Stand: 24.04.2020 17:12 Uhr  - NDR Kultur

Deutscher Filmpreis: Edgar Reitz erhält Ehren-Lola

Beim diesjährigen Deutschen Filmpreis werden die Lolas wegen der Corona-Pandemie nicht vor Publikum, sondern nur online verliehen. Die Ehren-Lola für das Lebenswerk geht in diesem Jahr an den Filmemacher Edgar Reitz. Mit seiner "Heimat"-Trilogie hat er Filmgeschichte geschrieben, auch Fernsehgeschichte und deutsche Kulturgeschichte. Ein Interview mit dem Filmregisseur.

Zuerst einmal herzliche Gratulation zur Auszeichnung mit der Ehren-Lola beim Deutschen Filmpreis.

Edgar Reitz: Danke.

Sie wurden ja schon einmal mit einer Goldenen Lola ausgezeichnet, für den Film "Die andere Heimat". Macht es Sie ein bisschen wehmütig, wenn Sie daran denken, dass das heute ohne roten Teppich und ohne Kolleginnen und Kollegen stattfinden wird?

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"Ich bin überzeugt davon, dass das Kino gebraucht wird und dass es sich erholen wird", sagt Regisseur Edgar Reitz.

Reitz: Es ist eine völlig neue Erfahrung - und die digitalen Medien machen jetzt einen enormen Entwicklungssprung. Es ist gut möglich, dass das auch nach der Corona-Krise ein Teil unseres gesellschaftlichen Lebens wird, viel mehr als es das bisher war. Ich bin sehr gespannt, wie das läuft und ob sich eine Spannung entwickelt.

Denken Sie, dass sich das auch auf das Kino auswirken wird? Das wird immer mal wieder für tot erklärt. Ist es jetzt tatsächlich so weit, ist das Kino gestorben?

Reitz: Das Kino erlebt seit einigen Jahren eine tiefgreifende Krise, die nichts mit Corona zu tun hat. Natürlich sind die jetzigen Schließungen für viele Betreiber ein großes Problem. Aber das eigentliche Problem ist in der technologischen Entwicklung begründet. Aufgrund der Möglichkeiten des Internets, der Streamingplattformen und der Heimkino-Bewegung ist der einzelne Film nicht mehr der wirkliche Grund, ins Kino zu gehen. Das Kino muss sich neu erfinden. Das geschieht in diesen Tagen: Wir können sehr schön beobachten, wie viele Möglichkeiten der neuen Begegnung mit Filmen sich in den neuen Medien anbahnen und wie es immer deutlicher wird, dass die soziale Komponente unverzichtbar ist. Insofern bin ich einer, der an die Zukunft des Kinos glaubt. Ich bin überzeugt davon, dass das Kino gebraucht wird und dass es sich erholen wird - in einer neuen Version.

Sie waren 30 Jahre lang mit ihren "Heimat"-Filmen beschäftigt, und natürlich wurden Sie oft zum Heimatbegriff befragt. Haben Sie jemals eine befriedigende Antwort darauf gefunden, was Heimat für Sie ist?

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Reitz: Gott sei Dank gibt es diese knappe Antwort nicht. Dieses Wort hat eine wunderbare Aura - das macht es ja so attraktiv als ein Wort der deutschen Sprache. Dieses Wort ist fast nicht übersetzbar in andere Sprachen. Darin ist eine unglaubliche Fülle von Assoziationen, von Gefühlen, von Erinnerungen, von Erwartungen. Und das macht es so poetisch und so geeignet für die künstlerische Darstellung. Ich hoffe sehr, dass das nicht politisch missbraucht wird.

Ulrich Matthes, Präsident der Deutschen Filmakademie, sagt, Sie hätten vor allem mit ihren "Heimat"-Filmen unvergessliche poetische Menschen und Bilder erfunden. Diese Filme seien nach wie vor aktuell, denn Sie zeigen mit ihnen, dass das aufgeladene Wort Heimat zu komplex sei, um es den Nationalisten vom rechten Rand zu überlassen. Denken Sie, dass das Wort Heimat in der aktuellen Zeit, durch Corona, noch einmal anders besetzt werden wird?

Reitz: Es ist immer in Bewegung, natürlich auch durch die Erfahrungen, die wir jetzt machen, dass wir auf den häuslichen Raum und den kleinen Radius unserer Bewegungsmöglichkeiten reduziert sind. Aber gleichzeitig wird uns auch bewusst, dass wir in einer wirklich globalen Welt leben. Nie war die Menschheit insgesamt von etwas so betroffen wie von dieser Pandemie. Das erzeugt genau das Gegenteil von einer provinziellen oder regionalen Heimat. Auf einmal wird uns klar, dass der Planet unsere Heimat ist. Die Menschheit ist eine Schicksalsgemeinschaft auf diesem Planeten. Das wird uns bei dieser Gelegenheit sehr deutlich. Wir können uns nicht abgrenzen, weil zum Beispiel solche Infektionswellen auch nicht Halt machen vor irgendwelchen nationalen oder politischen Grenzen.

Anna Hepp hat einen Dokumentarfilm über Sie gedreht: "800 Mal Einsam. Ein Tag mit dem Filmemacher Edgar Reitz". Da erfährt man noch viel mehr von Ihnen. Wie war das für Sie, die Seite zu wechseln?

Reitz: Das ist ein bisschen irritierend, wenn man sein Leben lang hinter der Kamera verbracht hat und man auf einmal auf der anderen Seite steht. Man kann nicht aufhören, sich einzumischen, was die Regie und so weiter angeht. Aber ich glaube, das ist dann letztlich doch gut gegangen.

Sie haben mit ihrer "Heimat"-Reihe das Genre der Serien fast erfunden. Schauen Sie aktuell eine Serie, die sie vielleicht empfehlen können?

Reitz: Ich habe immer gesagt, "Heimat" ist ein Epos und hat eher den Charakter eines großen Romans als den einer Serie, weil da nicht mit Cliffhangern und solchen künstlichen Dramatisierungen gearbeitet wird. Die meisten Serien, die mir im Internet angeboten werden, sind eigentlich kleine Dramoletten: Sie haben nicht den großen epischen Atem, den ich so liebe. Ich bin kein Serienfan, obwohl ich mit "Heimat" als der Vater der Serien gelte.

Vielleicht haben wir noch einmal die Möglichkeit, ihre "Heimat"-Filme zu sehen. Es existiert nämlich im Netz eine Onlinepetition, die das Fernsehen dazu auffordert, in der Corona-Krise die "Heimat"-Filme erneut zu zeigen.

Reitz: Da wäre ich auch sehr froh, weil es in den Jahren, in denen wir mit "Heimat" angefangen haben, ein unglaublich gutes Verhältnis der Zusammenarbeit zwischen Film, Kino und Fernsehen gab. Das ist inzwischen leider sehr ins Wanken geraten. Deswegen würde ich es wunderbar finden, wenn das endlich mal wiederholt würde nach über 35 Jahren.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

Regisseur Edgar Reitz ist diesjähriger Ehrenpreisträger des Deutschen Filmpreises 2020 © Christoph Hellhake, Edgar Reitz Filmproduktion Foto: Christoph Hellhake

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NDR Kultur - Journal Gespräch -

Mit seiner "Heimat"-Trilogie hat der Filmemacher Edgar Reitz Filmgeschichte geschrieben. Nun wird er mit dem Ehrenpreis der Deutschen Filmakademie geehrt. Ein Interview.

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NDR Kultur | Journal | 24.04.2020 | 19:00 Uhr

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