Stand: 24.03.2019 08:43 Uhr

Das "Celler Loch" als rhythmische Realsatire

von Sophie Mühlmann
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Der Anschlag auf die JVA Celle kommt im Schlosstheater auf die Bühne.

Das "Celler Loch" war ein bizarrer Skandal made in Niedersachsen: ein mysteriöser Sprengstoffanschlag auf die Justizvollzugsanstalt Celle in der Nacht zum 25. Juli 1978. Die Polizei war damals zunächst ratlos, vermutete eine Befreiungsaktion, immerhin saß in Celle ein mutmaßlicher RAF-Terrorist in Haft. Acht Jahre später kam dann ans Licht: Der Anschlag war inszeniert - eine geheime Aktion des Staates. Das Schlosstheater Celle hat diese Story in ein Schauspiel umgewandelt, ein Musical im Stil der Blues Brothers, das am Freitag uraufgeführt wurde.

Szene aus dem Musical "Celler Loch"

"Celler Loch": Die Realsatire als Musical

Hallo Niedersachsen -

Der Staat sprengt ein Loch in sein eigenes Gefängnis: Aus dem Politskandal "Celler Loch" macht das Schlosstheater Celle jetzt ein Musical – nach der absurden, wahren Geschichte.

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Die Geschichte inspiriert das Schauspiel

"Es war im Sommer 78 … ": Ein Ohrwurm, der immer wieder auf der Bühne erklingt. Der Song frisst sich in den Kopf und bleibt da kleben - das Thema des Schauspiels, mal rockig gespielt von der "Knastband" rund um Moritz "Mutz" Hempel, mal melancholisch nachdenklich. Der Sommer 78, die aberwitzigen Ereignisse rund um die JVA Celle, eine reale Satire, gegossen in ein Musical.

Regisseur hört in der Schweiz vom "Celler Loch"

Andreas Döring, Intendant am Schlosstheater und Regisseur sowie Autor des Stückes, hatte 1989 vom "Celler Loch" gehört. Damals arbeitete er noch in der Schweiz. Mit Freunden habe er die Dokumentation von Regisseur Herbert Linksch geschaut, die damals gerade mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet worden war. "Ich war ein junger Kerl, gerade 21, und ich war gleichermaßen amüsiert und schockiert von dem, was da passiert war." Das "Celler Loch" ließ ihn nicht los. Als Döring 2014 nach Celle ans Schlosstheater kam, brachte er schon die Idee mit: Irgendwann würde er ein Theaterstück daraus machen.

Ein Loch in der Gefängnismauer - und ein Riesenloch im Vertrauen in den Staat

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Regisseur Andreas Döring hat den Bericht des Untersuchungsausschusses als Textgrundlage genommen.

Was damals 1978 rund um die Justizvollzugsanstalt Celle geschah, ist so absurd, dass ein Drehbuchautor es kaum schräger erfinden könnte. Es war die Zeit nach der Ermordung Hanns Martin Schleyers durch die Rote Armee Fraktion (RAF), Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) hatte um "exotische Lösungen" im Kampf gegen den deutschen Linksterrorismus gebeten und Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) fühlte sich herausgefordert. Die Geschichte verselbständigte sich. "Wir gehen nicht weiter als der damalige Verfassungsschutz und die Regierung selber", erklärt Döring. "Wir bleiben streng beim Drehbuch der Regierung. Deswegen ist unsere Textvorlage auch der Bericht vom Untersuchungsausschuss, also da sind wir ziemlich wortgetreu."

Trockene Bürokratie mit fetziger Musik

375 Seiten trockener Bürokratie hat Döring durchgeackert. Satirische Elemente brauchte er gar nicht hinzuzufügen, die schrieb die Geschichte selbst. Und um das alles zu kommentieren, die wahren Begebenheiten zu entlarven und in ein ironisches Licht zu setzen, kommt die Musik dazu. Die Hits und das Lebensgefühl der späten 70er- und 80er-Jahre: Bob Dylan und Ton Steine Scherben, Freddy Quinn und Rio Reiser, Udo Lindenberg und Nena.

Ein Lokalmatador als musikalischer Leiter

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Moritz "Mutz" Hempel ist für die Musik im Stück verantwortlich.

