Dorian Gray (gespielt von Christopher Carduck) in "Das Bildnis des Dorian Gray". © Olaf Struck

"Das Bildnis des Dorian Gray": Gelungener Abend mit dem Kieler Ballett

Stand: 04.06.2021 18:59 Uhr

Der Traum von ewiger Jugend und Schönheit ist das zentrale Thema in dem Roman "Das Bildnis des Dorian Gray" von Oscar Wilde. Das Ballett am Theater Kiel hat die berühmte Geschichte am Donnerstagabend in einer Fassung von Yaroslaw Ivanenko aufgeführt.

von Milad Kuhpai

Ein Bühne, die den Eindruck einer offenen Probe vermittelt. Fahrbare Spiegel, ein großes, fein beleuchtetes Porträt mit goldenen Rahmen und in unmittelbarer Nähe sitzende Musikerinnen und Musiker erzeugten eine Studio-Atmosphäre. Dieses zeitlose und zurückhaltende Bühnenbild schaffte einen Rahmen, in dem der Tanz perfekt zur Geltung kam. 

Ein Stück für die gesamte Ballett Compagnie

Basil Hallward (dargestellt von Jean Marc Cordero) und Dorian Gray (Christopher Carduck) in "Das Bildnis des Dorian Gray". © Olaf Struck
Tänzer Christopher Carduck (rechts) präsentierte eindrucksvoll das Hin- und Hergerissensein der Hauptfigur Dorian Gray.

Choreograph Yaroslav Ivanenko, seit bald zehn Jahren Ballettdirektor am Theater Kiel, ist froh, mit der Auswahl dieses Stücks keinen Kompromiss eingegangen zu sein. Derzeit sei eine "komische Zeit" mit Abstandhalten und Beschränkungen: "Also musste ich etwas finden, was wir in der jetzigen Zeit als Vorstellung zeigen können. Deswegen habe ich 'Dorian Gray' genommen. Ursprünglich dachte ich, ich muss ein Ballett für eine Person nehmen. Das geht natürlich nicht. Und hier können Sie die ganze Compagnie sehen."

Expressive Kammermusik von Schostakowitsch

Sibyl Vane (dargestellt von Keito Yamamoto) in "Das Bildnis des Dorian Gray". © Olaf Struck
Keito Yamamoto als Sibyl Vane war an Feinheit kaum zu übertreffen.

In einer sehr intimen Besetzung - nur ein Streichquartett und ein Pianist - hat Dirigent Daniel Carlberg einen ganz besonderen Rahmen geschaffen. Die fünf Musizierenden saßen im hochgefahrenen Graben vor der Bühne, und nicht wie sonst - Pandemie-bedingt - hinter der Bühne, was einen sehr direkten Kontakt zum Publikum und gleichzeitig zu den Tänzerinnen und Tänzern auf der Bühne ermöglichte. Mit sehr expressiver Kammermusik von Schostakowitsch, zwei sanften Nocturnen von Chopin und zuletzt mit New Classics von Ludovico Einaudi gab es breites Spektrum an Stimmungen, von sanft bis wild.

Mit starkem Ausdruck und einem gelungenen Wechsel der Gefühle präsentierte Tänzer Christopher Carduck das Hin- und Hergerissensein der Hauptfigur Dorian Gray. Sein dunkler Gegenpart, Lord Henry Wotton, getanzt von Amilcar Moret Gonzales, vervollständigte die Figur zu einem Ganzen. An Feinheit kaum zu übertreffen: Keito Yamamoto als Sibyl Vane.

Gelungener Kammermusik- und Ballettabend im Kieler Theater

Der mit Abstand größte und stärkste Moment des Abends war die Schlussszene, ein großer Augenblick der Erkenntnis des Dorian Gray, der im Angesicht des Todes sieht, wohin sein ausschweifendes Leben - der Pakt mit dem Teufel - geführt hat und er im Angesicht des Todes vor dem Porträt stehend zusammenbricht.

Das Bildnis des Dorian Gray am Kieler Opernhaus war ein gelungener Kammermusik- und Balletabend zugleich.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Moin! Schleswig-Holstein – Von Binnenland und Waterkant | 04.06.2021 | 19:00 Uhr