Theater Göttingen © picture alliance / imageBROKER | Kurt Amthor

Deutsches Theater in Göttingen will nachhaltig werden

Stand: 11.05.2021 08:00 Uhr

Bei der Gemeinwohl-Ökonomie steht das Wohl des Menschen im Mittelpunkt. Das Deutsche Theater Göttingen will nun als erstes Theater eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen.

von Irene zu Dohna

Das Deutsche Theater in Göttingen hat sich Großes vorgenommen. Bis Ende November 2021 will es sein gesamtes Schaffen kritisch durchleuchten - und zwar unter den Gesichtspunkten Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, Transparenz und Mitbestimmung sowie ökologische Nachhaltigkeit.

Lieferketten unter die Lupe nehmen

Bereits im vergangenen Monat wurden die Lieferketten unter die Lupe genommen, erklärt Sandra Hinz, die Verwaltungsdirektorin des Theaters: "Ein Ziel ist es, die Kollegen und Kolleginnen, die für Bestellungen und solche Dinge zuständig sind, zu sensibilisieren. Wie kommen wir zu dem, was auf der Bühne steht? Woher kommt das Holz, woher kommen die Kostüme, wer hat die gemacht, wo werden die unter welchen Umständen produziert ? Gibt es diesen Gegenstand auch regional?" 

Bilanziert werden die beiden zurückliegenden Spielzeiten 2018/19 und 2019/20. Nachhaltigkeit ist eines der Themen, welches in der Theaterbranche schon seit längerer Zeit kritisch beobachtet wird. Denn überall dort, wo Schauspielhäuser am Wirtschaftskreislauf teilnehmen, haben sie auch Einfluss auf ihre Mitmenschen und die Umwelt - manchmal sogar bis auf die andere Seite des Globus.

Theaterarbeit in Zeiten von "Fridays for Future"

Der einfachste Weg Requisiten zu besorgen ist per Mausklick im Internet. Ist ein Theaterstück abgespielt, wird das Material für das dazugehörige Bühnenbild oft weggeworfen. Doch kann und will ein Theater sich das in Zeiten von "Fridays for Future" überhaupt noch leisten, fragt Carlsson Kemena.

Er leitet das Gemeinwohl-Projekt am Theater in Göttingen: "Wir haben jetzt einen Monat lang Zahlen gewälzt und uns Lieferanten angeschaut. Die Kolleginnen und Kollegen haben Fragebögen an ihre ganzen Zulieferer geschickt und gesagt: Hier, diese Frage kann ich nicht beantworten. Wie ist denn das bei dir in deiner Firma, woher beziehst du das? Kannst du eigentlich sicherstellen, dass das unter fairen Bedingungen entstanden ist?"

Gemeinwohl-Ökonomie ein demokratisches Wirtschaftsmodell

Auch vermeintlich unbedeutende Veränderungen spielen bei der Gemeinwohl-Bilanzierung eine wichtige Rolle. So wurden beispielsweise in der Maskenabteilung Abschmink-Wegwerftücher durch wiederverwendbare Stoffe ersetzt.

Die Kernidee der Gemeinwohl-Ökonomie: nachhaltig und sozial zu arbeiten. Die Wirtschaft muss der Allgemeinheit dienen. "Wir als Theater sind ein Unternehmen, das der Gemeinnützigkeit verpflichtet ist," erklärt Kemena. "Wir schaffen Kultur und wir schaffen Kunst. Und eine der Fragen, die man mit Kunst beantworten will, ist nämlich: Wie wollen wir als Gesellschaft miteinander leben? Vor diesem Hintergrund muss man das sehen. Gemeinwohl-Ökonomie ist eigentlich ein demokratisches Wirtschaftsmodell."

Transparenz und Mitbestimmung der Mitarbeiter wichtig

In diesem demokratischen Wirtschaftsmodell ist auch Transparenz und Mitbestimmung der Mitarbeiter ein wichtiger Punkt. Dieser soll in den kommenden Wochen am Deutschen Theater genau betrachtet werden.

Man sei hier auf einem guten Weg, denn bereits vor zwei Jahren wurde ein monatlicher Begegnungstag ins Leben gerufen, berichtet Carlsson Kemena: "Das ist etwas sehr Besonderes, weil da alle Mitarbeitenden des Unternehmens in einen Raum kommen, dann auch in Einzelgruppen. Man nimmt sich wirklich einen ganzen Tag dafür Zeit, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Ich glaube, das ist ein ganz wichtiges Instrument, damit alle gehört werden."

Ziel: miteinander ins Gespräch kommen

Die Gemeinwohl-Bilanz berge aber auch Konfliktpotenzial, fügt Carlsson Kemena noch hinzu. Was ist zum Beispiel, wenn herauskäme, dass die Hausbank von nebenan die Einlagen in Rüstungsgeschäfte investiert oder ein Zulieferer Kinderarbeit fördert?

Dennoch, Verwaltungsdirektorin Sandra Hinz ist überzeugt von der Idee der Gemeinwohl-Bilanz: "Mir geht es am Ende nicht darum, dass da ein Stempel drauf ist oder dass es da ein Zertifikat gibt. Mir geht es darum, dass es ein vernünftiger Weg zu sein scheint, mal Prozesse auseinander zu nehmen." Dem Deutschen Theater geht es nicht um eine Punktzahl, die am Ende auf einer Urkunde steht, sondern vielmehr darum, miteinander ins Gespräch zu kommen und zu reflektieren. Ende November will das Deutsche Theater seine Ergebnisse vorstellen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 11.05.2021 | 08:55 Uhr