Szene aus dem Stück "Die Turing-Maschine" auf der Bühne des Theaters im Zimmer in Hamburg. © Theater im Zimmer Foto: Thorsten Jander

Hamburg: "Die Turing-Maschine" im Theater im Zimmer

Stand: 21.10.2020 17:40 Uhr

Für das kleine Theater im Zimmer in Hamburg ist das eine riesengroße Sache: In der Villa in Alsternähe finden gerade die Proben für die deutschsprachige Erstaufführung des preisgekrönten Stücks "Die Turing-Maschine" statt.

Das Zwei-Personen-Stück aus Frankreich erzählt die Geschichte von Alan Turing, dem Mathe-Genie, das den Enigma-Code der Nazis geknackt hat. 

Stück über das Leben des Mathe-Genies Alan Turing

"Sie haben für uns den verdammten Krieg gewonnen!", hallt es durch den kleinen Theatersaal. Schon bei den ersten Proben spürt man, wie packend das Stück über das große, geheime Projekt aus dem Zweiten Weltkrieg ist. Die Geschichte eines strahlenden Helden wird aber nicht erzählt, versichert die Dramaturgin Sonja Valentin. "Dieser Mensch ging elendig zugrunde - zum einen wegen seiner Homosexualität, die damals verboten war, aber auch vor Einsamkeit und innerlich gebrochen, weil das, was er geleistet hatte, überhaupt keine Anerkennung fand." Noch lange nach seinem Tod musste Turings Rolle geheim gehalten werden. Turing nahm sich 1954 das Leben, weil man ihn zu einer unmenschlichen Hormonbehandlung verurteilt hatte. Diesen besonderen Lebensweg beschreibe das Stück von Benôit Soleś brillant, sagt Valentin. Das Schöne sei aber auch, dass es neben den tragischen auch viele leichte und sehr komische Elemente gebe, betont Axel Holst, der den verschrobenen Alan Turing spielt. "Das Publikum wird also lachen können und auch mal berührt sein." 

Plakatmotiv des Stückw "Die Turing-Maschine" im Theater im Zimmer in Hamburg. © Theater im Zimmer Foto: Thorsten Jander

AUDIO: "Die Turing-Maschine" im Theater im Zimmer (3 Min)

Investment in Kultur - trotz Corona

Dass die deutsche Erstaufführung in der Alstervilla landet, ist ein kleines Theaterwunder. Das Stück sei für ihr kleines Haus ein richtig großer Fisch, strahlt die junge Theaterchefin Martha Kunicki. "Die Uraufführung 2019 in Paris hat vier Molière-Preise bekommen: bestes Stück, bester Autor, beste Regie und bester Schauspieler. Da haben wir uns als Theater im Zimmer die Rechte gesichert und freuen uns riesig, das jetzt nach Deutschland zu bringen." Das Theater im Zimmer, das bis 1999 von Gerda Gmelin geleitet wurde, finanziert sich und die Kulturveranstaltungen vor allem mit Vermietungen der Stadtvilla für Hochzeiten und Firmen-Events. Mitten in der Corona-Flaute riskiert das kleine private Haus nun etwas, nimmt Geld in die Hand und investiert in Kultur. Man spüre tatsächlich einen besonderen Spirit, sagt Raphael Dwinger, der gleich vier Rollen im Stück spielt. "Die Atmosphäre an dem Haus ist sehr familiär. Ich habe lange nicht mehr eine so schöne Probenarbeit gehabt." 

Hoffen auf den Turing-Effekt 

Szene aus dem Stück "Die Turing-Maschine" auf der Bühne des Theaters im Zimmer in Hamburg. © Theater im Zimmer Foto: Thorsten Jander
Regisseur Jean-Claude Berutti arbeitet mit Bildern aus einer Video-Installation als Bühnenbild.

50 Menschen passen mit Corona-Abstand in den Zuschauerraum. Der Regisseur Jean-Claude Berutti arbeitet mit Bildern aus einer Video-Installation als Bühnenbild. Mal sieht man ein Wohnzimmer, mal einen Wust aus Matheformeln. "Man hat das Gefühl, auf einer großen Bühne zu stehen, und gleichzeitig kann man innerhalb von einer Sekunde den Ort wechseln." Berutti hatte "Die Turing-Maschine" in Paris gesehen und war sofort elektrisiert. "Das Publikum dort war sehr leidenschaftlich in die Hauptfigur verliebt. Das hatte ich wirklich nicht erwartet. Wie kann man sich in diesen Forscher als Figur verlieben? Das fand ich hoch interessant." Für Hamburg erhofft er sich einen ähnlichen Turing-Effekt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 21.10.2020 | 19:00 Uhr