Stand: 23.07.2020 18:39 Uhr

Denkmalsturz: Symbolpolitik oder Notwendigkeit?

In Deutschland herrscht Streit darüber, wie mit den Erinnerungen an unrühmliche Kapitel deutscher Geschichte umzugehen ist. Im Zuge der "Black Lives Matter"-Demonstrationen gegen Rassismus fanden auch Denkmalstürze von Standbildern statt, die bis heute an Kolonialherren, Sklavenhändler oder Kriegstreiber erinnern. Der Historiker Jürgen Zimmerer findet den Bildersturz notwendig und richtig - Jürgen Kaube, Herausgeber der "FAZ", bezeichnet ihn als Symbolpolitik und lehnt ihn ab.

Herr Zimmerer, warum sollten Erinnerungen an die koloniale, rassistische Vergangenheit Ihrer Meinung nach aus dem öffentlichen Leben verbannt werden?

Jürgen Zimmerer © UHH/Dingler Foto: UHH/Dingler
Jürgen Zimmerer ist seit 2010 Professor für die Geschichte Afrikas an der Universität Hamburg und leitet seit 2014 die Forschungsstelle Hamburgs (post-)koloniales Erbe.

Jürgen Zimmerer: Sie sollten nicht aus dem öffentlichen Leben verbannt werden, sondern mein Argument ist, dass sie als Quelle erhalten bleiben, aber dass sie radikal entheroisiert werden. Das Verherrlichungspotenzial, das ihnen innewohnt und weshalb sie ursprünglich aufgestellt wurden, muss ihnen genommen werden, indem man sie auf den Kopf stellt, indem man die Sehgewohnheiten bricht und so eine Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus herbeigezwungen wird. Niemand soll vorbeigehen können, ohne sich mit diesem Denkmal auseinanderzusetzen.

Herr Kaube, könnten Sie sich damit anfreunden, zum Beispiel Standbilder auf den Kopf zu stellen?

Jürgen Kaube © picture alliance Foto: Jan Haas
Jürgen Kaube ist einer der vier Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und zuständig für das Feuilleton.

Jürgen Kaube: Ich würde da auf der einen Seite etwas konservativer vorgehen und auf der anderen Seite etwas radikaler. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es Denkmäler von Verbrechern gibt, die man aus der Öffentlichkeit herausnimmt, etwa bei politischen Umstürzen. Wir haben auch keine Adolf-Hitler-Straßen mehr oder dergleichen. Auf der anderen Seite hat Herr Zimmerer gesagt, viele Denkmäler waren ursprünglich der Verherrlichung gewidmet - "ursprünglich" ist für mich ein entscheidendes Wort. Es gibt natürlich viele Figuren, mit denen wir uns politisch nicht mehr komplett identifizieren, aber deren Fragwürdigkeit gar keine öffentliche Unruhe oder Leid mehr schafft.

Herr Zimmerer, zeugen diese Insignien, die von früherer Macht sprechen, auch heute noch von Macht? Könnte man sie nicht als historisch überwunden so stehen lassen?

Zimmerer: Man kann sie natürlich so stehen lassen - die Frage ist, ob man sie so stehen lassen soll. Ausgangspunkt der momentanen Debatte war "Black Lives Matter" und die nachvollziehbare Ansicht, dass sich der strukturelle Rassismus auch im öffentlichen Raum, in Denkmälern niederschlägt. Wir reden ja nicht über die Geschichte, sondern wir reden über jetzt; das ist eine Identitätsdebatte der Bundesrepublik Deutschland 2020. Es geht darum, wen wir ehren und wen wir nicht ehren, wer zu Wort kommen darf, wer Deutungshoheit hat, wer seine Stimme erheben darf und auf wen Rücksicht genommen werden wird. Wir müssen etwas ändern, denn wir sind nicht mehr die Gesellschaft des Kaiserreichs oder vor 1945, sondern eine völlig andere Gesellschaft, die auch möchte, dass zum Beispiel Denkmäler an die Opfer des Kolonialismus etwa oder an Frauen dazu kommen. Wir haben eine sehr männlich-weiß-dominierte Denkmalslandschaft, und die sollte aufgebrochen werden. Leute, denen man historisch eine Verantwortung an den Verbrechen des Kolonialismus zuschieben muss, sollten entsprechend gekennzeichnet werden. Es reicht nicht, irgendwo ein Schrifttäfelchen anzubringen - das ist reine Symbolpolitik. Sondern man muss den öffentlichen Raum umgestalten, die Denkmäler erhalten, aber entheroisieren.

Herr Kaube, können Sie da mitgehen? Entheroisierung als Reinwaschung?

Kaube: Entheroisierung setzt voraus, dass das Heroen sind, und da bin ich ein bisschen skeptisch. Ich glaube, die allermeisten Leute wissen beklagenswert wenig über all diese Namen. Das ist ein Sentiment, das sich bei Wissenschaftlern, die sich damit beschäftigt haben, und vielleicht bei einigen Aktivisten ergibt.

Aber durchaus fühlen sich offenbar viele Schwarzer hierzulande sehr verletzt, wenn sie beispielsweise in Berlin in der U-Bahn-Station "Mohrenstraße" ein- oder aussteigen.

Kaube: Ja, manche. Und andere bekunden das Gegenteil. Die lauteren Stimmen sagen, das gehe gar nicht und sei demütigend. Es gibt aber auch Stimmen, die nicht so laut sind, die sagen, dass sie damit leben können. Die einen sind in den Medien und werden gefilmt, und von den anderen hört man nicht so viel - in einer Demokratie kann das dass partikulare Betroffenheit allein das Kriterium dafür sein kann, ob etwas der Fall ist oder nicht.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 23.07.2020 | 19:00 Uhr