Maria Ossowski © picture alliance / dpa Foto: Soeren Stache

"Leben heute gut? Dann bin ich froh" - Eine Geschichte über Flucht und Hilfe

Stand: 20.05.2022 18:09 Uhr

Wie fühlen sich die Geflüchteten, die aufgrund des Ukraine-Krieges ihre Heimat verlassen mussten? Und wie hilft man, ohne zu beschämen? Gedanken zur Kriegs-Zeit von Maria Ossowski.

Maria Ossowski © picture alliance / dpa Foto: Soeren Stache
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von Maria Ossowski

Unternehmerin, Chordirigentin, Kosmetikerin, Wirtschaftswissenschaftlerin - sie alle leben mit ihren Familien im Wohlstand. Bis zum 24. Februar, bis der Krieg in der Ukraine beginnt und mit ihm die Flucht und das andere Leben, in dem nichts geblieben ist außer dem Auto und dem nackten Leben selbst.

Die Flucht vor dem Krieg

Nacht in Novi Petrivtsi am Stadtrand von Kiew. Im Einfamilienhaus schlafen Anna und ihre Kinder Mascha und Wanja sowie Hündchen Sifi. Ihr Mann Sergej, ein Importeur von Strom-Generatoren, erwacht jede Stunde, wandert im Haus umher, als ahne er jene Katastrophe, von der die meisten Menschen in der Stadt am Dnjepr glauben, sie würde nie eintreten. Gegen fünf Uhr früh dröhnt und rotiert die Luft rund ums Haus. "Der Krieg hat DOCH begonnen", hört Anna Sergej rufen. Sie springt auf, öffnet die Videofunktion des iPhones und filmt russische Kampfhubschrauber direkt über ihrem Dach. Explosionen im Minutentakt folgen, die Kinder weinen und verstecken sich unter ihren Betten. Anna packt Taschen für zwei Tage. Sie springt mit ihrem Mann, mit den Kindern und dem Hund in ihr Auto, und sie rasen zur Datsche, hausen dort tagelang ohne Warmwasser und Heizung, auch hier schlagen Granaten und Raketen immer näher ein. Sergej klebt Schilder auf den Audi, "Achtung, Kinder", und verabschiedet seine Familie. Anna nimmt Kurs auf Moldawien. Sie weicht auf Nebenstraßen aus, sieht ausgebrannte Wagen, fährt Umwege und weiß: Sie muss durchhalten, physisch und mental. Fünf Tage werden sie unterwegs sein, nachts im Auto schlafen, bis sie Deutschland erreichen. Anna fleht per Freisprechanlage ihre Mutter Tamara an: "Bitte flieh auch. Du bist sonst ganz allein. Niemand bleibt."

Zur gleichen Zeit packt die Musiklehrerin Nadja, Patentante von Annas Sohn, mit ihren zwei Kindern die Koffer. Sorgenkoffer nennt sie sie. Alle Dokumente sind dabei. Ihr Mann bringt sie mit dem Auto so weit als möglich, die drei nehmen den Bus und gehen allein zu Fuß weiter über die Grenze nach Polen.

Ein typisches Flüchtlingsschicksal

Ortswechsel. In den kommenden Tagen und Nächten erreichen die ersten überfüllten Züge aus Kiew und Lemberg, aus Charkiw und Mariupol Berlin, die nächste Großstadt hinter der polnischen Grenze. Die Autorin und ihr Mann verfolgen so entsetzt und erschüttert wie Millionen anderer Menschen weltweit das Geschehen.

Sie empfinden sich beide, obgleich Jahre danach in Flüchtlingsfamilien geboren, als Kriegskinder. Die Großeltern und die kleinen Brüder meiner Mutter sind wie Zivilisten aus der Familie meines Vaters in den letzten Kriegswochen bei Berlin umgekommen. Die mütterliche Familie meines Mannes, der Großvater Schulleiter in einem sudetendeutschen Städtchen mit dem hübschen Namen "Freiheit", seine Frau und seine vier Töchter strandeten als Nobodies und Nichtgewollte, als typisches Flüchtlingsschicksal dort, wo sie nur Ablehnung empfing. Solche Prägungen begleiten spät geborene Kriegskinder bis heute.

Traumata der Vergangenheit und die Schuld des Gegenwartsglücks

Der Angriff Russlands auf die Ukraine hat uns und unsere Generation getriggert. Die damaligen Schrecklichkeiten aus den erzählten oder verschwiegenen Erinnerungen unserer Familien erkennen wir plötzlich als ferne Zeugen in der eigenen Gegenwart. Wir sind sofort von jenem Impuls getrieben, den zehntausende Menschen spüren. Hilfe als Ventil, um nicht untätig zuschauen zu müssen. Wie viele Menschen in Deutschland die mittlerweile 800.000 ukrainischen Geflüchteten unterstützen, ist kaum zu schätzen. Laut einer Umfrage des Allensbach-Instituts wollen 97 Prozent der Deutschen, dass wir ukrainische Flüchtlinge uneingeschränkt aufnehmen. Über die Hälfte könnte sich vorstellen, selbst zu helfen. Ein großer Teil tut es.

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Bewegen uns dabei allein die familiären Mahnungen der Vergangenheit? Oder kommt ein Schuldgefühl hinzu, wie der Psychiater und Ethiker Hanfried Helmchen vermutet? Nicht die Schuld der Eltern- und Großelterngeneration am Grauen in der Ukraine vor 80 Jahren sei damit gemeint, sondern die diffus unangenehme Empfindung, hier und jetzt sicher im Wohlstand zu leben, und sei es nur ein kleiner, währenddessen keine tausend Kilometer entfernt Menschen alles verlieren. Verschränken sich also die Traumata der Vergangenheit und die Schuld des Gegenwartsglücks? Jede Hilfe ist anders. Auch die Motive gleichen sich nicht.

Spenden zugunsten von Kriegsopfern

Daniel Draganov, Geiger im Orchester der Deutschen Oper Berlin, hat alle Angestellten des Hauses zusammengetrommelt, eine Spendenaktion im Publikum organisiert und vier Lastwagen mit Hilfsgütern beladen lassen. Er saß selbst am Steuer auf dem Weg zur ukrainischen Grenze. Zum ersten Mal begab er sich an Orte, wo ein Großteil seiner jüdischen Familie ermordet wurde. Draganov will versöhnen und den Kriegsopfern jene Hilfe bringen, die seinen Vorfahren versagt blieb. Unermüdlich sammelt er Spenden und plant jetzt die Partnerschaften der Opernhäuser von Kiew und Berlin unter der Schirmherrschaft der jeweiligen Bürgermeister Giffey und Klitschko. Engagement für ein Land, in dem die Deutschen und ihre Helfer einst über eine Million Juden ermordet hatten.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 21.05.2022 | 13:05 Uhr

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Flüchtlinge