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"Der Klimawandel findet vor allen Dingen im Ozean statt"

Stand: 26.01.2021 15:03 Uhr

Die Vereinten Nationen haben die UN-Dekade der Ozeanforschung ausgerufen. Die Weltgemeinschaft soll bis 2030 deutlich mehr in die Meereswissenschaften investieren. Ein Gespräch mit der Klimaforscherin Katja Matthes.

Katja Matthes © picture alliance/dpa Foto: Axel Heimken
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Frau Matthes, Ozeane und Meere sind die größten Lebensräume der Erde. Dennoch stecken Staaten im globalen Durchschnitt nur 1,7 Prozent ihres Forschungsbudgets in deren Erforschung; in Deutschland liegt der Anteil unter 0,5 Prozent. Warum wird hier so wenig investiert?

Katja Matthes: Weil sie einfach nicht im Fokus standen, obwohl der Ozean 70 Prozent der Erdoberfläche bedeckt. Ich glaube, dass die Bedeutung des Ozeans in den Köpfen der Politiker und der Gesellschaft nicht verankert ist, welchen wichtigen Teil des Klimasystems der Ozean eigentlich beiträgt.

Die Generaldirektorin der UNESCO, Audrey Azoulay, bezeichnet das Wissen über den Ozean als Schlüssel für die Zukunft der Menschheit. Warum sind die Meere und deren Erforschung von essenzieller Bedeutung?

Katja Matthes © picture alliance/dpa Foto: Axel Heimken
Katja Matthes leitet seit Oktober 2020 das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel.

Matthes: Wir reden ja alle vom Klimawandel als eine der größten Herausforderungen der Menschheit. Die wenigsten wissen, dass der Klimawandel vor allen Dingen auch im Ozean stattfindet. Der Ozean wird wärmer, saurer, und der Meeresspiegel steigt. Aber der Ozean hat auch eine Pufferfunktion, und nimmt etwa 20 bis 30 Prozent der CO2-Emissionen auf. Der Ozean kann uns also beim Klimaproblem helfen.

Wenn wir die Erderwärmung auf 1,5 oder 2 Grad begrenzen möchten. Dann müssen wir zum einen Treibhausgase reduzieren, aber wir müssen auch Kohlenstoffdioxid künstlich aus der Atmosphäre entfernen. Der Ozean nimmt Kohlenstoffdioxid auf, was dazu führt, dass er saurer wird. Aber wir müssen den Ozean ertüchtigen, um noch mehr Kohlenstoffdioxid aufzunehmen und uns bei den Klimaproblem zu helfen.

Die UN-Dekade steht unter dem Motto "The Science We Need For The Ocean We Want" - die Wissenschaft, die wir brauchen, für den Ozean, den wir wollen. Was wir wollen, hat die UN-Generalversammlung in sieben Punkten beschrieben: einen sauberen, einen gesunden und widerstandsfähigen, einen produktiven, vorausschauenden, sicheren, zugänglichen und inspirierenden Ozean. Um all das zu erreichen, was für eine Wissenschaft erfordert dies? Was muss sie im Idealfall erfüllen?

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Matthes: Es geht zum einen um Ozeanforschung - vom Meeresboden bis in die Atmosphäre. Man muss das ganze Ozeansystem verstehen. Aber wenn es um Dinge geht wie Nahrungsmittelverfügbarkeit oder Seerecht, sieht man schon, dass es eine ganz weite systemische Perspektive der Meeresforschung braucht, wo man alle Disziplinen der Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften einbeziehen muss. Deswegen müssen wir uns zusammentun, und deswegen ist diese UN-Dekade der Ozeanforschung für nachhaltige Entwicklung so besonders wichtig.

Und welchen Beitrag kann das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, an dem Sie arbeiten, hier leisten?

Matthes: Zum einen entdecken und verstehen wir den Ozean weiter. Wir wissen nur ganz, ganz wenig - nur etwa acht Prozent des Meeresbodens sind vermessen und nur 20 Prozent der Meeresorganismen. Das ist der eine Beitrag, die Erforschung des Ozeans. Das andere ist, den Ozean zu schützen und zu nutzen: Wie kann man den Ozean als Schlüsselfaktor im Klimasystem ertüchtigen, um einen Beitrag zur Lösung der großen Zukunftsfragen, in dem Fall dem Klimawandel, zu leisten?

Sie haben gesagt, wie gering der Teil des Ozeans ist, den wir schon erforscht haben. Woran liegt das - abgesehen von der Unterfinanzierung? Was sind hier die besonderen Herausforderungen?

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Matthes: Es ist extrem schwierig: Wir haben extreme Bedingungen in der Tiefsee. Man muss unter extremen Drücken und bei extrem niedrigen Temperaturen messen. Die Instrumente, die wir einsetzen, sind Extrembedingungen wie im Weltraum ausgesetzt. Aber es ist auch schwierig, Messungen über eine lange Zeit zu generieren. Wir versuchen das mit unbemannten Unterwasserrobotern zu tun, aber da sind wir noch ganz am Anfang.

Wir haben darüber gesprochen, welche Kriterien die Wissenschaft erreichen muss, um den Ozean zu schaffen, denen wir wollen. Wie weit sind wir von diesem Ideal entfernt? Und wieviel kann in einer Dekade tatsächlich erreicht werden?

Matthes: Ich glaube, wir sind noch wirklich weit entfernt, weil man sich bisher nur auf das Klima, nur auf den Meeresschutz usw. fokussiert. Es muss zu einem Umdenken in den Köpfen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, der Politik und der Gesellschaft kommen, was die Perspektive angeht. Das ist eine riesige Herausforderung, das in einer Dekade zu schaffen - aber die nächste Dekade wird entscheidend sein, um im Klimawandel wirklich voranzukommen. Deswegen ist diese Dekade der Ozeanforschung für nachhaltige Entwicklung so wichtig. Wir brauchen viel Nahrung für die vielen Menschen, aber wir brauchen den Ozean auch als Erholungsraum.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 26.01.2021 | 18:00 Uhr