Stand: 23.10.2018 19:00 Uhr

Ältester Paternoster der Welt entdeckt?

von Danny Marques Marcalo

Der älteste Paternoster der Welt steht… in Hamburg am Rödingsmarkt. Das zumindest behauptet der Student Robin Augenstein. Bisher dachte man, der älteste Paternoster steht in Wien und wurde 1911 gebaut. Bei den Recherchen für seine Masterarbeit über historische Aufzüge in Hamburg ist der junge Student aber auf den Paternoster im denkmalgeschützten Flüggerhaus gestoßen, von dem man dachte, dass er gar nicht mehr existiert.

In Grundriss von 1909 verzeichnet

Robin Augenstein ist sich sicher. Der Paternoster, der im Flüggerhaus am Rödingsmarkt 19 steht, muss der älteste der Welt sein. Zum einen, weil das Gebäude im Jahr 1908 eröffnet wurde und es für die Zeit untypisch war, dass es ohne einen Aufzug gebaut wurde. "Dieser Paternoster ist in einem Grundriss von 1909 verzeichnet und benannt, der aus einer Publikation stammt", erklärt Augenstein. "Ich kann zwar nicht hundertprozentig sagen, dass der Paternoster aus dem Jahr 1908 ist, aber ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass er zumindest aus dem Jahr 1909 stammt."

"Plötzlich stießen wir auf meterhohe Zahnräder"

Als Robin Augenstein im Denkmalschutzamt bei seiner Recherche für die Uni die alten Akten wälzt, liest er dort über das Flüggerhaus: "Bedauerlich sei der Verlust des Paternosters." In anderen Aufzeichnungen stand, die Anlage sei nur mit Brettern verschlossen. Augenstein will das mit eigenen Augen sehen, geht mit dem letzten verbliebenen Mieter des Flüggerhauses in den Keller und findet tatsächlich Maschinen und Kabinen. "Plötzlich stießen wir auf meterhohe Zahnräder und befanden uns dann mehr oder weniger unversehens im Maschinenraum des eigentlich nicht mehr vorhandenen Paternosters", so Augenstein.

Paternoster mit offener Bauweise

Paternoster im Flüggerhaus © NDR
Unter dem Halteknopf steht noch der Name des Herstellers: die Hamburger Firma Gustav Adolf Koch.

Der Paternoster hat eine dunkle Holzverkleidung. Auf Bedienungsknöpfen ist noch das Logo des Herstellers Gustav Adolf Koch zu sehen. Eine Hamburger Firma, die im Jahr 1999 im Großkonzern Kone aufging. Der Paternoster sei in einer besonderen Bauweise konstruiert, sagt Robin Augenstein. "Er ist in sogenannter offener Bauweise erstellt. Bei den Paternostern, die man heute kennt, sind die Kabinen zum Ein- und Aussteigen nur nach vorne geöffnet. Das bedeutet, die Kabinen haben eine Decke und zwischen den Kabinen ist oben und unten eine Verschalung angebracht, sodass man nicht in den Schacht sehen oder sogar stürzen kann. Das alles fehlt alles beim Paternoster im Flüggerhaus."

Bauform zur Zeit des Ersten Weltkrieges eingestellt

Die Kabinen haben keine Rückwand und Außenschale. Weil die Gefahr in den Schacht zu fallen so hoch gewesen sei, habe man diese Bauform ungefähr zur Zeit des Ersten Weltkriegs eingestellt. Aber auch wenn er nicht mehr fährt: Die Entdeckung des vergessenen Paternosters hat Augenstein elektrisiert. "Ich habe das Denkmalschutzamt informiert", sagt er. "Und wenn ich das richtig verstanden habe, hat man diese Information nun auch in die Denkmalkartei aufgenommen."

Augenstein hält Reste für Original-Teile

Paternoster im Flüggerhaus © NDR
Eines der Zahnräder im Maschinenraum: Student Robin Augenstein ist sich sicher, dass es sich dabei um ein Original-Teil handelt.

Robin Augenstein ist sich sicher, dass am Rödingsmarkt noch Originalteile stehen. In einer Stellungnahme der Behörde gegenüber NDR 90,3 heißt es: "Die Information, dass es sich beim Flüggerhaus um den ältesten Paternoster der Welt handelt, können wir nicht mit Sicherheit bestätigen. Andere Bauten in Hamburg wie der Laeiszhof von 1897 verfügen ebenfalls noch über Paternoster, die jedoch möglicherweise nicht mehr original sind."

Entdeckung neuer Impuls für Erhaltung des Flüggerhauses?

Hauseigentümer ist seit 2017 das Unternehmen International Campus. Dieses betreibt private Studentenwohnheime, wie derzeit eins in Altona an der Ecke Stresemannstraße/Kieler Straße gebaut wird. Das Flüggerhaus steht fast leer und ist in keinem guten Zustand. Die Entdeckung des alten Paternosters könnte ein neuer Impuls für die Erhaltung des denkmalgeschützten Gebäudes sein.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 23.10.2018 | 19:00 Uhr