Protestierende werfen die Edward-Colston-Statue in den Hafen von Bristol. © picture alliance / empics Foto: Ben Birchall

"Geschichte wird nicht ausradiert, sondern angemessener erzählt"

Stand: 21.07.2021 16:09 Uhr

Im vergangenen Sommer holten Demonstranten in Bristol die Statue des Sklavenhändlers Edward Colston von ihrem Sockel und versenkten sie im Hafen. Ein Gespräch über die Folgen mit der Kolonialhistorikerin Mirjam Brusius.

Frau Brusius, die Stadt Bristol hat im Nachgang auf den Sturz des Colston-Denkmals eine Kommission eingesetzt, mit der der Bürgerdialog gestärkt werden soll. An den Platz der Colston-Statue wurde diejenige einer Black-Lives-Matter-Demonstrantin gestellt, die Figur von Colston dafür im Museum platziert, wo sie historisch kritisch eingeordnet wird. Was hat der Fall des Denkmals darüberhinaus in Großbritannien bewirkt?

Mirjam Brusius: Großbritannien regierte mit dem British Empire einst ein Fünftel der Weltbevölkerung. Und über ihr Verhältnis zu den eher unangenehmen Aspekten ihrer Geschichte wissen die Brit*innen so wenig, da sich ein Großteil dieser Geschichte im Ausland abgespielt hat. Dort kam es zu Kolonisierung und zu Versklavung von Menschen durch Personen wie Colston. Vielen war hier bis vor kurzem gar nicht klar, welches Leid Menschen wie Colston über die Vorfahren ihrer eigenen Landsleute gebracht hatten und dass Rassismus heute eine direkte Folge davon ist. Im Schul-Curriculum und in den Museen gibt es da noch viel Nachholbedarf.

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Für diese Thematik wurde jetzt sensibilisiert. Aber was hat sich darüberhinaus getan auf der politischen Ebene, in der öffentlichen Debatte oder im gesellschaftlichen Klima?

Brusius: All dies war zwar schon länger Gesprächsthema, aber die Black-Lives-Matter-Bewegung hat hier den Weg für eine breitere Debatte geebnet. Die hat sich grob in zwei Themen unterteilt. Zum einen, wie diese Statue und die Diskriminierung der Nachfahren der ehemals Kolonisierten, die heute als Minderheiten in Großbritannien leben, miteinander zusammenhängen. Und zum anderen die Aufarbeitung der Mehrheitsbevölkerung: die materiellen Spuren des Empire, die sich hier wirklich durch jeden Straßenzug ziehen. Es gibt kaum Institutionen, die nicht direkt oder indirekt von Sklaverei profitierten. Diese Einsicht prägt sich erst langsam in das Bewusstsein der breiten Bevölkerung ein. Aber es tut sich etwas.

Sie arbeiten am Deutschen Historischen Institut in London, und Sie haben die Diskussion sowohl in Großbritannien als auch in Deutschland im Blick. Was unterscheidet die Diskussionen voneinander?

Brusius: Jedes Land bringt natürlich spezifische Herausforderungen mit sich. In Deutschland herrscht vor allem die Sorge, dass mehr Geschichte oder auch mehr Erinnerungen an Themen wie Kolonialismus und Sklaverei die Erinnerung an die Shoah verdrängen könnte. Das ist aus meiner Sicht unbegründet. Ich kenne keine Historikerin und keinen Historiker, der dies beabsichtigt, ganz im Gegenteil. Es geht eigentlich immer um mehr Kontext. Geschichte - das wird zum Glück auch vermehrt kommuniziert - ist ja kein Nullsummenspiel. Es geht lediglich darum, Lücken zu füllen über Dinge, über die wir noch nicht viel wissen. Und es geht auf keinen Fall darum, jemandem eine Erinnerung wegzunehmen. Es geht also nicht um weniger Erinnerung, sondern um mehr Erinnerung.

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Gleichzeitig muss man sagen, dass es in Deutschland auch immensen Nachholbedarf bei verschiedenen Themen gibt. Den wenigsten wird zum Beispiel klar sein, dass die ursprüngliche Fassade des Berliner Stadtschlosses, also des Humboldt Forums, durch den preußisch-brandenburgischen Sklavenhandel ermöglicht wurde. Oder dass die Rassentheorie, die im übrigen gemeinsam von Briten und Deutschen erfunden wurde, bis heute in die Gesellschaft hinein wirkt und dass das fatale Folgen hat für schwarze Menschen und andere ethnische Minderheiten in Deutschland.

