Lamya Kaddor © picture alliance/dpa Foto: Jörg Carstensen

"Die antisemitischen Ausschreitungen sind eine Schande"

Stand: 21.05.2021 10:37 Uhr

Im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt ist es auch hierzulande in den letzten Tagen immer wieder zu antisemitischen Ausschreitungen gekommen. Doch woher kommt der Hass - vor allem unter jungen Muslimen? Ein Gast-Kommentar von Lamya Kaddor.

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von Lamya Kaddor

Postings in Sozialen Medien, Interview-Statements und Kommentare sind eigentlich die falschen Formate, um auf den derzeit wieder aufflammenden Antisemitismus und die jüngste Gewalt zwischen Israel und der islamistischen Hamas einzugehen. Die Zusammenhänge sind dafür zu komplex. Trotzdem möchte ich einige Punkte loswerden.

Mit Gewalt lässt sich dieser Konflikt nicht lösen

Wir sprechen sehr ritualisiert über den Nahostkonflikt, weil sich Ereignisse stets wiederholen: Ein Funke löst im Pulverfass Nahost militärische Konfrontationen aus. Menschen sterben. Antisemitismus flammt auf. Es kommt zu Araberfeindlichkeit. Internationale Rufe nach Deeskalation folgen. Der Konflikt friert für gewisse Zeit ein. Der nächste Funke zündet. Die Rituale starten von neuem. So geht es seit Jahrzehnten.

Die jüngste Provokation begann auf israelischer Seite in der für beide Seiten heiligen Stadt Jerusalem. Im Ostteil stand die Zwangsräumung einiger Häuser von Palästinensern im Raum. Ostjerusalem ist ein Gebiet, das 1980 von Israel nicht völkerrechtskonform annektiert wurde. Natürlich darf man sich dagegen wehren. Aber es folgten Ausschreitungen, und mit Gewalt lässt sich dieser Konflikt eben nicht lösen. Das haben die vergangenen Jahrzehnte unmissverständlich verdeutlicht.

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Viele Muslime reagieren im Ramadan besonders sensitiv

Der Nahostkonflikt emotionalisiert so viele Menschen auf so vielen Ebenen. Unter Musliminnen und Muslimen ist die Solidarisierung auch deshalb so groß, weil die jetzige Eskalation in den Ramadan und aufs Ramadanfest gefallen ist. Dabei müsste man es als Muslim oder Muslimin leider gewöhnt sein, dass zu dieser Zeit besonders viel gekämpft wird. Obwohl die islamische Tradition eigentlich dann besonders viel Friedfertigkeit verlangt. Aber viele sind im Ramadan sensitiv bis in die Haarspitzen, sodass eine kalkulierte Verletzung des Heiligen auf andere einen besonderen Reiz ausübt. Zudem gilt Jerusalem den Muslimen nach Mekka und Medina als drittwichtigste Stadt.

Dennoch kann man sich nicht von der Hamas vertreten lassen. Sie ist eine Terrororganisation. Und sie unterdrückt die eigene Bevölkerung und setzt deren Leben aufs Spiel. Natürlich hat Israel das Recht, sich gegen sie und ihre Raketen zu verteidigen. Israels Existenzrecht ist nicht verhandelbar.

Man kann sich auch nicht mit den Palästinensern solidarisieren, indem man sich hierzulande protestierend vor Synagogen oder andere jüdische Einrichtungen stellt. Die antisemitischen Ausschreitungen dieser Tage sind eine absolute Schande.

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Wege des Ausgleichs müssen gefunden werden

Fassungslos macht mich auch, dass sich so viele Menschen mit muslimischem Familienhintergrund so kurzfristig dafür mobilisieren lassen. Bei keinem anderen Anlass strömen sie so zahlreich auf die Straßen. Diese Mobilisierungskraft beim Nahostkonflikt lässt sich nur mit Antisemitismus erklären.

Wo kommt der her? Historisch ist er im Vorderen Orient weit weniger verankert als etwa in Europa. Seit einigen Jahrzehnten aber dient der Antisemitismus vor allem Islamisten als breites Narrativ. Sie haben es geschafft, antijüdische Motive weit in der Mitte der muslimischen Bevölkerung zu etablieren. Antisemitismus ist heute unter ihnen leider überall auf der Welt relativ weit verbreitet. Nicht nur unter Muslimen - alle Kinder in Syrien und anderen arabischen Staaten der Region beispielsweise lernen schon in der Schule die Feindschaft zu Israel. Die Hamas gilt dabei vielen als "legitime Widerstandsorganisation".

Den Nahostkonflikt zu beenden, bedeutet auch dem Antisemitismus die Grundlage zu entziehen. Das geht nicht mit Gewalt. Da müssen nach Jahrzehnten endlich andere Wege gefunden werden! Wege des Ausgleichs. Die Hardliner auf beiden Seiten mögen diese Haltung als Verrat sehen: Aber ich bin nicht gegen "die" Israelis oder gegen "die" Palästinenser, sondern für Frieden und Zukunftsperspektiven für beide Seiten. Diese Region ist es mehr als wert!

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Kultur | Freitagsforum | 21.05.2021 | 15:20 Uhr