Stand: 29.03.2018 16:24 Uhr

"Wie ich als Syrer in Deutschland lebe"

Er sei ein Sonntagskind, schreibt Faisal Hamdo in seinem gerade erschienenen Buch "Fern von Aleppo", fern von seiner Heimat also, fern von "der traurigen Berühmtheit Aleppo". Vor dreieinhalb Jahren ist er vor Krieg und Zerstörung zu uns geflohen. Jetzt beschreibt er - so heißt es im Untertitel - "Wie ich als Syrer in Deutschland lebe", und zwar in Hamburg.

Herr Hamdo, wenn man in ihrem Buch liest, was Ihnen in der Vergangenheit widerfahren ist, fällt es schwer, sie für ein "Sonntagskind" zu halten. Wie meinen Sie das?

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Faisal Hamdo hatte nach seiner Ankunft in Deutschalnd mit einigen Kulturschocks zu kämpfen.

Faisal Hamdo: In Syrien hatte ich ein schwieriges Leben, ich komme aus einer sehr armen Familie. Während der Schulzeit musste ich sowohl meinem Vater als auch meinen Brüdern helfen. Ich hatte Glück, denn ich fühle mich hier in Hamburg und auch in Deutschland gut eingelebt und gut angekommen. Deswegen habe ich mich als "Sonntagskind" beschrieben. Auch deshalb, weil ich während des Krieges, obwohl ich in vielen "heißen" Gebieten war, nicht ums Leben gekommen bin.

Sie sind seit dreieinhalb Jahren in Deutschland - woher sprechen Sie so gut Deutsch?

Hamdo: Ein berühmter Schriftsteller hat einmal gesagt: Ein Leben reicht nicht, um Deutsch zu lernen. Ich lerne immer noch Deutsch, und ich versuche immer, meine Sprache zu verbessern. Die deutsche Sprache ist auch nicht so leicht. Als ich hier ankam, hatte ich nur eins vor: die Sprache zu erlernen. Dadurch, dass ich Unterstützung von einigen deutschen Freunden bekommen habe, konnte ich mit den deutschen Menschen in Kontakt kommen. Und da ich auch ein paar Deutschkurse absolviert hatte, konnte ich ein bisschen mit der Sprache zurechtkommen.

Faisal Hamdo im Interview.

"Fern von Aleppo": Faisal Hamdo über Hamburg

Hamburg Journal -

Seit vier Jahren lebt der Syrer Faisal Hamdo in Hamburg. In seinem Buch "Fern von Aleppo" betrachtet er den deutschen Alltag - ein Buch über das Ankommen in einer fremden Kultur.

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Sie schreiben in ihrem Buch viel über Integration. Ihre scheint hervorragend gelungen zu sein: Sie arbeiten als Physiotherapeut am Universitätsklinikum Eppendorf, haben viele deutsche Freunde und Bekannte. Sie schreiben aber auch von misslingender Integration. Woran leidet diese Integration, an den Geflüchteten, an uns Deutschen?

Hamdo: Ich kann das nicht pauschalisieren, dass die Integration einer bestimmten Gruppe besser gelingt. Es gibt einige, die sagen, dass die Syrer sich schneller integrieren als die Afghanen oder andersherum. Das kann ich nicht sagen, weil ich nicht pauschalisieren will. Wie sind alle Menschen, und die Menschen sind unterschiedlich. Das heißt, es gibt Menschen, die die Chance bekommen, und dann ergreifen sie sie auch. Es gibt aber auch Menschen, die leider noch nicht angekommen sind, obwohl sie seit ein paar Jahren hier in Deutschland leben, und das liegt an vielen Dingen, etwa an den Lebensumständen. Ich arbeite jetzt auch ehrenamtlich und unterstütze Landsleute, die nach mir nach Deutschland gekommen sind. Und wenn ich Freunde besuche, die in den Unterkünften leben, sehe ich, dass sie Angebote für Integrationskurse bekommen, aber ich weiß nicht, ob diese Kurse gut organisiert sind, damit sie die Sprache lernen und gut integriert werden. Andererseits darf man auch nicht vergessen, dass die meisten Geflüchteten Geld vom Staat bekommen. Und ich bin manchmal skeptisch, weil wenn jemand alles bezahlt bekommt, ist man nicht mehr motiviert, um sich zu bemühen.

