Stand: 04.02.2019 17:52 Uhr

Hamburg-Premiere für Neumeiers "Orphée et Eurydice"

Christoph Willibald Gluck gilt als einer der großen Opernkomponisten der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Mehr noch: Er hat die Oper reformiert. Eine seiner rund 50 Opern entstand 1762, "Orphée et Eurydice". In Hamburg hat Ballettchef John Neumeier jetzt die berühmte Gluck-Oper inszeniert. Bei der Premiere war für uns Petra Rieß dabei.

Hamburger Staatsoper: Premiere von "Orphée et Eurydice"

Frau Rieß, war das die erste Operninszenierung von Ballettchef John Neumeier?

Petra Rieß: Neumeier ist ein Wiederholungstäter, was den Orpheus betrifft: Er hat den Stoff in seinem Leben schon mehrfach in der Hand gehabt. 1971, als er noch in Frankfurt an der Oper war, hat er für eine Orpheus-Inszenierung von Filippo Sanjust choreografiert, später auch ein reines Orpheus-Ballett geschaffen und jetzt eben die Gluck-Oper. Die Premiere war im Grunde "nur" eine Hamburger Premiere - Neumeier hat Glucks "Orphée et Eurydice" ursprünglich als Auftrag der Lyric Opera in Chicago inszeniert, das war 2017. Es war seine erste Opernregie in Hamburg, inklusive Bühnenbild, Lichtdesign, Kostüme, Choreographie und Inszenierung.

Wie hat Neumeier denn diese Oper inszeniert?

Rieß: Neumeier ist Ballettchef und denkt in Bewegungen, wie man Musik in Bewegung umsetzt. Für Menschen, die sich ausschließlich auf die Oper gefreut hatten, war es zu viel Tanz, für die Meisten allerdings ein gelungener Abend. Es gab Standing Ovations, aber auch Buhrufe, denn es gab Stärken und Schwächen: Bei Neumeier ist Orpheus ein Ballettchef, der Böcklins Gemälde "Die Toteninsel" choreografieren will. Und Eurydike ist seine Frau und Startänzerin. Die Geschichte ist also in der Gegenwart angesiedelt. Eurydike stirbt auch nicht durch einen Schlangenbiss, sondern durch einen Autounfall.

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NDR-Kultur-Reporterin Petra Rieß hat die Premiere von "Orphée et Eurydice" besucht.

Dramaturgisch stark waren die Szenen in der Unterwelt. Der Tod ist durch Spiegel symbolisiert. Und entsprechend finden wir uns teilweise wie in einem Spiegelkabinett wieder, in dem man sich auch verirren und die Dinge nicht mehr klar erkennen kann. Das war ein starkes Bild, das sowohl für die Tänzer als auch die Sänger auf der Bühne funktionierte. Schwach fand ich, dass die beiden ersten Solisten der Ballettkompanie, Anna Laudere und Edvin Revazov, jeweils Orpheus und Eurydike tanzen sollten - doch eine wirkliche Verzahnung der beiden Ebenen Oper und Tanz fehlte oft. Hier hat Neumeier nicht konsequent genug inszeniert.

Wie gut hat denn das Zusammenspiel von Oper und Ballett letztlich funktioniert?

Rieß: Dazu muss man  wissen, dass Gluck selbst ja Ballett in die Oper eingebaut hatte, nämlich den berühmten "Reigen seliger Geister" im zweiten Akt. Das war auch einer der Höhepunkte: Orpheus kommt in die Unterwelt, um die Geister zu beruhigen. Die sind wütend, dass es ein Sterblicher überhaupt wagt, in die Unterwelt zu kommen. Die Geister der Unterwelt sind völlig geschlechtsneutral gekleidet, in cremeweiß, weiß geschminkt, mit dezent stilisierten Schlangen auf dem Körper und auf dem Kopf eine Art Geflecht aus Schläuchen - das wirkte wie aus einem Science-Fiction-Film. Entsprechend entmenschlicht bewegten sich die Tänzer und Tänzerinnen auch: mechanisch zuckend, weil sie sich gegen Orpheus, seinen Gesang und dessen Wirkung wehren wollten. Letztlich, wie wir aus dem Mythos wissen, zwecklos, denn schließlich sind sie so verzückt, so selig, dass Orpheus seine Geliebte holen darf.

Insgesamt sind die Kostüme der Tänzer deutlich fantasie- und abwechslungsreicher als die der Sänger - die im Vergleich eine undankbare Rolle hatten: Oft schienen sie nur Stichwortgeber für den Tanz zu sein und blieben in ihrer Dramatik allein. Dafür gab es Szenenapplaus für den Tenor Dmitry Korchak und auch Marie-Sophie Pollak als Amor war herausragend. Man kann sagen: ein abwechslungsreicher Abend.

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 04.02.2019 | 07:20 Uhr

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