"Große Freiheit": Spielfilm über Gefängnis für Homosexuelle

Stand: 17.11.2021 07:11 Uhr

Der Spielfilm "Große Freiheit" erzählt, was es bedeutet, als Homosexueller für seine Liebe ins Gefängnis zu müssen. Ab dem 18. November ist der Film in den deutschen Kinos zu sehen.

von Lennart Herberhold

Lange Jahre stand Homosexualität in der Bundesrepublik unter Strafe. Möglich war das über §175 im Strafgesetzbuch, ein Paragraph, der von den Nationalsozialisten übernommen wurde und bis in die späten 1960 Jahre angewendet wurde. Gestrichen wurde er erst 1994. Doch die soziale Ächtung ging nach dem Ende des Paragraphen weiter. Der eindrückliche Spielfilm "Große Freiheit" erzählt jetzt, was es bedeutete, für seine Liebe ins Gefängnis zu müssen.

§175 im Strafgesetzbuch stellte Homosexualität unter Strafe

Schneller Sex auf der öffentlichen Toilette. Hans, gespielt von Franz Rogowski, liebt Männer. Heimlich. Denn der Staat beobachtet Männer wie ihn, filmt und bestraft sie. Der Regisseur Sebastian Meise und der Drehbuchautor Thomas Reider haben sechs Jahre für ihren Film recherchiert. "Wir haben Berichte gelesen von schwulen Männern, die aus dem KZ kamen", erzählt Meise. "Die befreit wurden von den Alliierten und dann direkt ins Gefängnis überstellt wurden, um nach Paragraph 175 die Reststrafe abzusitzen". Und Reider ergänzt: "Die Akribie, mit der verfolgt wurde - das hat mich umgehauen. Der erste Zeitzeuge, der hat erzählt, sie seien im Auto gewesen und hätten geküsst."

Dann kam die Polizei. Klaus Born, inzwischen verstorben, war eine der Quellen für "Große Freiheit". Vor neun Jahren erzählte er dem Kulturjournal von seiner Haft: "Ich bin nie darüber hinweg gekommen. Dass man einen nur deswegen schnappt und in den Knast steckt. Und dann gab es einmal am Tag einen Rundgang. Und da musste ich ganz alleine gehen, mit zwei Beamten. Ich hätte ja jemanden anstecken können. Die könnten ja schwul werden!"

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Szene mit Franz Rogowski (links) und Georg Friedrich (r.) aus "Große Freiheit" von Sebastian Meise © Freibeuter Film

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"Große Freiheit" arbeitet mit Zeitzeugen

In dem Film kommt Hans über die Jahre gleich drei Mal ins Gefängnis. Das erste Mal direkt aus dem KZ. Ein Zellengenosse übersticht seine KZ-Nummer und fragt ihn, ob es dort wirklich so schlimm gewesen sei, wie die Amis erzählten.

Eine große Stärke des Films sind die sparsamen Dialoge. Auch der Kontrast zwischen dem kalten System des Strafvollzugs und Hans’ beharrlicher Sehnsucht nach Liebe sind beeindruckend. Zum Beispiel, wenn er ausgerechnet die Gefängnisbibel benutzt, um einem anderen Gefangenen einen Liebesbrief zu schicken.

Hauptdarsteller Franz Rogowski für europäischen Filmpreis nominiert

§175 stand vier Jahrzehnte lang im Gesetzbuch der Bundesrepublik. Erst 1994 wurde er aufgehoben. Und doch ist die Geschichte nicht ganz vergangen. Die Freiheit, die Schwule, Lesben und queere Menschen heute erleben ist noch nicht so alt - und sie ist zerbrechlich. "Große Freiheit" ist ein stiller, starker und sehenswerter Film. Seine Premiere feierte er bei den Filmfestspielen in Cannes, Hauptdarsteller Franz Rogowski ist für seine Rolle für den europäischen Filmpreis nominiert.

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