Man kann also sagen, dass beide Länder von ihrer eigenen Geschichte eingeholt werden. Menschen aus ehemaligen Kolonien oder Nachfahren von Migranten fordern soziale Gerechtigkeit. Und Menschen, die privilegiert sind, erkennen wiederum selten, dass ihr eigener historischer Zugang einer selektiven Wahrheit entsprach. Sie bringt ein bestimmtes Geschichtsbild mit sich, und sie empfinden diese neuen Bewegungen daher oft als ungerecht. Geschichte wird aber nicht ausradiert, weder in Großbritannien noch in Deutschland, sondern sie wird nun angemessener erzählt und auf eine Art und Weise erinnert, die mehrere Seiten mit einbezieht.

Die Sensibilisierung für diese Themen, dass jetzt mehr Menschen Mitspracherecht fordern, das stößt nicht nur auf Zuspruch. Die Diskussionen werden häufig in recht drastischen Begrifflichkeiten beschrieben. Bei Johnson, aber nicht nur bei ihm, ist von "Kulturkrieg" die Rede. Was halten Sie von solchen Ausdrücken?

Brusius: Den "Kulturkrieg", so Kritiker*innen, gibt es eigentlich nicht, sondern er sei von der Tory-Regierung geradezu herbeigeredet, um sich eine bestimmte Wählerschaft zu sichern. Es wird bezweifelt, dass die Fokussierung auf Kultur oder auf die Universitäten, an denen angeblich Meinungsfreiheit eingeschränkt wird, wirklich die Themen sind, die einen Großteil des wirtschaftlich sehr angeschlagenen Landes gerade vorwiegend interessieren oder auch polarisieren. Dieser "Kulturkrieg" wird von Kritikern als Ablenkungsmanöver bezeichnet, der den Eindruck entstehen lassen soll, das Land sei vielleicht gespaltener, als es tatsächlich ist.

Man hat aber gerade an der englischen Fußballmannschaft im Rahmen der Europameisterschaft gesehen, die eine antirassistische und queer-freundliche Linie vorlebt, dass es doch mehr Rückhalt in der breiten Bevölkerung gab als vielleicht angenommen. Und das ließ die Regierung in einem problematischen Licht erscheinen, da ihr vorgeworfen wurde, sie hätte den Rassismus mit ihrer Politik befeuert. Die Fronten im "Kulturkrieg", falls es ihn gibt, sind also vielleicht durchlässiger als angenommen.

Auch in Deutschland wird viel über Meinungsfreiheit, über die vermeintliche Spaltung von Gesellschaft gesprochen. Würden Sie auch hier sagen, dass das alles zu drastisch formuliert wird? Ist das alles halb so wild?

Brusius: Es wäre gut, ein paar Schritte zurückzugehen und sich noch mal genauer Details in der Geschichte anzusehen, statt Debatten polemisch zu befeuern, ohne dass überhaupt das historische Wissen vorhanden ist. Wichtig ist auch zu betonen, dass Erinnerung und Gedenken generell den Ermordeten gelten muss - aber sie kann auch einen weiteren Nutzen haben, und dieser Nutzen wird bisher noch wenig kommuniziert. Dieser ritualisierte Satz "Nie wieder" müsste eigentlich übersetzt werden in die Einsicht, dass Antisemitismus heute ein zunehmendes Problem ist und dass auch andere minorisierte Gruppen heute noch von Rassismus betroffen sind. Diese Anerkennung würde das Zugehörigkeitsgefühl weiter stärken und Rassismus und Antisemitismus vorbeugen. Das heißt, Museen, Geschichtsdebatten, aber auch Geschichtsunterricht an Schulen werden dann relevant, wenn Menschen das Gefühl bekommen, dass es etwas mit ihnen zu tun hat. Und damit meine ich alle Bevölkerungsschichten. Es muss also anerkannt werden, dass verschiedene Erfahrungswelten und Zugänge, wie zum Beispiel moderne Flucht- oder Kriegserfahrungen, Platz in diesen Auseinandersetzungen haben.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

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NDR Kultur | Journal | 21.07.2021 | 18:00 Uhr

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