Für die Musik konnte Döring den Celler Moritz "Mutz" Hempel und seine  Band "The Blackeyed Banditz" gewinnen - eigentlich eine Thrash Metal Band, die sich nun selbst auf die Zeitreise in die Vergangenheit begibt. "Mutz" spielt außerdem die Hauptrolle. Für ihn als gebürtigen Cellenser, der sich sehr für Geschichte interessiert, war das "Celler Loch" schon immer faszinierend. Als Schüler habe er sogar mal ein Referat darüber gehalten, erzählt er. "Das 'Celler Loch' gehört einfach dazu. Das ist halt so ein Ding, keiner hat es so richtig geschnallt, aber es ist einfach das erste, was einem um die Ohren gehauen wird, wenn man von Celle redet", so Hempel. "Das ist alles total skurril, was damals passiert ist."

Zeitreise in die 70er-Jahre

Im Stück spielt der Sänger nun Berger, einen von zwei Gefängnisinsassen, die als V-Leute vom frisch gegründeten niedersächsischen Verfassungsschutz in die Terroristenszene eingeschleust werden sollen. Und weil die ganze Aktion so dilettantisch organisiert war, übernehmen die beiden Schwerverbrecher am Ende selbst die Regie und kochen munter ihr eigenes kriminelles Süppchen. Alles wirklich so passiert, aber gleichzeitig wie bei den "Blues Brothers" im Kino. Die Kostüme dazu sind wie aus der Zeit gefallen: Die Dauerwellen und Schulterpolster der 80er-Jahre, als der ganze Schlamassel von einem Reporter der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" aufgedeckt wurde, und die 70er-Jahre mit Häkelweste und Wallerock und all dem bunten Haschisch-vernebelten Zeitgeist der Hippie-Ära, als radikale Gedanken in verräucherten WGs zwar hip waren, die Angst vor dem RAF-Terror aber das ganze Land prägte. Und auf das eher karge Bühnenbild der Gefängnismauern werden alte Fotos und Filmausschnitte jener Tage projiziert, die die Zeitreise komplettieren.

Der Augenzeuge sitzt im Theater

Paul Kühling war damals in allererster Reihe dabei. Der einstige Leiter der JVA Celle war 1978 vom Verfassungsschutz in die Aktion eingeweiht. Der heute über 90-Jährige ist regelmäßiger Theatergast, hat seinen Stammplatz im Saal abonniert. Seine eigene Geschichte nun hier auf der Bühne zu sehen, weckt gemischte Gefühle. "Es kommt einem alles wieder zu Bewusstsein, was damals war", sagt Kühling nachdenklich. "Es war nicht gerade einfach, diese Sache damals mitzumachen, vor allen Dingen gegenüber meinen Beamten, die ich da ja auch praktisch hinters Licht führen musste."

Ex-Justizminister Schwind kommt nicht

Kühling nimmt das Theaterstück trotzdem mit Humor. Andere Akteure von damals vielleicht weniger, meint er. Zum Beispiel der einstige Justizminister Hans-Dieter Schwind (CDU), der zum Zeitpunkt der Explosion an der Gefängnismauer - der "Aktion Feuerzauber" - gerade mal 14 Tage im Amt war, und mit dem Kühling noch immer in Kontakt steht. "Der kommt bestimmt nicht ins Theater, das kann ich so schon sagen", berichtet der Ex-Gefängnisleiter. "Der weist die ganze Sache weit von sich. Für ihn war das wohl auch nicht so ganz angenehm. Schließlich hat er ja federführend mitgemacht. Ich selbst war ja nur ein kleines Kirchenlicht."

Erster deutscher Fake-News-Skandal

Die Botschaft des Stücks ist heute so aktuell wie damals: Der Zweck heiligt nicht jedes Mittel. Das "Celler Loch" war auf seine Art ein erster Fake-News-Skandal in Deutschland. Regisseur Andreas Döring beschreibt die Schwarz-Weiß-Denkart der 80er-Jahre. Für ihn sind die Ereignisse in Celle lehrreich: "Das sind die angeblich Guten, das sind die angeblich Bösen. Und siehe da: Selbst das funktioniert schon nicht." Als Motto hat er einen alten Lieblingsspruch seiner Großmutter aus Böhmen gewählt: Der Witz ist das Loch, aus dem die Wahrheit pfeift.

Weitere Informationen

Juli 1978: Celler Loch erschüttert Niedersachsen

Als am 25. Juli 1978 eine Bombe an der Celler Gefängnismauer detoniert, deutet alles auf Terroristen hin. 1986 kommt heraus, dass die Attentäter Verfassungsschützer waren. (25.07.2018) mehr

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 23.03.2019 | 19:30 Uhr

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