Ein Buch auf gelbem Hintergrund. © suze / photocase.de Foto: suze / photocase.de

Frauenpower in der Verlagswelt: der Ecco-Verlag

Stand: 03.03.2021 18:02 Uhr

Fünf junge, dynamische, lockere Frauen haben in diesem Jahr in Hamburg den neuen Literaturverlag Ecco gegründet. Das Konzept: Bücher von Frauen geschrieben und von Anfang bis Ende von Frauen produziert. Heide Kloth ist Programmchefin.

Ein Buch auf gelbem Hintergrund. © suze / photocase.de Foto: suze / photocase.de
Beitrag anhören 7 Min

Frau Kloth, auf Ihrer Webseite schreiben Sie, dass Sie unter dem Motto "Was wir lesen wollen" ausschließlich Bücher von Frauen - deutschsprachige und internationale Stimmen, Debüts und etablierte Autorinnen - verlegen. Ist es im Jahr 2021 tatsächlich nötig, einen Verlag mit einer geschlechtsspezifischen Ausrichtung zu gründen?

Heide Kloth: Ich glaube, dass es gerade im Jahr 2021 nötig ist. Es gibt in den letzten Jahren ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass in literarischen Verlagen mehr Bücher von Männern verlegt werden, dass mehr Männer Literaturpreise bekommen und mehr Bücher von Männern besprochen werden. Das ändert sich langsam, aber wir sind leider noch weit von der Gleichberechtigung entfernt. Deshalb fanden wir, dass genau jetzt der richtige Moment gekommen ist, um einen Frauenverlag zu gründen.

Wie genau sind Sie aufgestellt? Wie arbeiten Sie, wie wählen Sie die Titel aus und war es schwierig, sich auf das erste Programm zu einigen?

Kloth: Wir arbeiten sehr gleichberechtigt im Team. Das heißt, dass alle fünf an allen Entscheidungen in jeder Abteilung beteiligt sind - und das geht auch erstaunlich gut. Unsere Autorin Katharina Höftmann Ciobotaru hat das kommentiert mit "Frauen halt". Ich bekomme sehr viele Manuskripte von Agenten, Autorinnen und internationalen Kollegen sowie Tipps von Übersetzern. Ich lese sehr viel pro Jahr und wenn ich ein Manuskript finde, dass ich mir für Ecco vorstellen kann, schicke ich es den Kolleginnen. Bisher sind wir uns immer sehr schnell einig geworden. Auch die Programm-Zusammenstellung ist wichtig. Wir haben fünf  Bücher deutscher und internationaler Stimmen etablierter Autorinnen und Debütantinnen, jeweils eine neue und eine Wiederentdeckung, im Programm. Das fünfte Buch ist am schwierigsten zu finden, weil alle Bücher in der Gesamtkonzeption zusammenpassen müssen.

Weitere Informationen
Mehrere Frauen unterschiedlicher ethnischer Zugehörigkeit in einer bunten Grafik. © PantherMedia Foto: angelinabambina

Internationaler Frauentag: Wie steht es um die Gleichberechtigung?

Seit mehr als 100 Jahren demonstrieren Frauen am 8. März für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung. mehr

Ich habe mir natürlich das Profil Ihres Verlages angeschaut. In diesem Monat erscheinen die ersten fünf Romane von Autorinnen aus Neuseeland, Deutschland, den USA und Finnland. Mögen Sie etwas zu den Büchern, zum Programm und der Auswahl Ihrer ersten Bücher sagen?

Kloth: Das erste Buch, das auf dem Programm stand, war "Alef", das literarische Debüt von Katharina Höftmann Ciobotaru. Alef ist der erste Buchstabe im hebräischen Alphabet und bei dem Buch handelt es sich um einen deutsch-israelischen Familien- und Liebesroman, der mich von der ersten Seite an hingerissen hat. Er hat eine unglaubliche sprachliche Wucht. Mich hat die erste Szene so gepackt, dass ich wusste: Das Buch wollen wir bei uns verlegen. Zudem haben wir ein weiteres Debüt von Bianca Nawrath, einer Schauspielerin, die in "Iss das jetzt, wenn du mich liebst" über die Probleme und lustigen Momente im interkulturellen Zusammenleben schreibt. Als drittes Buch haben wir Meg Mason mit "Was wir wollen". Sie schreibt einen Roman über Themen, die viele Frauen betreffen, also die Ansprüche, die die Gesellschaft an sie stellt. Was passiert zum Beispiel, wenn man die nicht erfüllen kann, wenn es darum geht, Kinder zu kriegen? Wie verhält man sich dazu? Mit Katja Kettu haben wir eine ganz tolle finnische Autorin im Programm, die in "Die Unbezwingbare" Frauen eine Stimme geben möchte, die von der Gesellschaft systematisch totgeschwiegen werden.

Das sind alles Romane, die Sie aufgezählt haben. Was ich vermisse, sind Sachbücher. Studien belegen, dass immer noch männliche Autoren die Gattung Sachbuch dominieren. Wollen Sie das ändern und künftig Sachbuchautorinnen fördern?

Kloth: Der Ecco-Verlag ist als rein belletristischer Verlag geplant und das soll auch so bleiben. Das hat mit der Entstehungsgeschichte des Verlags zu tun. Bei HarperCollins haben wir bereits unterhaltende Belletristik und ein sehr weiblich geprägtes Sachbuchprogramm. Was uns noch fehlte, war ein literarischer Verlag. Natürlich ist auch im Sachbuch noch sehr viel zu tun. Wir fangen mit der Belletristik an, denn ich glaube an die Kraft der Belletristik, an die Kraft von Geschichten. Das ist noch einmal eine andere Möglichkeit, mit Themen umzugehen und um Leser zu erreichen. Deshalb ist Ecco ein literarischer Verlag.

Bücher nur von Frauen: Dürfen Männer Ihre Bücher lesen und kaufen? Dieses dezidierte Frauenprofil, könnte man Ihnen vorwerfen, hat ja etwas Ausgrenzendes.

Kloth: Das sehen wir nicht so. Nun ist es so, dass Frauen von Kindheit an daran gewöhnt sind, Bücher von Männern und über Männer zu lesen. Wir sind der Meinung, dass es genauso normal sein sollte, dass Männer Bücher von Frauen lesen. Deshalb grenzen wir niemanden aus, sondern unsere Bücher sind für alle Leser gedacht.

Ein neuer Verlag in einer schwierigen Zeit: Die Leipziger Buchmesse, immer ein großes Bücherfest Mitte März, ist abgesagt, und weiter wollen wir zum jetzigen Zeitpunkt gar nicht in die Zukunft schauen. Ist es in diesen Zeiten nicht ein ziemliches Wagnis, mit einem neuen Verlag an den Start zu gehen?

Kloth: Wir hatten uns den Start natürlich anders vorgestellt. Wir wollten in Leipzig mit einem eigenem Stand starten und ein großes Fest zum Start unseres ersten Programms geben. Wir wollten unsere Autorinnen auf Lesereise schicken und Katharina Höftmann Ciobotaru aus Israel einfliegen. Das wird jetzt alles nicht passieren. Wir hoffen natürlich sehr, dass wir das nachholen können, aber nichtsdestotrotz wäre es schöner gewesen, unter anderen Umständen zu starten. Aber wir machen das Beste draus und kommunizieren im Team auf ganz vielen Apps gleichzeitig. Wir sind immer in Kontakt, auch wenn wir uns gerade nicht vor Ort alle gleichzeitig sehen können.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 03.03.2021 | 18:00 Uhr