Stand: 09.02.2018 14:02 Uhr

Die Nebenwirkungen der #MeToo-Debatte

von Korinna Hennig

Seit Monaten hält die #MeToo-Debatte nun schon an, und sie ist noch lange nicht vorbei. Das liegt nicht nur an immer neuen Vorwürfen gegen Filmproduzenten und -regisseure wie Harvey Weinstein und Dieter Wedel. #MeToo hat eine neuen Kontroverse angestoßen: um die Freiheit der Kunst und der Alltagskultur zwischen Männern und Frauen.

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Am Gedicht von Eugen Gomringer auf der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin scheiden sich die Geister.

"Alleen/Alleen und Blumen/Blumen/Blumen und Frauen/Alleen/Alleen und Frauen/Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer" - ein halbes Jahr wurde an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin über dieses Gedicht von Eugen Gomringer diskutiert. Dann hat man entschieden: Es muss weg von der Hochschul-Fassade. Streng genommen nichts anderes als Zensur. Es ist eine Aneinanderreihung harmloser Substantive, ohne herabwürdigende Adjektive oder machtdemonstrierende Verben. Trotzdem sehen Kritiker darin Frauen zum Objekt gemacht.

Nebenschauplätze schaden Geschlechterdialog

Von einem "kunstfeindlichen Puritanismus" spricht deshalb der Soziologe und Buchautor Thomas Gesterkamp. Und dieser attestierte Puritanismus könne ziemlich kontraproduktiv sein: "Ich beobachte auch, dass im Bereich der sogenannten antifeministischen Männerrechtsbewegung #MeToo jetzt genutzt wird, um die Männer, die emanzipatorisch in den Geschlechterdialog gehen wollen, zu kritisieren: 'Ihr seht ja, wie hardcoremäßig der Feminismus agitiert, mit denen kann man gar nicht sprechen, also ist das eine gefährliche Tendenz.' Das werfe ich den Initiatorinnen von #MeToo nicht vor - aber es schadet dem Geschlechterdialog, wenn jetzt an Nebenschauplätzen wie diesem Gedicht so rigide agiert wird. Damit habe ich ein Problem."

Zu viel Political Correctness?

Radikale Antifeministen, betont Gesterkamp, habe es immer gegeben - und trotzdem: Die Kontroverse um das Gomringer-Gedicht offenbart eine üble Nebenwirkung der #MeToo-Debatte: Sie reißt Gräben auf, die längst überwunden schienen, und zieht neue ein. Weil deshalb selbst wohlmeinende Männer nun eine übertriebene Angst vor "Flirtverboten" propagieren, wandten sich in Frankreich prominente Frauen unter der Führung der Schauspielikone Catherine Deneuve an die Öffentlichkeit: mit einem Einwurf gegen zu viel Political Correctness - und einer krass formulierten Position: Von "Freiheit zur Belästigung" war da die Rede.

Jedes Ansprechen kann misslingen

Die Philosophin Svenja Flaßpöhler sieht das ähnlich: "Das hört sich erst mal hart an, das meint aber eigentlich nur die schlichte Tatsache, dass natürlich jede Verführung, jedes Ansprechen immer misslingen kann, immer umkippen kann in eine Belästigung. Das ist immer die Gefahr. Aber so ist die Welt! Und sich eine Welt zu imaginieren, wo es das nicht gibt - wo es keine Verletzungen gibt und keine Belästigungen, das ist eine Welt, in der ich letztlich nicht leben will, denn das wäre im Grunde eine höchst unfreie Welt."

