Stand: 19.11.2018 13:02 Uhr

Frankensteins Monster erwacht im Thalia Theater

Das Hamburger Thalia Theater widmet sich dem Traum vom künstlichen Menschen und geht der Frage nach, was passieren könnte, wenn sich der Traum tatsächlich bewahrheitet. Für seine Inszenierung von "Frankenstein/Homo Deus" hat sich Regisseur Jan Bosse von Mary Shelleys Roman und von der Studie "Homo Deus" des israelischen Universalhistorikers Yuval Noah Harari inspirieren lassen.

Die Geburt des Monsters hat sich auch Regisseur Jan Bosse nicht entgehen lassen. Ganz so wie in dem alten Frankenstein-Film von 1931, donnert und qualmt es gewaltig in seiner Inszenierung. Die Zuschauer erleben die Szene aus nächster Nähe, denn sie sitzen hinter dem eisernen Vorhang auf der Bühne. Dort hat Bühnenbildner Stéphane Laimé ein Anatomietheater eingerichtet, in dem Victor Frankenstein mit blutiger Schürze an einer Mumie herumdoktert, um den "unbeseelten Körper mit Leben zu füllen". Die Folgen sind bekannt. Mary Shelley hat es 1818 in ihrem Roman eindrucksvoll beschrieben. "Du Monster, du Satan, du Ausgeburt der Hölle", auch Bosses Frankenstein kann den Anblick des von ihm erschaffenen Wesens nicht ertragen und überlässt es seinem Schicksal. So irrt es desorientiert und allein durch die Welt. Hier entwickelt es sich zum Ungeheuer und später zum Mörder, der sich an seinem Schöpfer rächt.

Frankenstein-Inszenierung am Thalia Theater.

Frankenstein-Wahnsinn am Thalia Theater

Hamburg Journal -

Das Thalia Theater wird zum Forschungslabor. In seiner Frankenstein-Inszenierung schickt Regisseur Jan Bosse Schauspieler und Zuschauer durch das gesamte Theater.

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Reise für das Publikum

Jan Bosse erforscht den Traum vom künstlichen Menschen in vier verschiedenen Räumen. Eingeteilt in vier Gruppen unternimmt das Publikum eine Recherchereise durch das Theater. Es verfolgt Dr. Frankensteins Experimente hinter der Bühne, unternimmt einen Ausflug ins Forschungslabor im Parkett, sieht im Saal den Film "Im Menschen Reservat" und hört im Rang einen Vortrag zum "Homo Deus". Wobei der Vortrag nach einem Satz endet, weil die Putzfrau dem Redner den Stecker zieht. Der Mann ist nämlich, wie sich nun herausstellt, zwar äußerlich ein Mensch, aber in Wirklichkeit ein Roboter.

Fortschritt ist unaufhaltsam

Regisseur Jan Bosse stellt Fragen. "Und dann habe ich noch fünf Fragen an die künstliche Intelligenz: 1. Welche Macht hast Du? 2. Von wem hast du sie? 3. In welchem Auftrag führst du sie aus? 4. Wem bist du verantwortlich? Und 5. Wie können wir dich wieder los werden?" Bosse will aufklären über die künstliche Intelligenz und die gesellschaftlichen Folgen, die mit dem Einsatz dieser Technologien verbunden sind. Er kritisiert, aber verschweigt auch die Vorteile nicht und bezieht sich dabei auf den israelischen Historiker Yuval Noah Harari und sein Buch "Homo Deus". Man kann den Fortschritt nicht aufhalten, glaubt Harari. Wissenschaftler machen, was machbar ist. Ethische Schranken würden sie nicht davon abhalten, weiter am Menschen zu forschen.  

"Gibt es einen Gott?"

Im Stück heißt es: "Ihr könnt die Ketten der Biologie sprengen. Und Mangel, Geschlecht, Alter, Herkunft, Rasse, Tod, ja, sogar Raum und Zeit hinter Euch lassen. Lasst den Tod vor der wissenschaftlichen und technologischen Revolution erzittern. Ihr könnt Unsterblichkeit erlangen und ihr habt nichts zu verlieren - außer eurer Biologie." Eine gruselige Vorstellung. Regisseur Bosse gibt mit seiner Inszenierung keine Antworten. Er reißt das Thema an, bebildert und illustriert es, teilweise recht albern, zum Beispiel, wenn die Schauspieler als Androide verkleidet mit Lichtschwertern herumfuchteln. Jan Bosse überzeugt dann, wenn er auf derlei Schickschnack verzichtet und stattdessen auf das Wort setzt und die Schauspieler auf suggestive Weise ihre Texte sprechen lässt. Karin Neuhäuser in ihrer Rolle als Putzfrau gelingt das hervorragend: "Die Menschen fragten den Computer, gibt es einen Gott? Und der Computer sagte: Ja, ab jetzt und rannte mit dem Stecker davon."

Dreieinhalb Stunden dauert die theatrale Erkundung des künstlichen Menschen, die in ihren besten Momenten Esprit mit Witz verknüpft.

Weitere Informationen
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Frankenstein-Inszenierung zum Jubiläum des Thalia-Theaters

04.11.2018 06:30 Uhr
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Zum 175 jährigen Jubiläum des Thalia-Theaters ist eine besondere Inszenierung geplant: Das Stück „Frankenstein“ soll an verschiedenen Orten im Haus spielen. Audio (29:07 min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 19.11.2018 | 08:55 Uhr

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