Ein Mädchen konzentriert sich auf einen Laptop. © photocase Foto: inkje

Digitalunterricht: "Im Moment ist es ein Flickenteppich"

Stand: 30.11.2020 18:59 Uhr

Beim Digital Gipfel hat eine Bildungsexpertenrunde über die Frage "Wie gelingt digitale Schule in Deutschland?" debattiert. Mit dabei war auch Christoph Meinel, Direktor und Geschäftsführer des Hasso-Plattner-Instituts für Digital Engineering.

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Herr Meinel, können Sie verstehen, dass nach einem Dreivierteljahr Erfahrung mit Digitalunterricht heute viele Schülerinnen und Schüler, viele Lehrerinnen und Lehrer, viele Eltern eher "Digitalunterricht - nein Danke!" rufen?

Christoph Meinel: Die Coronakrise und vor allen Dingen die Schulschließungen während der ersten Welle haben deutlich gemacht, dass wenn man überhaupt etwas im schulischen Bereich tun will, nur der digitale Weg bleibt. Deutschland war darauf nicht vorbereitet. Das ist ziemlich traurig, weil andere Länder schon sehr viel weiter waren. Wir haben uns in der Diskussion mit Fragen aufgehalten wie: Wie ist das mit dem Anschluss der Schulen ans Internet? Welche Geräte werden gebraucht? Braucht es digitale Infrastrukturen? Und auf einmal war klar, dass es nicht anders geht. Es sind sehr viele Notlösungen aus dem Hut gezaubert worden in dem Bemühen, die Kommunikation zwischen Schülern und Lehrern aufrechtzuerhalten. Das hat zu gewissen Ermüdungseffekten geführt.

Können Sie sich erklären, warum wir so abgehängt sind?

Christoph Meinel © imago
Christoph Meinel ist Direktor und Geschäftsführer des Hasso-Plattner-Instituts für Digital Engineering und Dekan der Digital Engineering Fakultät der Universität Potsdam.

Meinel: Wir haben ein sehr schwieriges Governance-Modell: Im Fall von digitalem Unterricht ist der Schulträger für die Hardware verantwortlich - aber das, was inhaltlich passiert, das bestimmt das Land. Insofern war ungeklärt, wer verantwortlich ist, die Grundlagen für digital unterstützten Unterricht zu schaffen. Auch wenn Schule ohne Pandemie wieder möglich sein wird, bieten die digitalen Technologien sehr viele Möglichkeiten, den Unterricht interessanter zu gestalten, einzelne Schüler im Unterricht individueller zu fördern und Kontakt mit anderen Schülern oder Klassen zu haben.

Können Sie ein Beispiel nennen? Wo ist so etwas tatsächlich anwendbar?

Meinel: Zum Beispiel wenn der Satz des Pythagoras im Mathematikunterricht besprochen wird: Da gibt es schöne Programme, wo man sich das veranschaulichen kann. Aber nicht nur die naturwissenschaftlichen Fächer bieten gute Möglichkeiten der digitalen Unterstützung, sondern auch die geisteswissenschaftlichen. Wenn zum Beispiel Goethes "Die Leiden des jungen Werthers" durchgenommen werden soll, und man vorher eine Minute lang einen Filmausschnitt zeigt, wie die Menschen damals gesprochen und ausgesehen haben, dann garantiere ich Ihnen, dass die Aufmerksamkeit der Schüler für die Textanalyse und -diskussion danach deutlich gehoben ist, als wenn nur ein Buch aufgeschlagen wird.

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Schüler sitzen mit Gesichtsmaske im Klassenzimmer. © dpa

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Es muss möglich sein, dass man im Unterricht leicht zwischen der digitalen und der analogen Welt hin und her springt. Und da fehlten die Voraussetzungen. Dazu muss die Schule einen guten Internetanschluss haben, die Schüler müssen mit entsprechenden Gerätschaften ausgestattet sein, es muss digitale Infrastrukturen geben und einzelne Lernanwendungen für die unterschiedlichen Altersgruppen und Schulfächer. All das ist kein Zauberwerk - aber es muss vorangebracht werden. Die Diskussion, ob wir in jedem Land eine andere Plattform brauchen, hat uns in diese Abseitsposition gebracht.

Von welcher Unterrichtsform sprechen wir? Ist das die Aufwertung des Präsenzunterrichts, indem man beispielsweise Filme zeigt? Das scheint noch nicht der ganz große Fortschritt zu sein. Oder ist es das Homeschooling, das aber einen sehr schlechten Ruf hat?

Meinel: Es beginnt damit, dass es möglich sein muss, digitale Medien zu nutzen. Oder dass man bestimmte Programme in den richtigen Situationen nutzt: Veranschaulichungsprogramme für den Mathematikunterricht oder Chemie-Experimente, die man selber steuern kann. Wenn wir über Homeschooling reden, reden wir über diese Extremsituation der geschlossenen Schule. Auch in dieser Situation kann die Digitaltechnik sehr gut helfen, wenn sie gut aufgesetzt ist. Im Moment ist es ein Flickenteppich von ganz verschiedenen Lösungen, der die Eltern und Lehrer nervt, weil sie sich immer wieder auf ein neues System einstellen müssen. Hier braucht es digitale Plattformen, wo der Lehre alles zur Verfügung hat, was er braucht, wenn er es nutzen will.

Es braucht auch die Absicherung der datenschutzrechtlichen Frage. Der Lehrer bewegt sich mit seinen Schülern - typischerweise minderjährig - im digitalen Raum, und da gibt es sehr hohe Anforderungen an den Umgang mit personenbezogenen Daten. Wir haben auch die Notwendigkeit, dass die Lehrer in ihrer Fortbildung lernen, wie man die Digitaltechniken gut im Unterricht einsetzen kann. Das ergibt sich nicht so ohne Weiteres. Der Umgang mit Büchern und Heften ist jahrhundertelang trainiert, aber die neuen Möglichkeiten müssen neu erfahren und in den Unterricht eingebaut werden.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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Eine Schülerin sitzt in der Klasse neben ihrere Schutzmaske. © picture alliance Foto: Marijan Murat

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NDR Kultur | Journal | 30.11.2020 | 18:00 Uhr