Sie erwähnen in Ihrem in weiten Teilen sehr amüsanten Buch mehrfach den Kulturschock, den Sie bei Ihrer Ankunft in Deutschland erlebt haben. Können Sie uns ein Beispiel geben?

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"Fern von Aleppo. Wie ich als Syrer in Deutschland lebe" ist in der Edition Körber erschienen und kostet 17,00 Euro.

Hamdo: Es gibt mehrere Beispiele. Kulturschock bedeutet auch, dass er gegenseitig erlebt wurde: Die Deutschen haben bei mir einen Kulturschock ausgelöst, und ich auch bei ihnen. Einen habe ich erlebt, als ich in Hamburg angekommen bin und ich die Stadt kennenlernen wollte, obwohl ich kein Wort Deutsch konnte. Das war im Sommer 2014. An der Alster habe ich viele halbnackte Hamburger gesehen, die die Sonne anschauten. Das war ein bisschen naiv von mir, aber ich fragte mich, was diese Menschen da machen - die Sonne anbeten? Das Lustige ist, dass ich das jetzt genauso mache, wenn in Hamburg die Sonne scheint.

Der zweite Kulturschock war, als ich eine betagte Dame begleitet und ihr beim Einkaufen geholfen habe - das war ein Minijob. Sie hat Kinder hier in Hamburg, aber sie besuchen sie nicht. Das hat mich sehr beschäftigt, und ich habe diese Dame gefragt, warum ihre Kinder nicht zu ihr kommen, warum sie allein, ohne Kinder, in einem so großen Haus lebt. Sie sagte: So ist das bei uns in Deutschland. Die älteren Menschen werden ins Altenheim geschickt, wenn sie sich im Haus nicht so gut fortbewegen können. Wenn man sich gut in seiner Wohnung bewegen kann, dann bleibt man allein, ohne Kinder, weil ein Leben mit den Kindern - das geht in Deutschland nicht.

Der dritte Kulturschock war, wie die Deutschen mit ihren Haustieren sprechen. Ich bewundere das an den Deutschen und habe großen Respekt davor. Wenn ich Freunde sehe, die mit ihren Hunden oder Katzen sprechen, denke ich mir: Sie reden mit diesen Tieren wie mit Menschen.

Ihr Buch ist seit knapp drei Wochen auf dem Markt und geht schon in die zweite Auflage. Es gibt also ein riesiges Interesse an Ihnen und Ihrem Buch. Nun sind Sie nicht der einzige Syrer, der derzeit in Deutschland lebt. Wie erklären Sie sich dieses große, auch positive Interesse?

Hamdo: Ich glaube, das liegt daran, dass die Menschen großes Interesse an diesen Themen haben: Syrien, Flüchtlinge und insbesondere Flüchtlinge nach ihrer Ankunft. Ich wollte zuerst über meine Fluchtgeschichte schreiben, aber nach und nach habe ich gemerkt: Das muss ein Buch sein über die Zeit nach der Ankunft: welche Schwierigkeiten man hat als Geflüchteter, welche Schwierigkeiten auch die Einheimischen mit den Geflüchteten haben, aufgrund der kulturellen Unterschiede usw.. Ich war sehr überrascht, als ich gesehen habe, dass die erste Buchvorstellung innerhalb von vier Stunden ausgebucht war. Das habe ich ein bisschen erwartet, aber nicht in dieser Geschwindigkeit.

Das Interview führte Jürgen Deppe

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NDR Kultur | Journal | 29.03.2018 | 19:00 Uhr

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