Gemälde von Rainer Maria Rilke © picture-alliance / akg-images

"Entdunkelung": Erste Gesamtausgabe von Rainer Maria Rilke

Stand: 04.12.2020 17:49 Uhr

Der Literaturwissenschaftler Christoph König arbeitet an der ersten vollständigen Gesamtausgabe mit Werken von Rainer Maria Rilke - versehen mit kritischen Analysen und Kommentaren. Der Titel: "Entdunkelung". Ein Gespräch über Rilke an dessen 145. Geburtstag.

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Herr König, Rilke ist einer der populärsten Dichter überhaupt - warum braucht es jetzt eine Gesamtausgabe mit seinen Werken?

Christoph König: Der Gedanke einer neuen Gesamtausgabe Rilkes ergibt sich zunächst daraus, dass die Gesamtausgabe, die der große Philologe Ernst Zinn in den 50er- und 60er-Jahren erstellt hat, zum einen überholt ist und zum anderen nicht mehr greifbar. Es gab Auswahlausgaben, eine im Jahr 1996, eine weitere 2015, immer auf Grundlage dieser Referenzausgabe Zinns. Und auch diese Ausgaben, die nicht vollständig sind, sind im Buchhandel nicht greifbar.

Und sie sind auch nicht kritisch kommentiert - Ihre Werkausgabe soll das ändern. Sie trägt darum auch den Titel: "Entdunkelung". Was an Rilke wird da genau entdunkelt?

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Schwarzweiß-Fotografie von Rainer Maria Rilke 1902 in der Wohnstube in Westerwede © picture-alliance / akg-images

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König: Man hat es bei Rilke mit einer paradoxen Situation zu tun. Rilke ist einer der bedeutendsten und bekanntesten Dichter deutscher Sprache weltweit. Er ist enorm populär, bis in die Popkultur hinein. Lady Gaga hat sich ein Rilke-Zitat in englischer Übersetzung auf ihren Oberarm tätowieren lassen, um nur ein Beispiel zu geben. Sätze wie: "Du musst dein Leben ändern", oder aus der ersten Elegie: "Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?", gehören fast schon zum alltäglichen Sprachgebrauch. Und dennoch hat man es bei den Gedichten Rilkes mit sehr schwer zu verstehenden Werken zu tun. Diese Schwierigkeit zeigt sich bei genauerem Hinsehen, und man entdeckt, dass das, was so leichthin verständlich erscheint, sich in einer sehr komplexen Sprachgebung zeigt, sodass die Gedichte - und darauf kommt es mir tatsächlich an - nicht dunkel sind, weil sie etwas verbergen wollen, sondern sie sind dunkel, weil sie auf eine sehr genaue und sich auf vielen komplizierten Wegen bewegende Gedanklichkeit enthalten.

Können Sie da ein konkretes Beispiel machen?

König: Nehmen wir den Anfang der Elegie, den ich schon genannt habe: "Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?" Man ist sofort geneigt zu sagen, es gehe dem lyrischen Subjekt hier um eine Erlösung seitens der Engel, um ein Gehörtwerden. Doch bei genauerem Hinsehen ist es eine Frage im Konjunktiv, ein experimenteller Gedanke: Was wäre wenn? Es stellt sich dann im Laufe des Gedichtes heraus, dass das Ich gar nichts wissen will von den Engeln, sondern ohne sie zurechtkommen möchte. Ich gebe ein anderes Beispiel: In dem vorletzten Sonett der "Sonette an Orpheus" liest man von der "unerhörten Mitte". Der erste Leseeindruck legt nahe, "unerhört" bedeute so viel wie "unglaublich", "das kann doch gar nicht sein". Wenn man den Gedanken des Gedichtes bis dorthin gefolgt ist, wird man erkennen, dass es auch mit dem Hören zu tun hat. Es ist eine Mitte, die nicht hörbar ist, die unerhört ist, und die auch nur unter größten Schwierigkeiten, von dem, der hier spricht, einem Dichter, in Erfahrung gebracht werden kann. So kommen diese verschiedenen Bedeutungen, die das Gedicht schafft, in einem Wort zusammen und bilden dessen scheinbare Dunkelheit.

Vielleicht passt hier auch Rilkes berühmtes Gedicht "Panther". Es wurde bereits als das Gedicht zur Corona-Pandemie gelesen: über den Panther, dem die Freiheit genommen wird und der sich der Außenwelt immer mehr entfremdet. Würden Sie sagen: Mehr Rilke in der Corona-Pandemie?

König: Ich würde sagen, dass die Lektüre eine Möglichkeit ist, die Freiheit des Lesers zu fördern. Das ist, in einer Zeit, in der der die Geistesgegenwärtigkeit so gefordert ist wie heute, auf jeden Fall wichtig.

Was würden Sie Rainer Maria Rilke zum 145. Geburtstag wünschen wollen?

König: Ich wünsche ihm, dass er die Leser findet, die er sich vorgestellt hat: Leser, die sich hinreißen lassen und im Hingerissensein darüber nachdenken, was eigentlich mit ihnen passiert.

Das Interview führte Andrea Schwyzer.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 04.12.2020 | 18:00 Uhr