Stand: 28.07.2020 15:41 Uhr  - NDR Kultur

Hannover: Arzt will Gehirnmuseum bauen

von Janek Wiechers
So könnte es aussehen: das Hirnmuseum, das ambitionierte neue Großprojekt von Madjid Samii.

Der iranischstämmige Neurochirurg Madjid Samii gilt als erfahrener Fachmann auf seinem Gebiet. Seit mehr als 40 Jahren lebt und arbeitet er in seiner Wahlheimat Hannover. Samii, ein geschätzter Autor mehrerer Standardwerke, leitet seit 20 Jahren eine der bekanntesten Fachkliniken für Neurologie: das International Neuroscience Institute (INI) in Hannover. Jetzt hat der mittlerweile 83-Jährige eine neue Idee. Er möchte in Hannover ein weltweit einzigartiges Gehirnmuseum bauen.

Visionen entwickeln im Gehirn-Gebäude

Bild vergrößern
Samii arbeitet in einem dem Gehirn nachempfundenen Gebäude - ein guter Ort für neue Ideen.

Wer mit Madjid Samii über seine Museumspläne sprechen möchte, der muss nach ganz oben. Im gläsernen Aufzug geht es aus der weitläufigen Lobby hinauf in den siebten Stock des INI. Die Spezialklinik und Forschungseinrichtung in Hannover-Buchholz ist ein architektonisch eigenwilliges Gebäude. Konstruiert mit viel Glas und Stahl ist es in der Form dem menschlichen Gehirn nachempfunden. "Wir sind im Frontalhirn. Das ist das erste Haus in der Menschheitsgeschichte, das in Form eines Gehirns gebaut worden ist", sagt der Neurochirurg. Sein Büro schmücken Teppiche, Holzskulpturen, moderne Malerei - und medizinische Fachbücher. Durch ein großes Glasfenster geht der Blick über Dächer und Baumwipfel. Der Ort, an dem der Neurochirurg seine Visionen entwickelt.

"Museum wird die Menschen begeistern"

Bild vergrößern
Das Gehirn sei so fantastisch, dass ein Museum die Menschen begeistern werde, glaubt Madjid Samii.

Samii ist nicht nur ein bekannter Hirnchirurg, sondern gilt auch als unkonventioneller Ideengeber. Der jugendlich wirkende 83-Jährige präsentiert stolz einen dicken Ordner mit Grundrissen. Direkt neben seiner Klinik in Hannover würde er gerne das Gehirnmuseum bauen. Darin, so stellt er es sich vor, können Besucher in einem Rundgang über fünf Ebenen alles über das menschliche Hirn und das Nervensystem erfahren. Über Anatomie und Funktionen, Krankheiten und Behandlungsmethoden: "Mit Videos und mit verschiedenen Möglichkeiten, wie Ihre Augen, Ihre Ohren, alle anderen Gefühle, Riechen, Tasten, im Gehirn aufgenommen und vernetzt werden. Allein das Sprachzentrum ist ein Riesenkomplex", so Samii. "Wie kontrollieren wir unseren Körper? Die Motorik, all diese Dinge. Das Gehirn ist so fantastisch, dass ein solches Museum die Menschen begeistern wird."

Das Netzwerk: Alles hängt zusammen

Neben wissenschaftlichen Aspekten soll es um Fragen der menschlichen Seele und um Chancen und Gefahren künstlicher Intelligenz an der Schnittstelle von Computer und Mensch gehen. Und um Philosophisches: Wie formt das Gehirn die Persönlichkeit, was macht Menschen - vereinfacht ausgedrückt - "böse" oder "gut"? Welche kulturellen und wissenschaftlichen Leistungen kann das menschliche Hirn hervorbringen? Und wie wirken sich umgekehrt Fehlentwicklungen des Hirns destruktiv aus? Alles sei miteinander vernetzt, sagt Samii. Ein solches Museum brauche ein ständiges Team von Wissenschaftlern, um sich mit diesen Verbindungen zu beschäftigen.

Jetzt fehlt noch das Geld

Etwa 30 Millionen Euro würde der Bau des Museums kosten, hat Samii ausgerechnet. Geld, das er selbst nicht aufbringen kann, wie er betont. Auch, wenn er die Pläne für sein Museum bereits komplett fertig in der Schublade liegen hat - noch steht der Arzt ganz am Anfang möglicher Gespräche und wirbt dafür, ihn zu unterstützen. Er möchte alle an einen Tisch bringen: Das Land Niedersachsen, die Region Hannover, die Universitäten, große Firmen und Stiftungen. Ein Hirnmuseum wäre eine große Chance für Hannover und Niedersachsen, ein Museum von Weltformat, meint der Mediziner. "Ich hoffe, dass die Menschen, die jetzt angesprochen worden sind, sich selber melden. Das ist nicht mein Museum. Das ist ein Museum der Menschen in diesem Land", sagt er. "Ich bin Ideengeber. Ich bin gerne bereit, der erste Stifter zu sein."

Mögliche Grundstücke gibt es bereits

Zwei mögliche Baugrundstücke in Hannover hat der Professor sich schon ausgeguckt - beide sind in seinem Besitz. Den Baugrund würde Samii kostenlos zur Verfügung stellen, kündigt er an. Nicht auszuschließen, dass die Vision des umtriebigen Professors auch diesmal wahr wird. Ganz so wie vor 20 Jahren, als er gegen allerlei Widerstände und viele Zweifler seine neurologische Klinik in Hannover aufbaute - heute eine der größten ihrer Art.

Weitere Informationen

Wie kann man sein Gedächtnis trainieren?

"Wie war das gleich?" Namen, Gesichter, Orte: Täglich müssen wir uns Hunderte Dinge merken. Das Gehirn sortiert dabei kräftig aus. Räumliche Vorstellungskraft und Schlaf können beim Merken helfen. mehr

Gut für den Kopf: Musik machen im Alter

12.11.2019 06:40 Uhr

Musikalische Bildung kann strukturelle Veränderungen im Gehirn bewirken. Wie genau, untersuchen derzeit Forscher an der Musikhochschule Hannover. mehr

Gehirntraining: Im Alter geistig fit bleiben

12.11.2019 20:15 Uhr

Wer Sprachen lernt, soziale Kontakte pflegt und in Bewegung bleibt, kann bis ins hohe Alter geistig fit bleiben. Auch das Demenz-Risiko lässt sich durch lebenslanges Lernen senken. mehr

Wie sich Ärzte mit 3D-Druckern auf Hirn-OPs vorbereiten

09.10.2019 19:30 Uhr

Bei komplizierten Eingriffen am Gehirn bereiten sich Ärzte in Lübeck mit Probe-Operationen an einem Kunststoff-Modell vor. Es bildet den Verlauf der Arterien des Patienten genau ab. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 28.07.2020 | 19:00 Uhr

Mehr Kultur

68:40
NDR Info

Sumatra

NDR Info