und Tänzer in einer Audition vor.

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Marco Goecke war 13 Jahre lang Haus-Choreograf des Stuttgarter Theaterhauses.

Vortanzen im großen Ballettsaal der Staatsoper Hannover. Rund 40 junge Frauen und Männer präsentieren in wechselnden Gruppen eine kurze, energetisch geladene Choreografie. Schnelligkeit und Präzision sind gefragt. Marco Goecke verfolgt die Bewegungen konzentriert und rückt nach dem Auftritt mit seinem Stuhl in die Gruppe. Dann macht er sie darauf aufmerksam, dass alle einen Rückwärtsschritt nicht beachtet haben - ein kleines Detail, das aber viel über jemanden aussagen kann.

"Manchmal merkt man doch, wie sensibel jemand ist, weil er auch die kleinen Sachen beachtet", sagt Goecke. "Ich bin so. Ich beachte das, wenn der Vorhang im Hotelzimmer einmal kurz vom Wind aufgeht. Ich kenne aber Leute, die das gar nicht merken würden."

Über 1.000 Bewerbungen für das Ensemble der Staatsoper Hannover

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Goecke beobachtet die Bewegungen der Tänzer genau. Für die Choreografie ist jedes Detail wichtig.

Das künftige Ensemble wird aus den Ballerinas des vorherigen Hannoveraner Ensembles, Tänzerinnen und Tänzern, die Marco Goecke aus Stuttgart mitbringt, sowie einigen neuen Gesichtern bestehen. Für die letzten freien Stellen sind insgesamt 1.100 Bewerbungen eingegangen. Einhundert Tänzerinnen und Tänzer wurden zum Vortanzen eingeladen. Die Auswahl falle nicht leicht, denn gut seien sie alle, bekräftigt der Choreograf. Manchmal seien es kleine Details, die den Ausschlag geben. Das sei wie beim Verlieben.

Das Gefühl, die Empathie für das Gegenüber prägen Marco Goeckes Arbeit. Das hat nicht zuletzt sein zehnjähriger Dackel Gustav erfahren, der bei allen Proben stoisch in seiner Tragetasche mit Ausguck verharrt. Sein Herrchen hat er zu dem Tanzstück "Dogs sleep" angeregt, in dem es darum geht, woran sich Gustav erinnert, wenn er schläft. Anfang Februar wurde das Ballettstück an der Pariser Oper "Palais Garnier" zum ersten Mal aufgeführt.

Roman "Der Liebhaber" ist Vorlage für die erste abendfüllende Choreografie

Für seine erste abendfüllende Uraufführung in Hannover, die für das Frühjahr 2020 geplant ist, hat der Choreograf den Roman "Der Liebhaber" der französischen Schriftstellerin Marguerite Duras als Vorlage ausgewählt. Die Bewegung im Tanz sei wie das Wort in der Literatur verankert. Es gehe darum, etwas Größeres spürbar zu machen. "Das ist halt das Werkzeug, was uns bleibt", sagt der gebürtige Wuppertaler. Für Duras waren es die Worte, für mich sind es die Bewegungen, um an irgendetwas ranzukommen, was uns etwas erklärt. Etwas sichtbar zu machen, was vorher nicht sichtbar war."

Um das zu erreichen, formt Marco Goecke in Hannover jetzt ein Ensemble mit großer Offenheit. Nicht nur mit ihm, sondern auch mit Gast-Choreografen sollen seine Tänzerinnen und Tänzer regelmäßig arbeiten, um ihr Tanzvokabular zu erweitern. Neben einem abendfüllenden Ballett von ihm selbst, soll es so mehr Abende geben, in denen weitere Choreografen vorgestellt werden. Zudem wünscht er sich Raum für Schwächen - in einem positiven Sinne. "Wenn ich irgendwo ein Stück mache, muss ich auch funktionieren, das ist auch ein Abliefern", sagt Goecke. "Das ist es hier sicherlich genauso, aber vielleicht kann man auch Mal sagen 'mir fällt nichts ein' und Schwächen zulassen."

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Schon als Kind packte ihn die Leidenschaft für das Tanzen - und ließ ihn nicht mehr los. Mittlerweile ist er der dienstälteste Ballettchef der Welt - und denkt noch nicht ans Aufhören. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 18.02.2019 | 17:40 Uhr

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