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Grenzen sind individuell

Ein schwieriges Feld. Denn wo genau die Grenze verläuft zwischen Flirt und Belästigung, muss individuell ausgehandelt werden - damit Raum bleibt für Ironie, für Doppeldeutigkeit und Charme, ohne dabei brandgefährliche Klischees zu bedienen. "Vor allem finde ich aber, dass hier eine ganz alte Begehrensökonomie, ein ganz altes Bild von Weiblichkeit reaktiviert wird in dieser Debatte, nämlich das Bild, dass die Frau eigentlich auch immer nur reagieren kann auf das männliche Begehren, dass sie eigentlich gar kein eigenes Begehren hat", sagt Philosophin Flaßpöhler. Soziologe Gesterkamp sieht das ähnlich: "Diese alten Rituale, die wirken zwar verstaubt, aber das ist doch ein Spiel, das spielerische Verhältnis in den Geschlechterbeziehungen, und da finde ich das dann schon problematisch, was dann unter #MeToo alles mitverhandelt wird. Wo jeder Satz auf die Goldwaage gelegt und vermischt wird mit struktureller Gewalt in Arbeitsbeziehungen, mit Vergewaltigungsvorfällen. Das ist doch nicht das Gleiche, da muss unterschieden werden."

Shitstorm bei Meinungsäußerung

Gesterkamp betont, wie wichtig er die #MeToo-Debatte grundsätzlich findet, und dass er sie für heilsam hält, auch für Männer. Er hat mehrere Bücher über das Geschlechterverhältnis und den Wandel im Rollenverständnis von Männern geschrieben - und ist vorsichtig geworden: Wer in der Debatte eine Meinung hat, wird wahlweise von enthemmten Frauenfeinden oder ultraorthodoxen Feministinnen schnell mit einem Shitstorm überzogen. Das bekam auch der Schauspieler Matt Damon zu spüren. Weil er sinngemäß sagte, man müsse unterscheiden zwischen einem Klaps auf den Po und einer Vergewaltigung, zogen Kritikerinnen mit Online-Petitionen gegen ihn zu Felde: Er sollte aus seinem neuen Film herausgeschnitten werden. Was völlig unterging, war der zweite Teil seiner Äußerung, dass nämlich beide Verhaltensweisen zu verurteilen seien und ausgerottet werden müssten. Für Svenja Flaßpöhler, Chefredakteurin des Philosophie-Magazins, ist die #MeToo-Debatte "grob verallgemeinernd, was schon klar wird an dem Label '#MeToo' - also was denn 'Ich auch'? Wurde mir ans Knie gefasst oder wurde mir das Wort 'Dirndl' entgegengeschleudert oder wurde ich vergewaltigt? Das sind sehr unterschiedliche Fälle!"

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Große eigentliche Chance

Tatsächlich wirken Teile der Debatte deshalb anmaßend und herabwürdigend: Verletzungen der Opfer von Missbrauch und Vergewaltigung stehen dann in einem Kontext mit zopfigen Altherrenwitzen, auch wenn sie völlig frei von sexuellen Anspielungen sind. Radikale Feministinnen sprechen von struktureller Gewalt und sagen: Alles hat mit allem zu tun. Doch das bedeutet auch, dass alte Schablonen wieder zur Daueranwendung kommen - nach dem Motto: "Das sagst du nur, weil ich eine Frau bin!" Die Philosophin Flaßpöhler meint dazu: "Ja, es gibt ein Gefälle zwischen Männern und Frauen - doch das ist heutzutage eben wechselnd. Ich glaube, dass genau das doch die große eigentliche Chance ist, oder das, wo wir eigentlich hinkommen müssen - dass sich nämlich zwei verschiedene potente Geschlechter auf Augenhöhe und gleichberechtigt begegnen und nicht zwei Wesen, die irgendwie geschlechtslos sind."

Es geht um Freiheit der Kunst, auch der Unterhaltung - und um Deutungshoheit. Wer die nicht entweder den Antifeministen überlassen will oder einer ultraorthodoxen Genderpolizei, der muss im Dialog bleiben und Männer und Frauen mitnehmen in der Debatte - auch mit unliebsamen Äußerungen. Und mit Raum für Humor auf  Kosten der Klischees.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 09.02.2018 | 10:55 Uhr

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